Umweltskandal

Gift aus Kasachstan für Dortmund

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Ausbau von Altgeräten in der ehemaligen sowjetischen Raketenbasis. Foto: Dmitry Kalmykov / Karaganda Ecological Museum

Ausbau von Altgeräten in der ehemaligen sowjetischen Raketenbasis. Foto: Dmitry Kalmykov / Karaganda Ecological Museum

Foto: Dmitry Kalmykov

Dortmund/Astrana. Gift, Geld, Gier – auf der Suche nach Profit schreckte die Skandalfirma Envio scheinbar vor nichts zurück. Recherchen der Westfälischen Rundschau enthüllen, dass die Dortmunder PCB-Firma sogar mit Kriminellen aus Kasachstan kooperierte, um tausende verseuchter Kondensatoren zu importieren und im Dortmunder Hafen mehr schlecht als recht zu entsorgen. In der ehemaligen Sowjetrepublik sitzen ein Minister und diverse Regierungsspitzen deshalb bereits im Gefängnis.

Diese Geschichte klingt kaum glaubhaft. Aber Dokumente, die der WR vorliegen, beweisen, dass Envio in den Jahren 2007 bis 2009 über 10 000 Kondensatoren per Bahn und Flugzeug aus Kasachstan einführte. Folgt man den Spuren dieser Transporte, landet man bei international operierenden Kriminellen.

9000 Kilometer östlich der Ruhr liegt der Balchaschsee, in der kasachischen Steppe, nahe der Grenze zu China: Der Hauch des Kalten Krieges umweht die alte Raketenstation Daryal-U – ein Frühwarnsystem, das zu Konfliktzeiten einen möglichen Angriff des Erzfeindes China erkennen und abwehren sollte. Im Ernstfall sollten von der streng geheimen Basis sowjetische Raketen ins Reich der Mitte gesteuert werden. Nach dem Kollaps der UDSSR zerfiel auch der Militärstützpunkt. Die Reste der Anlage gingen vor 15 Jahren an die Regierung Kasachstans. Explosiv ist das Objekt bis heute: Kernstück der mit Bodenradar bestückten Station ist ein rund 100 Meter hoher Betonbau, in dem tausende Kondensatoren und andere elektronische Geräte steckten – allesamt hochgradig mit verschiedenen Giften verseucht. Als die PCB-Belastung auf dem Gelände bedrohliche Ausmaße erreichte, das Gift schon im Balchaschsee schwamm, sollte das Zeug verschwinden. Hier kam die Dortmunder Firma Envio ins Spiel.

Und der Deutsch-Kasache Boris Meckler. Er ist Geschäftsführer der Firma Juwenta DB aus dem süddeutschen Metzingen. Ein Mann mit guten Verbindungen: Im Oktober 2007 begleitete er den damaligen Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) auf einer offiziellen Reise nach Kasachstan und Aserbaidschan. Seine Interessen damals: „Consulting und Export“. Auch in Kasachstan ist Meckler gut bekannt. Sein Unternehmensziel hier unter anderem: „Planung und Organisation der Ausbildung der Antiterror-Spezialkräfte“. Der Geschäftsmann hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Vor gut 20 Jahren soll der damalige Sowjetbürger noch wegen schwerer Straftaten zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden sein, so kasachische Medien. Er selbst bestreitet das und legt ein Führungszeugnis aus dem Jahr 2008 vor – ohne eingetragene Vorstrafen.

Meckler organisierte die Verbindung zur Firma Envio nach Dortmund. Die sollte das verseuchte Material zunächst kostenlos bearbeiten – im Gegenzug kam schnell die Lizenz für eine monopolartige Müllentsorgung in Kasachstan ins Gespräch. Meckler selbst war für ein kasachisches Unternehmen tätig, das seinen Gewinn von Anfang an mit dem Verkauf der gereinigten Rohstoffe machen wollte.

