Knappschaft wird 750

Mit dem Büchsenpfennig fing alles an

150 Jahre Knappschaft - Blick in einen OP des Knappschaft-Krankenhauses

150 Jahre Knappschaft - Blick in einen OP des Knappschaft-Krankenhauses

Foto: WR

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Bochum. Gesucht wird noch ein Wurm. Der Hakenwurm, auch Grubenwurm genannt, hat die Bergleute um 1920 epidemieartig befallen. Die hygienischen Bedingungen unter Tage und die Hitze begünstigten den Befall, der vor allem zu Durchfall führte. Der Wurm soll in der Ausstellung „Auf breiten Schultern“ im Bergbaumuseum Bochum gezeigt werden, die am 1. Juli offiziell eröffnet wird. Die Knappschaft wird in diesem Jahr 750 Jahre alt und feiert diesen Geburtstag mit dieser großen Sonderschau, einem Gang durch die Jahrhunderte der Sozialversicherung.

Gewissermaßen als Geburtsurkunde gilt der Knappschaft ein Schriftstück des Hildesheimer Bischofs Johann I. von Brakel vom 28. Dezember 1260. Darin sichert er der Sankt-Johannis-Bruderschaft am Rammelsberg bei Goslar, die zur Unterstützung kranker und verletzter Bergleute und deren Hinterbliebenen ge­gründet worden war, seinen Schutz zu. Diese Urkunde beinhalte erstmals einen Hinweis auf eine organisierte Sozialfürsorge und bilde den Ursprung der späteren Knappschaften, betont Christoph Bartels, Kurator der Ausstellung und Fachleiter Bergbaugeschichte. Die Schau soll keine dröge Aneinanderreihung von Schriftstücken mit ellenlangen Erklärungstafeln sein, sondern durch dreidimensionale Darstellungen die Ge­schichte lebendig machen und Einblicke in das Leben der Bergleute vom Mittelalter bis zur Gegenwart ermöglichen. So wird beispielsweise ein Behandlungssaal aus dem Jahre 1920 Besucher zu fesseln versuchen. Der Bogen spannt sich vom Lederschuh eines Bergmanns aus der Zeit um 1000 n. Chr. bis zur heutigen Diskussion um den „gläsernen Patienten“. Drei Jahre dauerten die Vorarbeiten zu dieser Ausstellung, das Projekt wurde mit einer Million Euro öffentlicher Mittel gefördert.

Antwort auf gefährliche Arbeitswelt

Im Mittelalter, so Bartels, waren Religion und weltliches Leben noch nicht getrennt. Der gegenseitige Beistand in­nerhalb der Berufsgruppe, Fürbitten, Andachten, Totengedenken und Fürsorge im Alter verschränkten sich miteinander. Der Zusammenschluss zu Gebets- und Solidarbruderschaft war die Antwort auf die gefährliche Arbeitswelt. In der Reformation bekämpfte Martin Luther die mittelalterlichen Bruderschaften, die selbst einen Ablasshandel betrieben, wie eine Schmuckurkunde belegt. Neue überkonfessionelle Knapp­schaften wurden ge­gründet, um Bergleute bei Krankheit, Invalidität oder Unfalltod zu unterstützen.

Die Schau stellt auch dar, was es mit dem berühmten Pfennig in der Woche auf sich hat. Das war der Teil vom Lohn, der als Solidarbeitrag in die Büchse geworfen wurde. Bei einem Verdienst von einem Gulden macht das zwar nur ein Prozent aus, hinzu kam aber noch bis zu eine Schicht pro Monat, die nicht bezahlt wurde und als „Beitrag“ galt. „Büchsenpfennige werden ge­treulich eingebracht und gesammelt und den Armen ausgespendet, wie es Bergmeister, Geschworene, Zechmeister und Älteste der Knappschaft einträchtig er­kennen und beschließen“, schrieb der Freiberger Bergvogt Simon Bogner, der Berggebräuche sammelte. Von Anfang an, so betont Bartels, waren die Arbeitgeber dabei und haben Geld in die Büchse gegeben, weil sie laut gesetzlicher Bestimmung auch in der Grube arbeiten mussten und den Gefahren ausgesetzt waren.

Kredite für Bergbau-Beschäftigte

Die Knappschaften waren aber auch erfindungsreich bei der Geldbeschaffung, wie eine Lostrommel und Schriftstücke über eine Lotterie zeigen. Aber auch in anderen Bereichen tummelten sich die Knappschaften – sie vergaben zum Beispiel Kredite an Bergbau-Beschäftigte für den Hausbau.

Im Steinkohlenbergbau gab es anfänglich keine Knappschaft, berichtet Bartels. Bergleute und Gewerke wehrten sich sogar gegen die Bildung, weil sie einen Griff in ihr Portmonee fürchteten. Erst 1770 entstand der Märkische Knappschaftsverein für alle preußischen Bereiche des späteren Ruhrgebietes. Er hatte seinen Sitz in Bochum. 1807 bildete sich der Essen-Werden’sche Knappschaftsverein und 1842 der Mülheimer Knappschaftsverein. Im Jahr 1890 fusionierten die drei zum Allgemeinen Knappschaftsverein, dem größten Knappschaftsverein in Deutschland. Mit der Errichtung der Bundesknappschaft 1969 wurde Bochum als Sitz festgelegt.

Nazi-Zeit wird nicht verschwiegen

Keinesfalls verschwiegen wird in der Ausstellung die Zeit des Nationalsozialismus. Nach der Machtübernahme 1933 wurden Mitarbeiter der Knappschaft, die der Gewerkschaft, der sozialdemokratischen oder kommunistischen Partei angehörten oder Juden waren, aus ihren Dienststellen entfernt. Überlange Schichten, schärfere Maßnahmen der Knappschaftsärzte gegen so genannte Simulanten und die schlechte Versorgungslage verschlechterten den Gesundheitszustand der Bergarbeiter. Der Mangel an Arbeitskräften führte zum menschenverachtenden Einsatz von Zwangsarbeitern, die aber von den knappschaftlichen Leistungen ausgeschlossen blieben.

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