Unfallmaßnahmen

Moderne Autos machen Rettungsdienst Sorgen

Bei schweren Autounfällen zählt jede Minute, um verletzte Insassen zu befreien. Dabei hilft neben der richtigen Ausrüstung im Notfall auch eine Rettungskarte.  Foto: Flintrop

Bei schweren Autounfällen zählt jede Minute, um verletzte Insassen zu befreien. Dabei hilft neben der richtigen Ausrüstung im Notfall auch eine Rettungskarte. Foto: Flintrop

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Dortmund. Bei schweren Autounfällen - erst recht dann, wenn Menschen in den Fahrzeugen eingeklemmt sind - zählt jede Minute. Doch die moderne Technik der Autos, die den Insassen mehr Sicherheit bietet, kann zugleich deren rasche Befreiung erschweren. Vor allem dann, wenn die Rettungskräfte keine zeitgemäße Ausrüstung zur Verfügung haben.

„Alte Rettungsscheren kommen mit dem festeren und härteren Stahl neuer, moderner Autos nicht zurecht”, sagt Roberto Galifi, Sprecher des Verbandes der unabhängigen Kraftfahrzeug-Sachverständigen (VKS). „So kann die absurde Situation entstehen, dass Menschen in sicherheitstechnisch einwandfrei gebauten Autos ums Leben kommen, weil sie - wenn einmal eingeklemmt - mit veralteten Rettungsscheren nicht mehr befreit werden können.”

Während die Berufsfeuerwehren in Großstädten gut ausgerüstet seien, seien ländliche Gemeinden mit ihren Freiwilligen Feuerwehren weniger modern ausgestattet. „Die Folgen schlechter Ausrüstung können jeden von uns treffen”, warnt Galifi. In dem Internet-Portal „Die Unfallzeitung” weist er daher nicht nur auf diesen Missstand hin, sondern appelliert auch an betroffene Feuerwehren und mögliche Sponsoren, sich zu melden.

Bei neuen Autos benötigt man mehr Schneidkraft

Bei den Rettungskräften vor Ort ist das Thema seit Jahren ein Thema. „Die Kritik ist schon richtig”, sagt Udo Winter, Leiter der Feuer- und Rettungswache in Altena. „Mit der Rettungsschere, die wir vor zehn Jahren benutzt haben, brauchen wir heute nicht mehr anzufangen. Bei den neuen Autos braucht man einfach mehr Schneidkraft. Den Fahrzeugholm bekommen Sie einfach nicht mehr durchgekniffen.”

Deshalb habe man in Altena diesem Problem schon vor Jahren Rechnung getragen und mit neuen Fahrzeugen auch gleich das technische Equipment aufgerüstet. Doch Winter schließt nicht aus, dass andere Feuerwehren schlechter ausgestattet sind: „Die öffentlichen Mittel sind ja dahin. Ich denke schon, dass es da Schwierigkeiten gibt”, sagt er. Mit Konsequenzen im Einsatz: „Man braucht mehr Zeit, und je länger man einen Verletzten nicht befreien kann, umso schlimmer wird es. Das ist sehr unangenehm.”

Auch die richtige Taktik ist wichtig im Einsatz

Nicht nur für die Betroffenen im Auto, sondern auch für diejenigen, die ihnen helfen wollen, meint Roberto Galifi. „Die Rettungskräfte gehen ja mit bester Absicht daran. Wenn dann die Rettungsscheren nicht vernünftig funktionieren, ist es total frustrierend”, sagt der Kfz-Sachverständige. „Ich habe mit vielen gesprochen, die mir von den Problemen erzählt haben. Die sind auch im nachhinein noch total geschockt.”

Michael Bernzen vom Technischen Kompetenzzentrum des Instituts der Feuerwehr NRW in Münster betont jedoch: „Technische Rettung hängt nicht allein vom Equipment ab. Es muss auch eine gewisse Taktik dahinterstecken. Beides spielt zusammen, das ist bei jedem Feuerwehreinsatz so.” Auf der anderen Seite räumt er ein, dass die Produktion neuer Karosserien Auswirkungen auf die Einsätze habe. „Mit der technischen Entwicklung hängt man dann mit der Rettung immer hinterher.”

„Nur nachrüsten“

Das bestätigt Manfred Theile, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr in Werdohl: „Dass wir immer größere Probleme bekommen, in Fahrzeuge vorzudringen, ist klar. Die Industrie hat das Bestreben, die Fahrgastzelle so sicher wie möglich zu machen. Das kann man verstehen. Wir können dann immer nur nachrüsten.” Auch im Bereich Werdohl habe man daher schon alte Schneidwerkzeuge ausgetauscht. Zudem gebe es bei Verkehrsunfällen mit eingeklemmten Personen immer eine hohe Alarmierungsstufe, um mit mehr Technik und Personal „auf der sicheren Seite zu sein”.

In Neuenrade hat man vor drei Jahren ebenfalls aufgerüstet. „Es gab Einsätze, wo es nicht mehr so einfach war”, begründet Feuerwehr-Leiter Karsten Runte. Zudem sei das Thema von hauptberuflichen Feuerwehrleuten in den eigenen Reihen forciert worden. „Deshalb haben wir uns die größte Schere gekauft, die es gibt.” Zusätzlich habe man die Ausstattung noch um eine elektrische Säbelsäge ergänzt. „So etwas”, sagt Runte, „war früher nicht erforderlich.”

ADAC-Rettungskarte gibt Infos im Notfall

Auch der ADAC hat bereits Konsequenzen gefordert: Er appelliert nicht nur an die Feuerwehren, ihre technische Ausstattung zu überprüfen und bei Bedarf zu erneuern, sondern ruft auch die Automobilhersteller dazu auf, eine so genannte Rettungskarte für jedes Fahrzeugmodell zu erstellen. Dieses könnte dann in der Fahrer-Sonnenblende liegen und wichtige Informationen zu Schneid- und Druckpunkten oder Airbagzonen auflisten. Schon jetzt kann sich jeder Autofahrer im Internet (www.rettungskarte.de) eine solche Karte ausdrucken lassen. „Das ist eine gute Lösung“, sagt Peter Meintz, Sprecher des ADAC Westfalen. „Man kann mit Informationen eine Menge bewirken, auch wenn die Feuerwehr nicht die richtige Schere hat. Denn wenn man weiß, wo man anzusetzen hat, kommt man dann trotzdem durch.“

Der Deutsche Feuerwehrverband begrüßte die Initiative: Dies sei, so Vizepräsident Ludwig Geiger, „eine weitere Hilfe für die Helfer vor Ort und ein wichtiger Baustein, um die Zeit bis zur erfolgreichen und patientengerechten Rettung von Opfern weiter zu verkürzen.”

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