Landesgartenschau 2010

Nach den Soldaten speisen die Touristen

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Foto: WR

Hemer. Zum ersten Mal findet eine Landesgartenschau in einer früheren Kaserne statt. Jupp Ahlemeier aus Hemer hat auf diesem Gelände jahrzehntelang die Truppen versorgt. Wir begleiteten ihn bei einem Rundgang über seinen alten Arbeitsplatz, der ab April zu neuem Leben erblüht.

Gleicher Standort, gleiches Anliegen: Wir treffen zwei Männer in der Blücher-Kaserne Hemer, die wissen, wie man eine Masse Mensch satt bekommt. Eines aber unterscheidet sie wesentlich. Jupp Ahlemeiers Kunden kamen schon mal im Panzer vorgefahren. Werner Schultes Gäste - die Besucher der Landesgartenschau 2010 - werden zivil anreisen, im Pkw oder Reisebus.

Da steht er an seinem alten Arbeitsplatz, in einer leeren Großküche mit Durchreichen zu einem Speisesaal für bis zu 1000 Personen. Jupp Ahlemeier gestikuliert, zeigt nach links und rechts, als dirigiere er noch immer seine Kochkolonne von damals. Ganze Truppen hat er hier satt bekommen - mit Eintopf, Schnitzel, Miesmuscheln an guten Tagen. An schlechten schon mal mit NATO-Plockwurst in Dosen. Der riesige Saal mit dem Charme einer 60er-Jahre-Aula war Ahlemeiers Kampfplatz.

»Ich hatte 18 zivile Frauen«

Zogen die Truppen dort vom Frühstück ab, liefen schon die Vorbereitungen für den mittäglichen Großeinsatz. Doch der Küchenmeister, der sich an die Spitze der Verpflegung hochgedient hat, verfügte auch über eigene Truppen: „Ich hatte 18 zivile Frauen”, erinnert sich Ahlemeier. NATO-Plockwurst zu „Iserlohner Bierbraten mit Buttergemüse und Salzkartoffeln” für die Tagestouristen. Das ist Strukturwandel, wie ihn Hemer gerade vorlebt. Als die Stadt im Märkischen Kreis bei der letzten Bundeswehr-Reform einen „schwarzen Peter” zog, war's endgültig vorbei mit schwerem Gerät, das durchs Städtchen zum Bahnhof rollte. 2007 schloss die Blücher-Kaserne, in die 1956 die Bundeswehr eingezogen war. Dass die Bauten zuvor unrühmlichere Zeiten erlebt haben, merkt man ihrem Architektur-Stil an. Die Unterkünfte, in denen später auch der junge Metzger Jupp Ahlemeier während seiner Grundausbildung einquartiert war, stammen noch aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Jetzt brütet man dort über Landschaftsplänen und Blumenzwiebel-Massenbestellungen in den Büros der Landesgartenschau.

Jupp Ahlemeier kehrt zurück in den Raum, in dem für ihn alles begann. „Sechs Feldbetten standen hier”, sagt er. Morgens um 6 Uhr war Wecken, dann Antreten im „Lichthof”. Dort verkündete der Spieß das Tagesprogramm. Und dann ging's hinaus ins Übungs-Gelände, wo heute Rinder grasen und Gartenschau-Besucher Spaziergänge machen werden. Rekrut Ahlemeier hatte seinerzeit Pech. Er musste eine schwere MG tragen und zu allem Übel penibel sauber halten. Schweres Gepäck für die jungen Knochen. „Man war ja nichts gewohnt.” Doch auf Dauer blieb Ahlemeier seiner alten Profession treu. „Ich hab' auf Kosten der Bundeswehr dann meinen Koch gemacht.” Aus dem Metzger wurde ein Meister der Massenverpflegung.

Im „Gebäude 18 - Mannschaftsheim - Uffz-Speisesaal”, wie es noch draußen über den Türen steht, ist jetzt Werner Schulte eingezogen - und mit ihm die Genossenschaft „Genuss am Felsenmeer”. Schulte hat beste Referenzen. Er hat die 900 000 Besucher der Landesgartenschau 2008 im ostwestfälischen Rietberg satt bekommen. Jupp Ahlemeier wagt einen Blick auf die druckfrische Speisekarte für Bustouristen und nickt anerkennend: Kohlroulade, Seelachsfilet, Rinderkraftbrühe - auch künftig wird es in diesem Saal nicht um allerhöchste Kochkunst gehen, sondern „um ein ordentliches Preisleistungsverhältnis”, wie Gastronom Schulte formuliert. Fortschritt erkennt man nicht immer am Speiseplan, eher an der Tatsache, dass Schulte mit deutlich weniger „zivilen Frauen” in der Küche auskommen wird als sein Vorgänger. Ungefähr mit zehn.

Wir gehen auf den „roten Platz”. So nannten die Soldaten in der Blücher-Kaserne den Exerzierplatz, auf dem man auch schon mal unbequem im roten Sand landen konnte. Hier wird es künftig romantisch. In einer großen Wasserfläche soll sich bald der Himmel spiegeln.

»Ohne die Gartenschau hätten wir das alles nie geschafft«

Der Blick kreist über einen guten Teil des 30 Hektar großen Gartenschau-Geländes - und Stabsunteroffizier Jupp Ahlemeier, das Urgestein aus der Felsenmeerstadt, wirkt angesichts der vielen Baustellen, die neues Leben verheißen, fast ein bisschen melancholisch. Er ist ein positiv denkender Mensch. Er ist froh, dass sein Hemer es gut getroffen hat. „Ohne die Gartenschau hätten wir das alles hier doch nicht geschafft”, sagt er. Denn so viele Schwerter, wie sie am verlassenen Militärstandort Hemer zu Pflugscharen ge-schmiedet werden müssen, kriegt doch selbst das kampf-erprobteste Städtchen nicht in den Griff.

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