Demo

In Dortmund bündelt sich die braune Szene

Neonazis demonstrieren in Dortmund-Dorstfeld.

Neonazis demonstrieren in Dortmund-Dorstfeld.

Foto: WR

Dortmund.   In der rechtsextremen Szene laufen die Vorbereitungen für die Demo am Samstag in Dortmund auf Hochtouren. Tagsüber geben sich die Neonazis mit Infoständen bürgernah, im Schutze der Dunkelheit laufen Plakatieraktionen. Mindestens 1000 Rechte werden am Wochenende erwartet.

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Wer will, kann die Vorbereitungen Dortmunder Neonazis für ihren „Nationalen Antikriegstag“ praktisch rund um die Uhr verfolgen. Per Twitter. Tagsüber wird berichtet, wo sie gerade einen Infostand aufgestellt haben oder eine Kundgebung abhalten. Abends gibt’s Programmhinweise auf ihr per Internet verbreitetes Radioprogramm. Des Nachts werden Bilder der im Schutz der Dunkelheit laufenden Plakatieraktionen veröffentlicht. Und auch Tipps für die Klebetrupps, welche Ecken der Stadt sie im Augenblick besser meiden sollten, gibt es: „Der Abend ist jung und die Zivis stehen in Dorstfeld an der Wittener Str. / Ecke Hartweg. silberner VW, UN-VP-****“

Ein umfassendes Bild über sämtliche Aktivitäten bietet aber auch der „Dortmundticker“ nicht. Wenn es gar zu illegal wird, wenn irgendwo Scheiben eingeschlagen werden oder Leute verprügelt werden, weil sie das falsche T-Shirt, etwa eines mit „linkem Motiv“, tragen, erfährt man darüber nichts.

Tagsüber geben sich die Neonazis bürgernah

Tagsüber wollen die Neonazis bürgernah wirken. Vor zwei Wochen starteten sie ihre „heiße Phase der Mobilisierung“. In den Stadtteilen bauen sie Infostände auf, in der City verteilen sie Flugblätter, vom Florianturm werfen sie bei einer „Schnipselaktion“ kleine Propagandazettel aus 140 Metern herunter. Präsenz wollen sie zeigen. Der Erfolg hält sich freilich in engen Grenzen. Ihre Flugblätter bleiben zumeist unbeachtet oder landen im nächsten Papierkorb.

Mindestens 1000 Teilnehmer wollen die „Antikriegstags“-Organisatoren am Samstag aufmarschieren lassen. Damit würde die von „Autonomen Nationalisten“ organisierte Veranstaltung in diesem Jahr zum größten Straßen-„Event“ der Neonaziszene bundesweit, sieht man von einem am Ende gescheiterten Demo-Versuch im Februar in Dresden ab. Dafür haben sie in den letzten Monaten überregional geworben, ob bei Demonstrationen der Szene, beim Pressefest der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ oder bei einer „Mobilisierungstour“ mit vier Veranstaltungen im Osten der Republik.

45.000 Aufkleber, 40.000 Flugblätter

Die Organisatoren betreiben einigen Aufwand. 45 000 Aufkleber, 40 000 Flugblätter, 8000 Plakate, 7100 Meter „Werbeband“ und 200 000 „Werbeschnipsel“ weist der „Materialzähler 2011“ der Veranstalter aktuell aus. „Wollt Ihr den totalen Materialkrieg?“, hatten sie ihren Hinweis überschrieben, als das erste Material eingetroffen war.

Dortmund hat einen besonderen Ruf in der Szene: den einer Stadt, in der man sich besonders viel herausnehmen kann, und den einer Stadt mit einer besonders großen und selbstbewussten Neonaziszene. In NRW ist sie die mit der größten lokalen Szene. Und bundesweit gilt Dortmund – neben Berlin – als die Hochburg der „Autonomen Nationalisten“ – jenes Zweigs der extremen Rechten, der nicht auf die Arbeit in Parteien und Parlamenten setzt. Zugleich haben die Rechts-„Autonomen“ mehr und mehr Elemente aus ganz anderen Jugendkulturen übernommen. Bei Demonstrationen orientieren sie sich am Stil linker Autonomer.

Die Reden sind vielen zu langweilig

Von 240 beim ersten Anlauf Anfang September 2005 stieg die Teilnehmerzahl bei der alljährlichen braunen „Antikriegstagen“ bis 2008 kontinuierlich auf 1200. In den letzten beiden Jahren war das Wachstum gebremst worden. Vor allem weil letztlich nicht auf den Straßen der Stadt demonstriert werden durfte – die Neonazis mussten sich stattdessen mit stationären Kundgebungen auf einem abgelegenen P+R-Parkplatz am Hafen bescheiden.

Nur langweiligen Reden zu lauschen, daran finden Rechts-„Autonome“ wenig Spaß. Und so war es auch wenig überraschend, dass sich im vorigen Jahr etwa die Hälfte der angereisten 1000 Rechtsextremisten gar nicht erst zum Hafen begaben. Sie stürmten schon eine Station vor dem Hauptbahnhof aus dem Zug. Vier Kilometer zogen sie Richtung Innenstadt, ehe die Polizei sie stoppen konnte. Action, Bewegung, die Konfrontation mit Polizei oder Gegendemonstranten gehören zum rechts-„autonomen“ Lebensgefühl. Eine Beobachtung, die auch das NRW-Innenministerium gemacht hat. Insbesondere die Erfahrung der letzten Jahre würden zeigen, „dass die rechtsextremistische Szene bei der Durchführung von Demonstrationen oder Kundgebungen ein entschlosseneres und situativ bedingt auch gewaltbereiteres Verhalten an den Tag legt, als dies zuvor zu beobachten war“, heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage im Landtag. Derartige Verhaltensweisen könnten auch bei der Dortmunder Demonstration nicht ausgeschlossen werden.

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