Medikamente

Seniorin wird im Pflegeheim gezielt ruhig gestellt

Dortmund. Gerda Schiefer hatte sich auf ihr neues Zuhause gefreut. Sie zog in ein Pflegeheim, um besser versorgt zu sein. Doch ihr Glück sollte nur kurz währen. Ihre Angehörigen stellen fest: Gerda Schiefer wird im Heim mit einem Valium gezielt ruhig gestellt.

Angelika Schiefer ist fassungslos. Ein Ordner voll mit Rechnungen, Überweisungen und Belegen liegt auf ihrem Küchentisch. Die Dokumente zeigen: Ihre Schwiegermutter, Gerda Schiefer, bekommt seit ihrem Einzug in ein Pflegeheim vor vier Jahren ununterbrochen Beruhigungsmittel, seit drei Jahren zusätzlich Anti-Depressiva verabreicht. Medikamente, die die 82-Jährige nie zuvor eingenommen hat.

„Ärzte gehen zu lax mit diesen Medikamenten um. Vor allem in Pflegeheimen werden viel zu viele Psychopharmaka und Beruhigungsmittel verschrieben“, hat Dr. Stefan Wilm von der Uni Witten/Herdecke in einer Studie festgestellt (die WR berichtete). Angelika Schiefer befürchtet, dass auch ihre Schwiegermutter Opfer des laxen Umgangs mit Medikamenten ist.

„Meine Schwiegermutter braucht alles, aber sicher keine Anti-Depressiva oder Beruhigungsmittel. Sie ist ein fröhlicher Mensch und hat nicht ein Mal zuvor Psychopharmaka verschrieben bekommen“, so Schiefer. Sie hat den Verdacht, die Mutter ihres Ehemannes wird in der Pflegeeinrichtung mit den Medikamenten gezielt ruhig gestellt, um so die Arbeit des Personals zu erleichtern.

Seit vier Jahren bekommt Gerda Schiefer ein Beruhigungsmittel

Angelika Schiefer heißt in Wirklichkeit anders. Sie möchte ihren Namen nicht nennen, um ihre Schwiegermutter zu schützen, die noch immer in der Pflege ist. Gerda Schiefers bemerkenswerte Geschichte beginnt im Sommer 2006. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 82 Jahre alt und muss ins Krankenhaus. Die Westfälin wohnt noch zu Hause, möchte aber nach dem Aufenthalt im Hospital direkt in ein Pflegeheim wechseln. Sie hofft, dort besser versorgt zu sein und im Notfall schnell Hilfe zu bekommen. Schiefer ist überglücklich, als sie nach kurzer Zeit ein Zimmer in einem Pflegeheim, ganz in der Nähe der Familie ihres Sohnes, findet.

„Ab dem ersten Tag haben wir unsere Schwiegermutter nicht wiedererkannt“, sagt Angelika Schiefer. „Sie hat sich für nichts mehr interessiert.“ Die Angehörigen vermuteten, die Seniorin müsse sich an ihre neue Umgebung gewöhnen. Erst Jahre später studieren die Schiefers Rechnungen ihrer Mutter. Sie stellen fest: Seit dem ersten Tag im Pflegeheim bekommt Gerda Schiefer Remestan verabreicht, ein Beruhigungsmittel.

„Dieses Medikament ist ein Valium. Es ist dazu da, den Schlaf anzustoßen“, erklärt Dr. Stefan Wilm, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Witten/Herdecke. „Dieses Mittel sollte im Normalfall nur zur Kurzzeitbehandlung eingesetzt werden, unbegründet nicht länger als vier Wochen. Es kann abhängig machen.“ Gerda Schiefer, das zeigen Dokumente, die der WR vorliegen, hat über vier Jahr lang Remestan bekommen. Zunächst Tabletten à 10 Milligramm, nach einem Jahr wurden 20-Milligramm-Tabletten verabreicht. Bis heute.

Heimleitung weist die Vorwürfe zurück

„Wir haben oft den Kontakt zu dem Hausarzt und dem Pflegeheim gesucht“, berichtet Angelika Schiefer. „Eine Pflegerin sagte uns wortwörtlich: „Frau Schiefer braucht Beruhigungsmittel. Sie bräuchte eigentlich die doppelte Dosis. Denn schon jetzt kommt es vor, dass sie mal nachts aufwacht und klingelt.’“

Der Betreiber des Heimes, in dem Gerda Schiefer wohnt, wiegelt ab: „Diese Aussage entspricht nicht unserem Leitbild und auch nicht unserer Arbeitsweise“, so eine Sprecherin der evangelischen Stiftung Volmarstein. „Der Arzt bestimmt grundsätzlich, welches Medikament in welcher Dosierung verabreicht wird. Die Pflegefachkräfte verabreichen nur die vom Arzt verordneten Medikamente.“

Ein pikanter Verweis. Denn Dr. Stefan Wilm interpretierte seine Studie, die wohlgemerkt in anderen Einrichtungen stattgefunden hat, auch so: „Offenbar üben die Pfleger großen Druck aus, Medikamente bei der Betreuung einsetzen zu dürfen.“

Arzt verschrieb Valium noch bevor er Gerda Schiefer untersucht hatte

Hinzu kommt: Gerda Schiefer wechselte mit dem Einzug ins Pflegeheim ihren Hausarzt. Sie suchte sich einen Allgemeinmediziner, der nah am Seniorenstift seine Praxis hat. Dieser Arzt, auch das belegen Unterlagen, die der WR vorliegen, verschrieb Gerda Schiefer bereits Ende April 2006, am Tag ihres Einzuges in das Pflegeheim, die Beruhigungspillen. Zum ersten persönlichen Kontakt und damit auch zur ersten Untersuchung, besuchte der Hausarzt die 82-Jährige eine Woche später, am 2. Mai 2005. Ohne Gerda Schiefer je gesehen zu haben, verordnete der Mediziner ihr das Beruhigungsmittel Remestan.

„Medikamente dürfen erst verschrieben werden, nach dem Kontakt mit dem Patienten aufgenommen wurde“, erklärt Volker Heiliger von der Ärztekammer Westfalen-Lippe. „Nur in Ausnahmen darf davon abgewichen werden. In einer Gemeinschaftspraxis kann etwa ein Kollege Medikamente zuweisen, wenn ,valide Datengrundlagen’ des Patienten vorliegen. Sonst nicht.“

Angelika Schiefer und ihr Mann sind fassungslos. Sie wollen einen neuen Arzt für ihre betagte Schwiegermutter suchen. „Unser Vertrauen in die Pflege ist aber unwiderruflich zerstört“, sagt Angelika Schiefer.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben