WR-Serie „Integration“

Wenn eine Unterhose zum Streitfall wird

Lesedauer: 4 Minuten
Manchmal kann eine Unterhose auf der Wäscheleine das Zusammenleben stören.

Manchmal kann eine Unterhose auf der Wäscheleine das Zusammenleben stören.

Foto: WR

Arnsberg. Mit einer neuen Form von Streitschlichtung sollen Auseinandersetzungen zwischen Türken und Deutschen beigelegt werden, bevor sie am Gericht landen. In Arnsberg gründet sich dazu ein hierzulande in dieser Form bislang einmaliger Verein, der zwischen den Parteien vermitteln will. Rechtskundeunterricht für Interessierte aus der Türkei soll zudem mehr Verständnis für die deutsche Rechtsordnung bringen – und so helfen, Kriminalität zu vermeiden.

Was viele nicht wissen oder ahnen: Das deutsche und das türkische Recht sind sich in vielen Bereichen sehr ähnlich. „Es gibt nur in einigen Randbereichen Unterschiede“, sagt Peter Marchlewski, Richter am Arnsberger Landgericht und einer der Initiatoren des „Deutsch-Türkischen Rechtswissenschafts-Vereins“. Dennoch hören Richter immer wieder in Verhandlungen von Angeklagten, dass „zuhause die Rechtsordnung ganz andere Dinge erlaubt“. Kommt es etwa zu Prozessen, wenn türkische Männer ihre Frauen geschlagen haben, lautet deren Rechtfertigung oft: „Sie hat nicht gehorcht – dafür durfte ich sie nach unseren Gesetzen ohrfeigen.“ Doch Körperverletzung, sagt Richter Marchlewski, „ist auch in der Türkei strafbar – und wird zumindest in den Städten auch juristisch verfolgt.“

Aufklärung über die deutsche Rechtsordnung einerseits, Auseinandersetzung mit der türkischen andererseits – das ist es, was der Verein künftig leisten will. „Ich bekomme von den Parteien doch deutlich mehr Akzeptanz, wenn sie merken, dass ich mich mit ihrer Rechtskultur beschäftigt habe“, ahnt Marchlewski. Deshalb will der Verein Mediatoren ausbilden, die schon vor der Eröffnung eines Gerichtsverfahrens zwischen Deutschen und Türken vermitteln. Dazu werden bei der Streitschlichtung Anwälte mit türkischen Wurzeln und Sprachkenntnissen und solche aus Deutschland gemeinsam teilnehmen und nach einer Lösung des Streits suchen.

Das hätte in einem Fall wie dem zweier Nachbarn aus Arnsberg möglicherweise frühzeitig geholfen. Heftigst hatten sich die beiden Männer – einer aus der Türkei, der andere aus dem Sauerland – um Kleinigkeiten gestritten. Am Amtsgericht versuchte der Richter herauszufinden, wie es zu dem beinahe handgreiflich endenden Ärger gekommen war. „Er hat mich übel beleidigt, immer wieder!“, klagte der Türke – was der Deutsche überhaupt nicht verstand. Er war sich keiner Schuld bewusst.

Streit ums Rasenmähen

Weil die deutsche Familie auf einem Wäschetrockner vor dem Wohnzimmerfenster der Türken nicht nur Pullover und Kleider aufgehängt hatte, sondern auch Unterwäsche, fühlte sich der streng gläubige Muslim persönlich angegriffen – der Streit eskalierte.

In einem anderen Fall ging es ums Rasenmähen: Immer wieder mähte ein türkischer Hausbesitzer sonntags sein Grün. Und ging dem deutschen Nachbarn damit auf die Nerven. „Der Türke gehörte einer islamischen Glaubensrichtung an, für die der Samstag ein heiliger Ruhetag ist – und nicht der Sonntag“, erläutert Dr. Kandemir Özdemir, türkischer Honorarkonsul aus Werl. Erst vor Gericht, wo der Arnsberger geklagt hatte, wurde das klar. Man einigte sich, künftig weder samstags noch sonntags zu mähen und lebt seitdem friedlich zusammen.

Zusammenarbeit mit der Ruhr-Universität

Neben der Streitschlichtung hat sich der Verein auch das Thema Aufklärung über die deutsche Rechtsordnung auf die Fahnen geschrieben. So soll speziell für Türken Rechtskundeunterricht angeboten werden, ähnlich wie er schon seit einiger Zeit in Schulklassen stattfindet. Zudem soll an Universitäten in der Türkei durch Gastvorlesungen den Jura-Studenten deutsches Recht näher gebracht werden. Dazu gibt es eine Kooperation mit der Ruhr-Uni Bochum. „Deutschland und Türkei haben intensive wirtschaftliche Beziehungen – da sollen auf diesem Wege Unsicherheiten bei Investoren und Handelspartnern abgebaut werden“, erläutert Richter Marchlewski die Intention. Was die Erfolgaussichten des Projektes betrifft, ist Peter Marchlewski sehr zurückhaltend. „Wir betreten Neuland. Keiner weiß, ob es angenommen wird.“ Doch die sehr große Bereitschaft von türkischer und deutscher Seite bei dem Verein und dem Projekt mitzuarbeiten, stimmt ihn zuversichtlich. „Es muss doch der Versuch unternommen werden, die, die wollen, mitzunehmen. Das“, sagt Marchlewski, „heißt für mich Integration.“

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