Was bedeutet es, arm zu sein?

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Finanzielle Not lässt sich berechnen: Arm ist, wer mit weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen muss. Im täglichen Leben hat Armut viele verschiedene Gesichter.

Ernährung: "Wer zur Tafel kommt, ist arm", sagt Anke Assig, Sprecherin des Bundesverbandes Deutsche Tafeln. Die Wohlfahrtsverbände beobachten, dass der Gang zur örtlichen Tafel für viele selbstverständlich geworden ist: "Die Leute haben ihre Scheu abgelegt", sagt Christoph Eickenbusch vom Diezösan-Caritasverband in Paderborn. Auch bei der schulischen Ganztagsbetreuung zeigt sich der Unterschied zwischen Arm und Reich: Manche Kinder müssen auf das Mittagessen in der Schulkantine verzichten.

Gesundheit: Medizinische Leistungen, die nicht gänzlich von den Krankenkassen getragen werden, sind für arme Bundesbürger nur schwer finanzierbar. Zahnersatz ist für viele inzwischen zum unerschwinglichen Luxusgut geworden.

Soziale Kontakte: In der Schule treffen Kinder aus unterschiedlichen Einkommensschichten aufeinander. Kinder, die bei Trends nicht mithalten können, werden schnell ausgegrenzt. Wer das neueste Videospiel nicht kennt, kann nicht mitreden; "trendige" Klamotten sind auf vielen Schulhöfen Pflicht. Auch Geburtstagsfeiern können für arme Familien zum Problemfall werden: "Kinder, die kein Geschenk mitbringen können, bleiben oft zu Hause", bemerkt Hinrich Garms von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Erwerbslosen- und Sozialhilfe-Initiativen. Auch Erwachsene, denen wenig Geld zur Verfügung steht, schränken ihre sozialen Kontakte zwangsläufig ein: "Arme haben einen geringen Bewegungsradius, häufig verlassen sie ihren Stadtteil nicht", sagt Martin Debener vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW. "Viele von ihnen gehen nur noch zur örtlichen Tafel."

Freizeit: Gesellschaftliche Zusammenkünfte sind mit finanziellen Ausgaben verbunden. Kino, Kneipe oder die Mitgliedschaft in Sportvereinen kosten Geld. Auch durch den Verzicht auf Freizeit-Aktivitäten vergrößert sich die Kluft zwischen den Einkommens-Klassen.

Die Betroffenen: Viele kinderreiche Familien leben in Deutschland am Existenzminimum: "Wer viele Kinder hat", sagt Christoph Eickenbusch von der Caritas, "der ist besonders stark von Armut bedroht." Darunter leiden vor allem die Kinder, die schon in jungen Jahren erfahren, was es bedeutet, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Altersarmut ist schon jetzt ein drängendes Problem - in den kommenden Jahren wird es sich noch verschärfen: "Nullrunden, Rentenbesteuerung und Erhöhung des Renteneintrittsalters führen dazu, dass immer mehr Alte von Armut betroffen sind", sagt Prof. Dr. Christoph Butterwegge von der Uni Köln.

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