Envio gründete eine Tochterfirma für ihre Geschäfte in Zentralasien: die Envio Kasachstan GmbH, geführt im Stuttgarter Handelsregister. Die Gifttransporte liefen an. Von Dezember 2007 bis Mitte 2009 kamen 10 052 schwerstverseuchte Kondensatoren nach Dortmund, erklären kasachische Behörden. Die Firma Envio sagt, die Transporte seien 2008 eingestellt worden.

Die Folgen sind in jedem Fall bekannt: verseuchte Böden, vergiftete Mitarbeiter, Angehörige, Kinder. Im Mai 2010 stoppte die Envio-Stilllegung den Lieferfluss.

Bald flog auf, dass der Kasachstan-Deal mit unsauberen Mitteln zustande gekommen war. Das kasachische Umweltministerium hatte für den Transport der gefährlichen Raketenstoffe umgerechnet rund sechs Millionen Euro zur Verfügung gestellt – einer der größten Aufträge in der Geschichte der Behörde. Das Geschäft wurde freihändig abgeschlossen. Zudem verschwanden Gelder, die dafür gedacht waren, die Transporte abzusichern. Nach Angaben der kasachischen Finanzpolizei wurden die zum Teil schwer beschädigten Kondensatoren unsachgemäß verpackt. Aus einigen soll die PCB-haltige Flüssigkeit ausgetreten sein.

Inzwischen sitzt der kasachische Umweltminister Nurlan Iskakov im Gefängnis – wegen Untreue und Korruption. Das Urteil im Oktober vergangenen Jahres: vier Jahre Haft. Auch seine beiden Stellvertreter und einige Ex-Mitarbeiter sind hinter Gittern. Ein am Deal beteiligter Geschäftsmann aus dem Meckler-Umfeld kassierte sechs Jahre Zuchthaus. Die Finanzsekretärin seines Hauses ist verschwunden und wird mit Steckbriefen international gesucht. Dem Vernehmen nach soll sie in Deutschland untergetaucht sein. Weitere Verdächtige in dem Korruptionsverfahren kamen aus dem Dunstkreis der kasachischen Geheimdienste. Zu ihnen soll Meckler weiter Kontakt pflegen, berichten Quellen aus seinem Umfeld. Er selbst bestreitet das.

Trotz allem – und obwohl die Skandalfirma Envio längst dicht ist – pocht Kasachstan auf die Einhaltung der Gift-Verträge. Nach Angaben des dortigen Umweltministeriums sollen die Transporte nach Dortmund in den kommenden Wochen wieder aufgenommen werden. Bis Mitte 2011 würden noch einmal 5946 PCB-Kondensatoren Richtung Ruhrgebiet abtransportiert, sagte die stellvertretende kasachische Umweltministerin Eldana Sadvakasova. Und Meckler ist wieder mit dabei. Er bestätigt: „Wir bemühen uns, Kondensatoren in Deutschland zu entsorgen.“ Und Envio sagt: „Es stehen weitere Lieferungen aus.“ Man arbeite an Lösungen.

Die deutschen Behörden sind irritiert. Ihr Informationsstand variiert erheblich. Die gegen Envio ermittelnde Staatsanwaltschaft in Dortmund hat bis heute „keine Erkenntnisse über Lieferungen aus Kasachstan“, sagt Oberstaatsanwältin Ina Holznagel. Der Bezirksregierung Arnsberg hingegen liegen Unterlagen über die Geschäfte vor. Sie sprechen für weitere Ungereimtheiten. Denn von den genehmigten 750 Tonnen Giftfracht sollen nur knapp 200 Tonnen in Dortmund angekommen sein, sagt Envio. In Kasachstan spricht man von rund 400 Tonnen PCB-Giftmüll, die abgeschickt wurden. Und weiter seltsam: Statt der genehmigten 50 Transporte soll es nur drei gegeben haben, sagt Envio. Die Bezirksregierung in Arnberg spricht von sechs Transporten –- offiziell.

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