Erdgas

Statt Felder ein Bohrturm am Horizont

Foto: dapd

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Borken.Wenn Christoph Rottstegge abends in seinem Garten steht, dann sieht er Felder bis zu dem Punkt, an dem die Sonne untergeht. Das wird sich bald ändern, sollten die Pläne der Firma Exxon Mobil Wirklichkeit werden. Dann wird der Borkener statt der Felder einen Bohrturm vor der Nase haben. Denn Christoph Rottstegge wohnt nur wenige hundert Meter von dem Feld entfernt, das die Firma Exxon Mobil gepachtet hat, um nach Gas zu bohren.

Seit bekannt geworden ist, dass internationale Energiekonzerne Erdgas-Probe-Bohrungen in Nordrhein-Westfalen planen, wächst der Widerstand der Bürger. Im münsterländischen Drensteinfurt, Nordwalde und Borken haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die tausende Unterschriften gesammelt haben. Christoph Rottstegge (45) hat sofort unterzeichnet. Er ist Geschäftsführer einer Öko-Bau-Firma. Er plant und baut Niedrigenergiehäuser aus Holz, er heizt sein Haus mit Holzpellets – und ausgerechnet vor seiner Tür will der US Öl-Multi nun nach Gasvorkommen forschen, die in mehreren tausend Meter Tiefe in Kohle- oder Schieferschichten gespeichert sein sollen.

Rottstegge wohnt in Borkenwirthe, einer 600-Seelen-Gemeinde, knapp zehn Kilometer von Borken entfernt. „Ich habe mich ganz bewusst für das Landleben entschieden. In diese Region ist viel Geld gepumpt worden, um den Tourismus anzukurbeln. Und dann kommt eine Firma daher – und darf all das zerstören?“, fragt der 45-Jährige. Er ist mit dieser Frage nicht allein – und sie ist noch lange nicht beantwortet.

Die Route der 100 Bohrtürme

Die Bürger in Borkenwirthe, sie malen sich die Zukunft in düsteren Szenarien aus. „Hier gibt es eine sehr beliebte ‚100-Schlösser-Route’ für Radfahrer - sie führt auf verschlungenen Wegen an vielen Wasserburgen des Münsterlandes vorbei. Daraus wird wohl bald die ‚Route der 100 Bohrtürme’ werden“, sagt Jürgen Kruse. Der 39-Jährige rief die Bürgerinitiative in Borkenwirthe ins Leben. Er sagt: „Ich habe von den Plänen durch Zufall bei einer Ratssitzung erfahren. Und ich habe mich sofort daran erinnert, was die älteren Leute hier im Dorf so oft erzählt haben: Ende der 50er Jahre hat ein Unternehmen in Borkenwirthe schon einmal nach Gas gebohrt - nur einen Steinwurf von dem von Exxon Mobil gepachteten Feld entfernt. Direkt nach diesen Bohrungen war das Wasser versalzen, aus den Hähnen kamen sogar kleine Salzklumpen.“

Die Angst vor Bohrungen, sie steht in Borkenwirthe in direktem Zusammenhang mit der Angst vor verunreinigtem Wasser. „Würde es zu einer solchen Verunreinigung kommen, es wäre eine Katastrophe – sei es nun durch Chemikalien, die bei diesen Bohrungen eingesetzt würden oder durch Salz, das aus tieferen Schichten nach oben gespült werden könnte“, sagt Kruse. In Borkenwirthe versorgen sich fast ausnahmslos alle Haushalte über eigene Brunnen. „Wir sind zu weit weg vom Schuss. Die Stadtwerke können deshalb kein Wasser hierher liefern – außer, jemand finanziert aus eigener Tasche eine private Wasserleitung über drei Kilometer Länge“, sagt Christoph Rottstegge. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum es in Borkenwirthe kaum jemanden gibt, der nicht bereit wäre, gegen die Pläne von Exxon Mobil zu kämpfen. Die Region, sie definiert sich über ihre Landschaft, über die Kartoffeläcker, Getreidefelder, über die Landwirtschaft und über den Tourismus – und die Menschen sehen all das in Gefahr. Es geht ihnen nicht um die gefürchtete Verschandelung der Landschaft. Es geht um ihre Existenz.

Multi muss Antrag stellen

Georg Ophues ist Landwirt in Borkenwirthe, mehr als 600 Milchkühe stehen in seinem Stall. Er sagt: „Ich muss jedes Fass Gülle auflisten, jedes Jahr werden auf den Feldern Boden-Proben gezogen und ausgewertet. Und jetzt kommt so eine Firma daher und darf machen was sie will, das ist doch bekloppt.“

Natürlich darf sie das nicht – und Georg Ophues weiß das auch. Die Firma Exxon Mobil muss zunächst einen Antrag bei der Bergbehörde NRW (Bezirksregierung Arnsberg) für die Probe-Bohrungen stellen. Das hat sie - entgegen zunächst angekündigter Pläne - bislang nicht getan. Der Behörde liegt nur der Antrag für Bohrungen im etwa 80 Kilometer entfernten Nordwalde vor – und dieser Antrag liegt seit August, da festgelegt wurde, dass auch eine wasserrechtliche Genehmigung durch den Kreis als Untere Wasserbehörde erforderlich sei. Warum Exxon Mobil bislang keine weiteren Anträge stellte, wie sich das Unternehmen zu den Vorwürfen und Ängsten der Bürger stellt und wie es in Zukunft weiter gehen soll, bleibt offen. Das Unternehmen antwortete auf WR-Nachfrage nicht.

„Kein Mensch wird mehr in seine Taxen steigen“

So bleiben neun Holzpflöcke das einzig Greifbare, das Exxon Mobil in Borkenwirthe hinterlassen hat. Deren orangefarbene Spitzen ragen aus dem Boden des von der Firma gepachteten Feldes. Es gehört dem Taxi-Unternehmer Norbert Ebbing – und seitdem bekannt geworden ist, dass er der Firma das Grundstück für die Bohrungen überlassen hat, schlägt ihm ein eisiger Wind entgegen. Es wird viel getratscht. Vor allem darüber, wie viel ihm die Firma bezahlt hat. „Das doppelte des Üblichen“, behauptet einer. „Das ist zu wenig, der wird mehr bekommen haben“, glaubt ein anderer. Er wird gemunkelt, dass er anfangs von dem Vertrag zurücktreten wollte. Es wird gemunkelt, dass er Angst gehabt haben soll, enteignet zu werden. Norbert Ebbing selbst sagt nur: „Es stimmt, ich habe mein Feld an die Firma verpachtet. Ansonsten habe ich dazu nichts zu sagen. Mir sind nämlich von Anfang an von allen Seiten die Wörter im Munde herumgedreht worden.“ Auf diese Art wird er sein Ansehen in Borkenwirthe wohl nicht verbessern. Annette Ophues schüttelt den Kopf und sagt: „Ich begreife das nicht. Der weiß doch genau, dass beim nächsten Schützenfest kein Mensch mehr in seine Taxen steigt.“

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