Im Knast kann man auch mal kuscheln

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Bielefeld. (epd) Wenn Carina mit ihrem Vater spielen will, geht sie in den Knast. Im Bielefelder Gefängnis kann die Fünfjährige in einer Vater-Kind-Gruppe mit ihrem inhaftierten Vater toben, malen und kuscheln.

Das Projekt "Freiräume" des Evangelischen Gemeindedienstes will Kinder unterstützen, deren Väter hinter Gittern sitzen. Außerdem sollen Väter Hilfe erhalten, trotz oftmals jahrelanger Haftzeit, den Kontakt zu ihrer Familie aufrecht zu erhalten.

Schon wenn die Stimmen der Kinder auf dem Gang des Gefängnisses zu hören sind, haben sich die Väter erwartungsvoll hinter der Tür aufgebaut. Den sonst so nüchternen Besucherraum haben die Häftlinge so gut es geht in ein Spielzimmer verwandelt: Auf den zusammengeschobenen Tischen warten Buntstifte, Fingerfarbe und Pinsel auf die jungen Besucher. Die Stühle sind um einen bunten Fallschirm in einem Kreis aufgestellt. Ein Vater breitet seine Arme aus und fängt seine lachende Tochter auf. Auf der anderen Seite tobt ein weiterer Vater mit seinen zwei Kindern auf einer Kuschelwiese.

"Das ist ein großer Unterschied zur normalen Besuchsstunde", sagt Roman L., der seit einem Jahr wegen schweren Kreditbetrugs in Haft sitzt. "Hier kann man nicht nur reden, sondern auch mal kuscheln." Seit Oktober letzten Jahres haben acht Väter mit ihren zwölf Kindern in der Bielefelder Justizvollzugsanstalt Gelegenheit dazu. "Die Gruppe der Kinder wird bei einer Inhaftierung eines Elternteils oft vergessen", erklärt Projektleiterin Melanie Mohme. Neben der Vater-Kind-Gruppe gibt es weitere Angebote, wie Kinder- und Paarberatung für die Kinder mit ihren Angehörigen. Als Nächstes soll noch eine Gruppe allein für die Kinder angeboten werden.

Das Projekt "Freiräume", das in Kooperation mit den Justizvollzugsanstalten in Bielefeld angeboten wird, ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Finanziert wird es zu 70 Prozent von der "Aktion Mensch", den Rest übernimmt der Evangelische Gemeindedienst im Johanneswerk.

Die Annäherung zwischen den "Knackis" und ihren Kindern war ein längerer Prozess, sagt Mohme. Auf beiden Seiten habe es am Anfang eine große Unsicherheit gegeben. "Doch dann berührten sich erst die Finger, und dann kam auch die Umarmung zwischen Vater und Kind", erzählt sie. Zu dem Projekt wurde Mohme, die bereits zuvor in der Straffälligenhilfe arbeitete, von einem Anruf einer Hilfe suchenden Mutter angeregt. "Wie soll ich das meinen Sohn erklären?", hatte sie gefragt.

Als Carina das Gefängnis wieder verlässt, strahlt sie. Sie hat mit dem Vater zusammen mit Fingerfarbe Abdrucke ihrer Hände nebeneinander gemacht. Sie hält einen Pappteller fest, auf den ihr Vater ein lachendes Mädchengesicht gemalt hat. Die Farbe ist noch frisch. Auf dem Tellerrand steht: "Papa hat dich lieb".

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