Alles andere als ein Einzelfall:

Gewalt gegen Frauen

Foto: WR

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Dortmund. Zum internationalen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen am Mittwoch fordern die Frauenhäuser in NRW mit einer Postkarten-Aktion die gesicherte Finanzierung der Einrichtungen. Der erforderliche Schutz der Betroffenen und ihrer Kinder sei letztlich nur in den Frauenhäusern möglich.

Irgendwann war für Anna der Zeitpunkt erreicht, dass sie genug Mut und Kraft aufbrachte und die Wohnung verließ. Es war der Moment, als ihr Mann erstmalig den fünfjährigen Sohn brutal weggeschubst hatte. Der Zeitpunkt, dass Anna fürchtete, die Gewalttätigkeiten ihres Mannes würden sich künftig nun auch gegen ihr Kind richten. Denn wozu dieser fähig war, hatte die 25-Jährige schon lange genug und immer wieder erfahren müssen: Erst mit psychischer Gewalt, mit ständigen Erniedrigungen, schließlich mit Schlägen und Tritten und sexuellen Übergriffen. In dem Frauenhaus, in das Anna flüchtete, fand sie den Abstand und die Ruhe, die sie brauchte. „Das war so, als sei man vorher ständig der heißen Sonne ausgesetzt gewesen, und plötzlich konnte ich mich im Schatten ausruhen. Ich konnte durchatmen, ohne in ständiger Angst leben zu müssen.”

Anna ist alles andere als ein Einzelfall. Jährlich flüchten rund 10.000 Frauen und Kinder in eines der 69 Frauenhäuser in Nordrhein-Westfalen. Weitaus mehr Frauen jedoch sind tatsächlich von Misshandlungen betroffen: Schätzungen gehen davon aus, dass etwa jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt erlebt. Grund genug für Verbände und Organisationen, Frauenhäuser und Vereine, beim Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November auf dieses Thema hinzuweisen.

Laut Innen- und Familienministerium NRW wenden sich bei Gewalt in der Familie immer mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen an die Polizei. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Fälle um 2000 auf 22.568. In der Mehrzahl hatten es die Polizisten mit Körperverletzungen (14.500) zu tun, gefolgt von 3400 Bedrohungen und rund 1300 Sachbeschädigungen. In 10.800 Fällen musste der Täter die Wohnung verlassen. „Das ist gang und gäbe”, sagt Polizeioberkommissarin Dörthe Milhahn, die seit zehn Jahren in Dortmund-Mitte im Einsatz ist - und mit ihren Kollegen immer wieder zu Hilfe gerufen wird, wenn Männer zu Hause zuschlagen.

Statistisch gesehen werden in Dortmund rund 100 Fälle von häuslicher Gewalt im Monat gemeldet - drei pro Tag. Allein im letzten Jahr verzeichnete die Dortmunder Polizei 1290 Fälle. Auch wenn die Zahl „nur” um 100 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist: „Vom subjektiven Gefühl her ist das Problem größer geworden”, meint die 33-Jährige. „Heute kommen solche Einsätze auch im Frühdienst, also im Laufe des Vormittags, vor. So etwas hatten wir früher nicht.” Immer wieder werde man auch - von den betroffenen Frauen selbst oder den Nachbarn - zu denselben Adressen gerufen: zu einem Pärchen, Anfang 20, allein dreimal im letzten halben Jahr, berichtet die Polizeibeamtin. „Viele junge Menschen kommen mit ihren Konflikten einfach nicht mehr klar. Sie können sie nicht auf vernünftige Art regeln”, meint Milhahn. „Und oft sind dann auch Alkohol und Drogen im Spiel.”

Seit dem Jahr 2002 hat die Polizei die Handhabe, die Täter für zehn Tage aus der eigenen Wohnung zu verweisen. „Wir hatten eigentlich gehofft, dass dadurch weniger Frauen in die Frauenhäuser müssen”, sagt Claudia Schrimpf von der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser. „Aber das hat sich nicht erfüllt. Die Notwendigkeit von Frauenhäusern, die Gewalt gegen Frauen, ist nach wie vor gleich hoch.” Die körperlichen Übergriffe reichen von Schubsen und Ohrfeigen über Schlagen und Treten bis hin zu schweren Misshandlungen mit Gegenständen, Würgen, Angriffen mit Waffen und Mord. „Die gefährlichste Situation für die Frauen ist, wenn sie einem Mann mitteilen, dass sie sich trennen wollen. Da besteht das höchste Risiko von Gewalt”, sagt Inka Saldecki-Bleck, psychologische Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied in der NRW-Landesgruppe im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. In ihrer Praxis erlebe sie nicht nur Vorstufen der Gewalt - Nötigungen, Beleidigungen, Einschüchterungen - sondern auch Opfer von Körperverletzung und Vergewaltigung. Und sie erlebt die Folgen der Misshandlungen: „Häusliche Gewalt macht krank”, sagt die Expertin. Das mache sich nicht zuletzt bei den Krankenkassen bemerkbar. „Frauen, die häusliche Gewalt erleiden, sind fünfmal so teuer wie andere Patienten. Sie leiden häufiger unter Symptomen wie Angststörungen und Drepressionen, somatischen Störungen und Suchtformen.” Psychisch befänden sich jene Frauen in einer permanent angespannten Situation. „Sie wissen nicht, was passiert, entwickeln Ängste - auch davor, dass ihre Kinder betroffen sind.”

Der Ansatz der Therapie besteht vor allem darin, die Frauen in einer solchen Situation zu stärken und ihnen ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben. Das versuchen auch die Sozialarbeiterinnen in den Frauenhäusern. „Wir sagen nicht, sie sollen nicht zu den Männern zurückgehen. Das ist ihre Entscheidung. Wir wissen, dass man manchmal vielleicht zwei drei Anläufe braucht”, sagt Claudia Schrimpf. „Aber viele schaffen es. Und es ist toll zu sehen, wie sie dann aufblühen und ihr eigenes Leben in die Hände nehmen.”

Auch Anna hat es geschafft, weiß Schrimpf. „Sie hat ihre Koffer gepackt, als der Mann nicht da war. Und sie hat sich ein neues Leben aufgebaut.”

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben