Spionage-Thriller

Wie aus einem U-Boot ein Kreuzfahrer wurde

Foto: Transocean Tours

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Geburt der MS Astor - es ist eine Geschichte von Spionen und Agenten.

Die „U-Boot-Affäre” war der größte politische Skandal in der Bundesrepublik der 80er Jahre. Mittendrin ein unschuldiges Kreuzfahrtschiff: die MS Astor. Vier Jahre lang - von 1986 bis 1990 - versuchte ein Untersuchungsausschuss Licht in dunkle Geschäfte zwischen Südafrika und Deutschland zu bekommen. Immer wieder wurden die Sitzungen verschleppt, bis ein Spionage-Thriller in Vergessenheit geriet.

Ein rettender Engel

Wir schreiben das Jahr 1983. Die deutsche Werftindustrie liegt am Boden. Nur gut, dass ein rettender Engel auftaucht. Ein Engel, der nicht salonfähig ist: Südafrika. Er macht dem Ingenieurkontor Lübeck, einer Tochter der Werft HDW, ein unmoralisches Angebot. Südafrika will deutsche U-Boote haben. Die Sache hat einen Haken: Deutschland darf keine Waffen an den Staat, der seine schwarzen Bürger unterdrückt, liefern. Das wäre ein klarer Verstoß gegen die Embargo-Bestimmungen. Schützenhilfe für das Geschäft kommt aus Bayern.

Der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Strauß verspricht 1983 bei einem Besuch in Südafrika dem dortigen Regierungschef Pieter Willem Botha, sich dafür einzusetzen, dass deutsche U-Boote geliefert werden. Aus der damaligen Hauptstadt Bonn kommen Signale, dass man nichts gegen die Geheimgespräche im hohen Norden hat.

Arbeitsplätze bei HDW sichern

Im Frühjahr 1984 treffen sich Kanzler Helmut Kohl und Strauß. Sie unterhalten sich laut den Protokollen des Untersuchungsausschusses über die Sicherung der Arbeitsplätze bei HDW. Wenn die Werft U-Boote für Südafrika bauen darf, dann wäre die Beschäftigung gesichert und die Regierung müsste ein paar Millionen weniger in das Unternehmen stecken.

Die Südafrikaner wollen aber inzwischen lieber die Schiffe im eigenen Land bauen. Dazu brauchen sie nur die Pläne. Ein solches Geschäft würde keine Arbeitsplätze bringen. Dann kam die Idee: Ein ziviler Auftrag als Ersatz, zum Beispiel für den Bau eines unverdächtigen Kreuzfahrtschiffs könnte das Problem lösen. Dann hätte man auch eine Erklärung dafür, wenn eine rege Reisetätigkeit von Schifffahrtsexperten zwischen Kapstadt und Kiel einsetzen würde.

Das Geschäft wird immer undurchsichtiger

Zwar versichern später alle Beteiligten, es sei legal was sie getan hätten, aber sie legen sich zuerst einmal eine Geheimsprache für die Kontakte zu. Spätestens jetzt wird aus dem Fall ein echter Agenten-Thriller. Das Millionengeschäft läuft unter der Codebezeichnung „IK 97” ab. Statt Deutschland sagen die Geschäftspartner lieber „Tjello”. „Karate” steht für Südafrika.

Die Pläne werden auch nicht mit der Post geliefert. Zwischen Oktober 1984 und Juni 1985 schmuggeln Diplomaten der südafrikanischen Botschaft Mikrofilme in ihrem Gepäck in die Heimat. Was dort vergrößert wurde, scheint die Verantwortlichen von der Qualität deutscher Schiffe zu überzeugen. Auf jeden Fall bestellte Südafrika bei der U-Boot-Schmiede von HDW in Kiel am 12. April 1985 kein Kriegsschiff, sondern die MS Astor.

Das undurchsichtige Waffengeschäft wird heute von Historikern im Zusammenhang mit dem Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel in der Badewanne eines Hotels in Genf gesehen.

Ganz nebenbei entstand eines der schönsten Kreuzfahrtschiffe

Barschel soll in die Abwicklung, der Geschäfte über die ehemalige DDR und die Sowjetunion beteiligt gewesen sein. Offiziell ist dieses dunkle Kapitel der deutschen Wirtschafts-Geschichte nie aufgeklärt worden. Inoffiziell sollen die noch fehlenden Daten über die Türkei geliefert worden sein. Offiziell wurde immer behauptet, die gelieferten Pläne hätten nie zu dem Bau eines U-Bootes gereicht.

Inoffiziell und ganz nebenbei ist dadurch eines der schönsten Kreuzfahrtschiffe der Sieben Meere entstanden.

Hintergrund

Klaus Bröking, Autor der Geschichte, ist Redakteur der Westfälischen Rundschau und hat das Buch „MS Astor, MS Astoria - Eine deutsche Geschichte" geschrieben.

In dem reich bebilderten Werk wird die abenteuerliche Geschichte der beiden populären deutschen Kreuzfahrer beschrieben. Es handelt aber auch von den Menschen, deren Leben für kürze oder längere Zeit mit den Schiffen verbunden ist und dem Alltag auf einem schwimmenden Luxushotel.

Das Buch ist für 24,95 Euro im Buchhandel zu erhalten.

Fünf vom Autor handsignierte Exemplare werden unter den Teilnehmern des WR-Quiz verlost.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben