Lässige Mode für junge Muslime

Melih Kesmen aus Witten macht lässige Mode für junge Muslime.  Foto: Franz Luthe

Melih Kesmen aus Witten macht lässige Mode für junge Muslime. Foto: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

Witten. Melih Kesmen trägt sein Glaubensbekenntnis auf der Brust. „I love my prophet“ (übersetzt: Ich liebe meinen Propheten) steht auf seinem T-Shirt. Als im Jahre 2006 der Streit um die Mohammed-Karikaturen eskalierte, ließ der Wittener nur diese vier Worte auf ein Shirt flocken. Mittlerweile hat er tausende davon verkauft.

Aus einem ganz persönlichen T-Shirt ist ein Modelabel geworden, das in der ganzen Welt angesagt ist. Und wie jede Mode, stehen auch Melih Kesmens Shirts, Kappen und Taschen für ein Lebensgefühl: Es sind insbesondere junge, gebildete Muslime, die seine Mode tragen. Muslime, die auf lässige, unverkrampfte Art zu ihrem Glauben stehen – und sich von Fanatikern ebenso distanzieren wie von den Menschen, die den Islam verteufeln.

Es war der Generalverdacht, unter dem Muslime nach den Anschlägen auf das World Trade Center und dem Karikaturenstreit standen – und der Kesmen zunächst lähmte. „Ich musste nur mit einer Tasche in die U-Bahn steigen, und da waren sie – diese skeptischen, ängstlichen, teilweise auch hasserfüllten Blicke – und ich konnte denen nichts erwidern.“ Bis ihm die Idee für sein T-Shirt kam. „Ich wollte einfach ein positives Signal setzen.“ Sein Signal kam an. Melih Kesmen lief mit seinem Shirt durch die Stadt, er hatte einen Ausweg aus seiner Sprachlosigkeit gefunden, die Menschen sprachen ihn an - und fast alle waren freundlich. „Junge Muslime fanden den Aufdruck super, so viele haben in dieser Zeit nach einem Ventil gesucht und keines gefunden. Nicht-Muslime fragten mich, warum ich das trage – und so bin ich ins Gespräch gekommen, das war fantastisch.“

Melih Kesmen erkannte seine Chance: Der Grafikdesigner gründete mit seiner Frau Yeliz das Modelabel ­Styleislam. Über 40 Motive bieten die beiden in ihrem Online-Shop an. Die Kombination von Shirts und Kapuzenpullis im coolen Streetwear-Stil, auf denen statt Skater-Motive Bekenntnisse zum Glauben prangen, ist äußerst ungewöhnlich. Vielleicht kommt seine Mode gerade deswegen so gut an. „Jesus and Mohammed – Brothers in Faith“ (Jesus und Mohammed – Brüder im Glauben), „Terrorism has no Religion“ (Terrorismus gehört keiner Religion an) oder „Hijab – My right, my choice, my life“ (Kopftuch – mein Recht, meine Entscheidung, mein Leben) sind die beliebtesten Motive.

Melih Kesmen hat über die Jahre ein feines Gespür dafür entwickelt, welche Sprüche eine breite Masse ansprechen und eine lange Haltbarkeit besitzen – und er hat auf diesem Wege auch Fehler gemacht. Das Motiv „Jesus was a Muslim“ hat er aus dem Sortiment genommen, nachdem es Droh- und Protestanrufe aus Bayern hagelte. „Wir möchten nicht provozieren und keine Feindbilder zwischen der orientalischen und westlichen Welt beschwören. Im Gegenteil.“ Die Anfeindungen, sie kamen anfangs von allen Seiten. Warfen ihm die einen vor, mit seinen Motiven doch nur eine schleichende Islamisierung zu beabsichtigen, beschimpften ihn einige seiner eigenen Glaubensbrüder als „Ketzer“. Kesmen machte trotzdem weiter.

Ein Shop in Medinah

Er wurde als Sohn eines türkischen Gastarbeiters in Witten geboren, hier lebt und arbeitet er noch immer. Wenn er spricht, dann hört es jeder: Kesmen ist ein Ruhrpott-Junge. Statt von der Arbeit spricht er von der „Maloche“, Terroristen, nennt er „Typen, die total krank und krass drauf sind“. Um dann zu erklären: „Das Schlimmste ist doch, dass ich all den Menschen, die mich so angsterfüllt angucken am liebsten ins Gesicht schreien würde: ‚Hey, ich hab’ genauso große Angst wie ihr, dass irgend so ein Bekloppter kommt und ich mit meinem Hintern in die Luft fliege’.“

Melih Kesmen betet fünfmal am Tag, seine Frau trägt Kopftuch und gleichzeitig besucht er Jazzclubs und bezeichnet Deutschland als seine Heimat. Die Zahl der Muslime, die traditionelle Werte und westliche Lebensweise zu vereinbaren versuchen, steigt.

Soziologen haben dieser losen Bewegung bereits einen Namen gegeben: Pop-Islam. Allein das Wörtchen Pop verleitet dazu, dieser Bewegung ihre Ernsthaftigkeit abzusprechen. Doch Melih Kesmen ist es sehr ernst. Wenn er Vorträge hält, dann bekommt er Applaus, wenn er vom Islam als „gekidnappte Religion“ spricht. Einer Religion, „die von wenigen Fanatikern für ihre Ziele benutzt wird.“ Melih Kesmen spricht in Schulen, auf Tagungen, an der Uni. Das Jüdische Museum in Berlin hat ein Shirt von ihm bestellt – und vor knapp zwei Monaten hat der erste „Styleislam-Shop in Medinah (Saudi-Arabien) eröffnet. Ein zweiter ist in Wuppertal geplant.

Es läuft sehr gut für Melih Kesmen. Doch wichtiger als all seine Erfolge ist ihm die Bewunderung der jungen Türken im Ruhrgebiet. Die kennen seine Mode, die kennen seinen Namen, für sie ist er ein Idol. Einer, der es geschafft hat. Kesmen sagt, dass ihm diese Bewunderung manchmal fast ein bisschen peinlich ist. Aber immer nur für einen kurzen Moment. Denn: „Besser, die finden mich cool als einen dieser durchgeknallten Fanatiker, oder?“