Fall Lydia Schürmann

Schlinge um Kindermörder wird enger

Foto: ddp

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St.Vit. Nicht mal ihr Grab ist geblieben. Dort, wo die Schülerin Lydia Schürmann 1962 beerdigt wurde, hat man neue Urnengräber angelegt. Doch über die Schuld des Mörders konnte kein Gras wachsen. Seit drei Jahren schreibt er anonyme Briefe an die Polizei. Jetzt müssen 5000 Senioren zum Speicheltest.

Das Opfer

Sie war 13. Und außer dem Dorf St. Vit, das heute zu Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh gehört, hatte sie nicht viel von der Welt gesehen. „Wir durften nie in die Stadt”, erinnert sich eine Freundin. Vom Fenster ihres Kinderzimmers aus konnte Lydia Schürmann die Autobahn 2 sehen. Am 26. April 1962 hat sie traurig und zornig auf diese Straße der Freiheit geschaut. Es hatte Streit gegeben mit ihrer Mutter. Lydia war in ihrem Zimmer eingesperrt. Da hat sie sich ein Herz gefasst, ist aus dem Fenster geklettert, übers Dach gestiegen und zur Autobahn gerannt. Ihr erster Ausflug in die Freiheit wurde ihre Reise in den Tod.

Der Täter

Er muss jetzt Rentner sein. 1962 hat er Lydia in seinem Auto mitgenommen. Sie war an der deutsch-belgischen Grenze gestrandet. Das hat die Polizei noch herausgefunden. All ihr Mut dürfte sie da schon verlassen haben. Sie wollte nur noch nach Hause. Er hat sie getötet und ihre Leiche verscharrt. In einem Wald bei Bielefeld. Gar nicht weit von zuhause.

Die Freundinnen

„Sie hat so gern gelebt”, sagt Agnes Kleinelümern. Dass jetzt alles wieder hoch kommt, tut ihr weh. Sie klammert sich an eine Mappe mit Zeitungsausschnitten über den Fall - und an die Hoffnung, dass der Täter jetzt endlich gefasst wird. Als Kind ist Lydia im Elternhaus ihrer Freundin ein- und ausgegangen. Gemeinsam spielten die Mädchen im Erdbeerfeld. Agnes Kleinelümern hatte neun Geschwister, Lydia zwei jüngere Brüder. Eine Schwester von Agnes hat gesehen, wie Lydia über das Dach geklettert ist. Sie erinnert sich auch an die Zeit der Ungewissheit, als das Mädchen über Monate verschwunden blieb. „Da kamen dann immer neue Hinweise, zum Beispiel, man habe sie in einer Kneipe im Rheinland gesehen. Als Bedienung. Die Eltern sind dann dahin gefahren und haben alles abgesucht. Es war wieder eine Falschmeldung.”

Der Täter

Nur er weiß genau, was passiert ist. Und er hat begonnen, es aufzuschreiben. In verstellter Handschrift und in mittlerweile sechs anonymen Briefen hat er sich immer weiter entlarvt. Er hinterlässt Fingerabdrücke und DNA-Spuren auf den Briefen. Er liefert der Polizei lauter Puzzleteile. Die Ermittler haben die ersten davon zusammengesetzt. Sie wissen jetzt, dass der Mörder von Lydia Schürmann 1970 auch die Prostituierte Heiderose Berchner aus Nürnberg umgebracht hat. Sie ahnen, dass sie ihm vielleicht vier weitere Morde aus den 60er Jahren anlasten können. Als das in der Zeitung stand, hat er wieder einen seiner Briefe geschrieben: „Das trifft nicht zu.”

Das Opfer

Dass man sie überhaupt gefunden hat, war Zufall. Ein Fuchs hat an der Stelle ein Loch gescharrt, wo der Täter sie vergraben hatte. Pilzsammler sahen ihren Arm. Damit war die Zeit der Ungewissheit für ihre Eltern vorbei. Grausam endgültig. Am 19. August 1962 erfuhren sie, dass ihre Tochter ermordet worden war.

Der Täter

Er ist eingekreist. Und er weiß das. Er hat einfach nicht schweigen können. 30 Jahre, 40 Jahre - aber nicht für immer. Die Ermittler, die seine Briefe ausgewertet haben, beschreiben ihn als einen Mann von mindestens 65 Jahren mit stark egoistischen Zügen. Es ist nicht Reue, die ihn treibt. Ist es Geltungsdrang? Er findet nie Worte des Mitleids. Und dann war er auch noch dumm genug, das entscheidende Puzzleteil selbst einzufügen. Einer seiner anonymen Briefe fiel aus dem Rahmen. Er ging an die Gemeindeverwaltung Weiskirchen im Saarland. In diesem Brief hat er über ein Konzert gewettert, das DJ Ötzi in Weiskirchen geben wollte. Den werde er abknallen. Auf dem Schreiben fanden sich die gleichen Fingerabdrücke und DNA-Spuren wie auf den Briefen zu den beiden Mordfällen. Jetzt werden 5000 Senioren aus der Region Weiskirchen zum Gentest geladen. Die Polizei ist sicher, dass ihr der Mörder nicht mehr entwischt.

Das Opfer

Nichts ist von ihr geblieben. Nur Gras – dort, wo früher ihr Grab war. Im Hintergrund rauscht die Autobahn. Das Rauschen ist stärker geworden mit den Jahren.

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