Gesichter der Armut

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Neulich im Café. Der Blick durchs Fenster in die Fußgängerzone. Gegenüber ein Mülleimer. ...

... Nur zwei Milchkaffee und ein gutes Gespräch lang saßen wir dort, doch allein in dieser Zeit kramte ein halbes Dutzend Menschen in dem Abfallbehälter nach Pfandflaschen, nach etwas Ess- oder irgendwie Brauchbarem. Lebenswirklichkeit in Deutschland anno 2008. Szenen der Armut am Ende eines Rekordjahres.

Jeder achte Bundesbürger, sogar jedes sechste Kind in Deutschland ist arm. Tendenz steigend.

Allein in Berlin sind 175 000 Heranwachsende auf Sozialleistungen angewiesen - 10 000 mehr als noch vor zwei Jahren.

In Dortmund haben binnen weniger Monate über 23 000 sozial schwache Bürger das verbilligte Bus- und Stadtbahnticket abonniert. Ein Mehrfaches dessen, was die Politik erwartet hatte.

Immer mehr Eltern verzweifeln ob der immensen Kosten, die der "kostenlose" Schulbesuch ihrer Kinder verursacht - rund 800 Euro sind es pro Jahr.

Die "Tafeln", die vielerorts gespendete Lebensmittel vergünstigt an Bedürftige weitergeben, werden des Ansturms kaum Herr. Wann immer neue Bezugsscheine ausgegeben werden, bilden sich Stunden vorher lange Schlangen.

Wir müssen sagen, was wir wollen

Lebenswirklichkeit in einem der wohlhabendsten Länder der Welt, in dem Arm und Reich allerdings so extrem auseinander driften wie nirgendwo sonst in Europa. Immer weniger Bundesbürger besitzen immer mehr - und immer mehr Deutsche besitzen nicht mal mehr das Nötigste. Armut ist nicht länger ein Dritte-Welt-Phänomen. Es gibt sie hier bei uns. Am Mülleimer vor dem Café erhält sie Gesichter.

Besser wird es im nächsten Jahr, für das Experten apokalyptische Szenarien entwerfen, sicher nicht. Jedenfalls nicht von allein. Deshalb müssen wir, muss die Gesellschaft sagen, was sie will. Ob wir wollen, dass immer mehr Berufstätige von ihrem Lohn die Familie nicht ernähren können. Wir nennen solche Menschen "Aufstocker", weil sie ergänzende Sozialleistungen benötigen. Was sie tun, nennen wir "prekäre Arbeit" - und wundern uns, dass manche die Motivation verlieren, überhaupt arbeiten zu gehen.

Kindergelderhöhung als Zynismus

Wir müssen sagen, ob wir diese unsägliche Debatte über Mindestlöhne wirklich wollen. Wir reden über 7,50 Euro pro Stunde, von denen Unternehmer behaupten, dass sie sie nicht zahlen können. Wir meinen: Wer für 7,50 Euro arbeitet, 40 Stunden die Woche, geht mit 1320 Euro nach Hause.

Die Politik hat jetzt das Kindergeld angehoben. Ich habe zwei Kinder. Ab Januar bekomme ich 20 Euro mehr. Ich verdiene gut. Ich brauche die 20 Euro nicht. Aber viele, die sie dringend bräuchten, bekommen sie nicht. Ihnen werden diese lächerlichen 20 Euro auf Hartz IV angerechnet. Wie soll man eine Politik nennen, die das beschließt: töricht? verantwortungslos? menschenverachtend? zynisch? Alles das!

Hunderttausende Kinder in Deutschland werden heute, an Heiligabend, enttäuscht sein, weil der Weihnachtsmann ihre Wünsche nicht erfüllt. Ihre Eltern werden sich bei der Bescherung hundeelend fühlen. Wir müssen sagen, ob wir das wollen. Oder die wachsende Armut endlich ernsthaft bekämpfen. Familien und sozial Schwächere endlich wirkungsvoll entlasten. Ein wenig mehr Verteilungsgerechtigkeit.

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