Gesundheit

Sauerländer rufen nach dem „Notarzt“

Architektin Bettina Hümmler und Klaus Eichhorn haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie mit Hilfe des Plakats und ihrer Internet-Suche einen Arzt für Wenholthausen finden. Fotos: Jochen Linz/PiLi

Architektin Bettina Hümmler und Klaus Eichhorn haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie mit Hilfe des Plakats und ihrer Internet-Suche einen Arzt für Wenholthausen finden. Fotos: Jochen Linz/PiLi

Foto: Linz/PiLi

Wenholthausen. Die Beschreibung „idyllisch” trifft es wohl am besten. In Wenholthausen, irgendwo zwischen Eslohe und Olpe, reiht sich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus. Mit Geranien am Fenster, einem Hotel, das „leckere Wildgerichte” anpreist und grünen Wiesen, auf denen Pferde grasen. Das Stellenbörsen-Motto „Arbeiten, wo andere Urlaub machen” scheint eben nicht nur zu Mallorca zu passen.

Allerdings: Nicht unbedingt jeder möchte automatisch hier auch seinen Job haben. Und Mediziner schon gar nicht. Das ahnt man, wenn man an jenem alten Haus an der Bahnhofstraße vorbeikommt, in dessen Vorgarten unübersehbar ein großes Transparent prangt. „Notruf” steht da unter einem symbolischen roten Arztkoffer. Und über zwei Handynummern: „Dorf sucht Arzt”.

Es sind nur drei Worte, doch in denen steckt all das, was die Wenholthausener - knapp 1500 gibt es übrigens - seit Jahren umtreibt. Seit ihr alter Arzt viel zu früh starb, und seit seine Nachfolgerin schwanger wurde und wieder verschwand. Wie lange sie hier überhaupt als Ärztin tätig war, darüber gehen die Meinungen im Dorf stark auseinander. „Höchstens ein dreiviertel Jahr”, meinen die einen, nicht ohne Verbitterung. „Ungefähr drei Jahre” die anderen.

Fest steht jedoch, dass die Praxis seit eineinhalb Jahren leer steht. Und dass an dem einstigen Bahnhofsvorsteher-Haus der Zahn der Zeit nagte. Klaus Eichhorn konnte beides nicht ertragen. Nicht, dass das mehr als 100 Jahre alte Haus zusehends verfiel, und auch nicht, dass die Dorfbewohner keinen eigenen Arzt mehr haben. „Ich bin zwar gebürtiger Dortmunder”, sagt der 69-jährige Unternehmer aus der Elektrotechnik-Branche. „Aber aufgewachsen bin ich in Wenholthausen. Insofern ist mir hier alles ein bisschen ans Herz gewachsen.”

Umfangreiche Renovierung

Das „Bisschen” reichte aus, dass Eichhorn das Haus im Januar kaufte und seit März umfangreich renoviert. Auch, wenn er weiß, dass das „kein Renditeobjekt ist und auch nie sein wird”. „Einfach alles” habe er gemacht, von der Fassade bis zum Dach. Die Wohnung im Obergeschoss ist schon so gut wie fertig, die Praxis im Erdgeschoss wollte er eigentlich individuell auf die Belange des neuen Arztes zuschneiden. Eigentlich. Denn „Dorf sucht Arzt” ist nicht nur ein pfiffiger Slogan, sondern tatsächlich ein Notruf. Bislang fand sich kein Mediziner, der sich wirklich ernsthaft hier niederlassen wollte. „Dass es schwer werden würde, hatte ich zwar gedacht”, gibt Eichhorn zu. „Aber so schwer...”

Nicht, dass es nicht auch schon Interessenten gab - vor allem, seit der Dortmunder eine eigene Homepage mit jenem Motto einrichtete und schon im Fernsehen landesweit von der Arzt-Suche berichtet wurde. Aber irgendwie sprang bei keinem der etwa zehn Anrufer der Funken über. Manche ließen sich abschrecken, weil der Vorgänger in seinen besten Zeiten nur rund 1300 Patienten hatte, andere winkten ab, nachdem sie nachgefragt hatten, wie es denn hier mit einem schnellen Internet-Zugang bestellt sei.

„Ich versteh das nicht”, sagt Architektin Bettina Hümmler . „Natürlich haben es Ärzte heute schwer. Aber als ich mich vor 16 Jahren selbstständig gemacht habe, hatte ich nicht solch einen Start. Der kriegt hier alles geboten!” Und das bezieht sich nicht nur auf eine komplett renovierte 170 Quadratmeter große Praxis und - auf Wunsch - eine entsprechende Dachgeschosswohnung (150 qm), sondern auch auf die Atmosphäre. „Positiver kann man nirgendwo aufgenommen werden”, sagt Hümmler. Und Klaus Eichhorn bestätigt: „Der neue Arzt oder die neue Ärztin würde hier von allen mit offenen Armen empfangen.”

Konkurrenz bei der Arzt-Suche ist mittlerweile groß

Von Wilfried Ruland etwa. „Ich würde sofort wechseln”, betont der Rentner (65). „Ich komme auch wieder! Auf jeden Fall”, bestätigt Hausmeister Henry Hoffmann (56). Und Fußpflegerin Birgit Richter (45) verspricht: „Ich käme mit meinen beiden Söhnen und meinem Mann!” Denn es sind zwar nur 6,5 Kilometer bis zum nächsten Arzt im Nachbarort, doch die können ganz schön weit sein. Vor allem, wenn es einem schlecht geht, wenn man älter ist oder wenn man kein eigenes Auto hat. „Unser Bus fährt hier nur alle zwei Stunden”, sagt Hoffmann. „Wenn man den einen verpasst hat, braucht man auf den nächsten nicht mehr zu warten. Sonst hat der Arzt schon wieder geschlossen.”

Warum aber will sich in Wenholthausen niemand um die Gesundheit der Bewohner kümmern? „Weil wir hier eben nur ein ganz kleines Dörfchen sind”, glaubt Wilfried Ruland. Vermutlich entscheidender ist, weil ein Hausarzt heute in einem Ort wie diesem nicht mehr genug verdienen würde. „Ich habe vier Nichten und Neffen, alles Ärzte, die von hier stammen”, berichtet Kfz-Meister Johannes Bornemann (59). „Aber keiner von denen wollte hierhin. Alle sagen, es lohnt sich einfach nicht.”

Hinzu kommt: Landauf landab ist die Konkurrenz der kleinen Orte groß, die sich um einen Arzt bemühen. „Einer der Interessenten hat mir gesagt, er würde 50.000 Euro Zuschuss bekommen und vom Bürgermeister noch mal 50.000 Euro obendrauf, wenn er sich in dessen Stadt niederlässt”, sagt Eichhorn. „Wie sollen wir dagegen ankommen?”

Doch selbst wenn er das Geld hätte: Irgendeinen beliebigen Mediziner möchte der Unternehmer „seinen” Dorfbewohnern nicht einfach zumuten. „Malen können wir uns keinen”, sagt er, wenn er gefragt wird, wie denn der perfekte Arzt oder die perfekte Ärztin für Wenholthausen aussehen würde. „Das wichtigste ist, dass er sympathisch rüberkommt. Dass er ein Herz für Kinder und auch für alte Leute hat. Dass er halt hierherpasst, zu den Sauerländern.”

Sollte der- oder diejenige jedoch irgendwann vor der Tür stehen und einen Vertrag unterschreiben, ist ein angemessener Empfang vorprogrammiert. „Das”, verspricht Eichhorn, „gibt dann ein mittleres Dorffest.”

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