Vulkanausbruch

Wie eine Aschewolke Westfalen lähmt

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Dortmund.. Es scheint, als breite sich die Aschewolke jeden Tag ein bisschen weiter über das öffentliche Leben aus. Erst fielen ihr nur einzelne Reisende zum Opfer. Jetzt sitzen hunderttausende Passagiere an Europas Flughäfen fest. Firmen fehlt das Personal, das aus dem Urlaub nicht zurückkehrt, Geschäften fehlen Produkte. Ein Ende? Nicht absehbar.

Viktoriabarsch ist aus. Steinbeißer-Filet fehlt. Und beim Zander winkt Karin Freudenreich gleich ab und sagt: „Sieht zappenduster aus.” Die 66-Jährige ist Fisch-Händlerin. Auf über 30 Märkten in Westfalen verkauft sie die schuppigen Tiere. „Ich mache das jetzt 31 Jahre, so etwas habe ich noch nie erlebt.” Kein Gramm dieser Fische sei momentan zu bekommen - weder in Holland noch an der deutschen Küste. „Die Fische kommen normalerweise mit Flugzeugen aus Russland, aus Island und aus Afrika, da ist momentan nix zu machen. Das gibt dicke Umsatzeinbußen”, glaubt Karin Freudenreich.

Die Folgen des Vulkanausbruchs in Island – sie beschäftigen längst nicht mehr nur wenige Geschäftsreisende. Jeder ist betroffen. Jeder kennt irgendjemanden, der im Ausland gestrandet ist. Wie der Dattelner Mario Lezalla, der mit seiner Frau seit dem Wochenende am Bangkoker Flughafen festsitzt – das Ende der Flitterwochen hatte sich das Paar anders vorgestellt.

Ilona und Thomas Riedl sitzen dagegen in ihrem Wohnzimmer in Dortmund – dabei wollten sie doch eigentlich gerade Namibias Hauptstadt Windhuk erkunden. Stündlich riefen sie bei der Airline an und wurden vertröstet. „Schließlich wurde der Flug annulliert und wir wurden auf eine Maschine am Donnerstag umgebucht.” Ob die Riedls die Kosten für die bereits gebuchten Hotels, die sie jetzt nicht in Anspruch nehmen können, erstattet bekommen, konnte ihnen in ihrem Reisebüro niemand beantworten. „Bei denen ist die Hölle los”, sagt Thomas Riedl.

Wie in nahezu allen Reisebüros. Die Touristik der Rewe Group mit den Reiseveranstaltern Dertour, Meier’s Weltreisen, ADAC-Reisen, ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg haben alle Flugpauschalreisen bis einschließlich Dienstagnacht abgesagt. Etliche Veranstalter haben 24-Stunden-Hotlines geschaltet, um der geballten Nachfrage der Kunden überhaupt Herr werden zu können. „Alle Leitungen laufen heiß, und die am häufigsten gestellte Frage können wir nicht beantworten. Sie lautet: ‘Wann kann wieder geflogen werden?’”, sagt Antje Günther, Pressesprecherin der Rewe-Bausteintouristik. Gute Nachrichten hat sie für Kunden, die ihre komplette Reise bei einem der Gruppe zugehörigen Veranstalter gebucht haben: „Die können bei uns kostenlos stornieren und bekommen ihr Geld zurück.” Wer allerdings den Flug privat gebucht habe, der bleibe auf den Hotelkosten sitzen.

Neben den vielen Menschen, deren Urlaubsplanung komplett auf den Kopf gestellt ist, beschäftigt die Reiseveranstalter mindestens genauso ausgiebig das Problem ihrer gestrandeten Touristen. „An manchen Orten sind die Unterkünfte für die Gestrandeten gesichert, weil aufgrund der Situation nur relativ wenige neue Touristen ankommen. In Ägypten oder in der Türkei ist die Situation dagegen angespannt, weil dorthin auch viele Osteuropäer reisen – und deren Lufträume sind nicht gesperrt”, sagt Antje Günther.

Es gibt nicht wenige westfälische Touristen, die auf eigene Faust nach Lösungen suchen und dabei auf die Telefonnummer von Christof Helm stoßen. Helm ist Leiter des Flugausbildungszentrums in Dortmund, bei ihm stehen fünf kleine Motorflugzeuge zur Charter bereit. „Die dürfen abheben, weil die auf Sicht geflogen werden, nur in etwa 1000 Meter Höhe unterwegs sind und durch ihre Luftfilter keine Staubpartikel ansaugen.” Perfekt, dachte sich ein gestrandeter Westfale auf Ibiza und ein Ehepaar, das in der Türkei festsaß. Doch Helm sagte ihnen ab. „Ich biete keinen Shuttle-Service an. Ich vermiete meine Maschinen ausschließlich an Kunden, die selber fliegen.” Für Kunden mit Fluglizenz hat Christof Helm noch Maschinen frei. Auch kurzfristig.

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