Aktien

Von Affen, Anlegern und Aktienmärkten

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Dortmund. Wer an der Börse spekuliert, sollte Nerven wie Drahtseile haben - nicht nur in Krisenzeiten. Viele Anleger suchen nach vermeintlich immergültigen Börsenweisheiten und hoffentlich sicheren Aktienmarkt-Regeln. Der Dortmunder Statistik-Professor Walter Krämer macht solche Hoffnungen zunichte.

„Kursveränderungen sind unvorhersehbar – das hat sich über Jahrzehnte hinweg bestätig”, betont der Leiter des Instituts für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund.

Aktien-Auswahl per Pfeilwurf

Da helfen auch alle wissenschaftlichen Rechenkünste nicht. „Mit Mitteln der Statistik kann man nicht berechnen, wie sich die Börsen entwickeln werden”, sagt Krämer. So war zum Beispiel unvorhersehbar, dass der US-Leitindex Dow Jones Anfang voriger Woche erstmals auf den tiefsten Stand seit Oktober 1997 absackte - unter die 7000-Punkte-Marke. Das hatte Anleger aller Welt - und damit die Börsen - aufgeschreckt.

Unvorhersehbar war auch, dass der deutsche Leitindex DAX von mehr als 5000 Zählern Anfang Januar auf derzeit magere 3666 Punkte absackt. Ganz zu schweigen vom ständigen Auf und Ab der vergangenen Tage, das an den Nerven der Anleger zerrte.

Vage Mutmaßungen

Auch diese Woche versuchen sich Börsenbeobachter als Propheten. „Ein Schubser, der den Markt nach oben bringen könnte, ist noch nicht in Sicht”, orakelt zum Beispiel LBBW-Aktienstratege Steffen Neumann. Der DAX könne sich aber auf dem jetzigen Niveau etwas stabilisieren. „Der Markt hat sich schon auf viel Negatives eingestellt.”

Was sagt Statistik-Experte Krämer zu solchen - vagen - Mutmaßungen? „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktienkurse steigen, beträgt 50 Prozent – und bei 50 Prozent liegt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Börsenkurse sinken.” Und betont: „Aktienkurse gehorchen dem Prinzip der Irrfahrt, im Fachjargon random walk“.

Kollege Zufall manchmal besser als der Profi

Um das zu verdeutlichen, erzählt Krämer von einem Versuch, den er mit seinen Statistik-Studierenden gemacht hat: „Wir haben auf den Börsenteil einer Zeitung Pfeile geworfen. Die blieben auf diversen Aktien-Namen stecken. Mit diesen Aktien haben wir dann Musterdepots angelegt. Die entwickelten sich im Schnitt so gut wie der DAX.” Und damit besser als mancher von Profis gemanagte Fonds.

Ein ähnliches Ergebnis hätten Kollegen aus Schweden erzielt. Allerdings warfen da nicht Studierende mit Pfeilen, sondern ein Schimpanse.

Privatanleger können daraus folgende, für viele wohl enttäuschende Lehre ziehen: „Man kann am Ende eines Börsentags nicht sagen, wie es am nächsten Tag weitergeht.”

"Analysen von Börsen-Bewegungen sind Lachnummern"

Kein gutes Haar lässt Statistik-Professor Krämer daher an Fachleuten, die Kursänderungen unter die Lupe nehmen. „Analysen von Börsen-Bewegungen (Charts) sind Lachnummern”, findet er. Warum gibt es diese dann? Auch darauf hat Krämer eine Antwort: „So lange es Dumme gibt, die sich davon beeinflussen gibt und entsprechende Bücher kaufen, wird es solche Analysen – und Analysten – geben.”

Etwas Hoffnung macht Krämer Anlegern aber: „Alle Börsenregeln kann man komplett vergessen – bis auf diese: Aktien sind langfristig – also auf einen Zeitraum von 20, 30 oder 40 Jahren gesehen – profitabler als Sparanlagen.”

Extra

  • „In einem funktionierenden Markt – und als solche sind Aktienmärkte zu betrachten – ist im aktuellen Aktienkurs alles bereits eingepreist, was über die Zukunft einer Firma und ihrer Geschäfte bekannt ist”, betont Professor Krämer.
  • „Der Kurs ändert sich, wenn dazu Neues bekannt wird.” Das können harte Nachrichten, aber auch Gerüchte sein.
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