Schwarzbauten

Sauerländer Ferienhausidylle droht der Abriss

Foto: IKZ

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Attendorn. In einer Ferienhaussiedlung im Dörfchen Eichen in Attendorn (Kreis Olpe) droht ein Eklat: Allen 33 Häusern droht nun der Abriss. Denn die Genehmigung, die aus dem Jahr 1955 stammt, war nur auf fünf Jahre befristet.

Es ist eine ganz besondere Siedlung von Ferienhäusern, die 1955 im sauerländischen Eichen entstand. Inmitten einer Landschaftsidylle aus Wiesen und Wäldern haben die Bewohner der 33 Häuser noch heute einen traumhaften Blick auf die Listertalsperre. „Seit 50 Jahren bewunder ich den Standort”, gibt Heinz-Gerd Kraft zu, Leitender Kreisbaudirektor in Olpe. „Ich kann mir vorstellen, dass man sich da wirklich erholt.”

Doch mit der Ruhe und Erholung könnte es hier bald vorbei sein. Nun droht das, womit niemand gerechnet hatte. Und was in dieser letzten Konsequenz so recht auch keiner wollte: der Abriss aller 33 Häuser. Denn auch das ist eine Besonderheit der Siedlung: „Alle Häuser sind Schwarzbauten”, sagt Kraft. Das jedoch ist keine neue Erkenntnis für Kreis und Stadt: „Das ganze Gebiet war und ist illegal. Wir haben immer zur Kenntnis genommen, was da war”, räumt Bürgermeister Wolfgang Hilleke ein. Und betont: „Wir haben aber auch immer artikuliert, dass wir das nicht wollen.” Im Flächennutzungsplan nämlich sei jener Bereich immer wieder als Landwirtschaftsfläche festgelegt worden.

Irgendjemand gab der Bauaufsicht einen Hinweis

Dass die Siedlung nach 55 Jahren Duldung künftig nicht weiter geduldet wird, hängt vermutlich nur mit einem einzigen Haus zusammen - und damit, dass es irgendjemandem ein Dorn im Auge war. Vielleicht, weil es so neu und aufwändiger schien, vielleicht weil irgendjemandem die großen Autos mit Düsseldorfer Kennzeichen in der Einfahrt nicht passten. Fest steht nur: Irgendjemand gab der Bauaufsicht einen Hinweis, dass hier etwas nicht richtig sein könne. Und ab da musste die Verwaltung tätig werden.

Das Ergebnis hielt das Ehepaar Juchniewicz aus Düsseldorf, das hier im Sommer 2003 ein altes Holzhaus gekauft hatte, zwei Jahre später in den Händen. „Wir bekamen eine Abrissverfügung, weil wir angeblich nicht saniert sondern abgebrochen und ein neues, illegales Haus gebaut hätten”, schildert Christel Juchniewicz (47). „Dabei hatten wir nur angefangen, das Dach zu sanieren.Und weil es die Wände nicht mehr tragen konnten und die Dämmung in sich zusammengesunken war, haben wir die alten Bretter ausgetauscht.”

Klagen gegen die Abrissverfügung verlief erfolglos: „Es heißt, es gebe kein Recht im Unrecht. Schließlich handle es sich bei allen Häusern um illegale Bauten.” Das sei ihnen jedoch bis dato nicht bewusst gewesen: „Hier gibt es auch feste Steinhäuser, einige mit Fundamenten und Garagen. Da hatten wir niemals auch nur den Verdacht, dass irgendetwas nicht rechtens war. Alles passierte hier immer unter den Augen der Stadt, die alles geduldet hat.” Selbst eine eigene Kanalisation bekamen die Ferienhausbesitzer, die dafür 95 Prozent der Kosten übernahmen. Und auch Grundsteuern zahlen sie. „Das ist doch schizophren”, sagt Juchniewicz. „Auf der einen Seite tut man so, als ob es uns nicht gibt, auf der anderen Seite nimmt man Geld von uns.”

Politiker zogen die Reißleine

Deshalb entschlossen sich die Düsseldorfer, nach dem Tipp von Experten, zu einem neuen Weg: Gemeinsam mit eine Familie, die ebenfalls ihr Haus abreißen sollte, weil dessen Anbau unrechtmäßig sei, stellten sie bei der Stadt Attendorn einen Antrag auf Legalisierung der Siedlung. Mit einem geänderten Flächennutzungsplan und einem Bebauunsplan wäre das über 50 Jahre alte Wochenendhausgebiet dann legal geworden.

Doch da zogen die Politiker jetzt die Reißleine: In dieser Woche lehnte der Fachausschuss den Antrag ab. „Eigentlich wollten wir nur dem Wildwuchs dort ein Ende setzen”, räumt CDU-Ratsherr Johannes Jürgens ein. Die Entscheidung führt jedoch dazu, dass nun auch die anderen Häuser in Gefahr sind: Schließlich hatte das Verwaltungsgericht in Arnsberg den Kreis Olpe aufgefordert, gemäß dem Gleichheitsgrundsatz auch gegen die anderen, bisher geduldeten Schwarzbauten vorzugehen. „Wenn das so zum Tragen kommt, dann wäre das ein klassisches Beispiel dafür, dass der Schuss nach hinten losgegangen ist”, räumt Jürgens ein.

Auch der neue Attendorner Bürgermeister bedauert die Situation. „Natürlich tun mir die Menschen leid, die jetzt betroffen sind”, gibt Hilleke zu. „Aber zu meinem Job gehört auch, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen. Ich werde keinem Gespräch aus dem Weg gehen.” Noch sei der Protest der übrigen Ferienhaus-Besitzer jedoch nicht im Rathaus angelangt: „Möglicherweise sind sie in Schockstarre oder haben noch nicht realisiert, was diese Entscheidung wirklich bedeutet.” Christel und Bernhard Juchniewicz jedoch wissen das ganz genau. Und auch schon, wie sie weiter vorgehen wollen: Sie sprechen von Briefen an Politiker, von einem Normenkontrollverfahren und einer Petition im Landtag. Und sie hoffen auf Solidarität.„Wir werden jetzt als Buhmann dargestellt und dass wir an allem Schuld sind”, sagt Christel Juchniewicz. „Dabei wäre es viel sinnvoller, wenn sich alle für den Erhalt zusammentun. Denn selbst wenn wir über die Klinge springen: Das Thema wird weitergehen.”

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