Abreiseführer

Gelsenkirchen, Bochum, Hagen - Städte zum Nicht-Liebhaben?

Foto: martin nusch

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Dortmund.Generationen von Reiseführern beschäftigten sich mit den Fragen: „Wie kommt man da hin? Was muss man da sehen?“ Der Kölner Reisejournalist Martin Nusch hält nun mit dem ersten Abreiseführer dagegen. Er weiß über alle deutschen Großstädte, warum man sie unbedingt verlassen sollte. Und wie das am schnellsten geht.

Lokalpatrioten müssen jetzt stark sein. Martin Nusch hat jene Art von Humor, die Stadtwerbern die Zornesröte ins Gesicht treibt. Er ist ein bisschen Flaneur, ein bisschen Stänkerer. Einer, der mit seinem Oldtimer-Mercedes durchs Land kutschiert und wortgewandt über hässliche Fassaden und gleichförmige Innenstädte spottet. Aber Nusch ist gerecht. Er verschont keine einzige Stadt über 100 000 Einwohnern.

Fangen wir einfach mal – wahllos – mit einer Perle des Ruhrgebiets an. Gelsenkirchen. 24,3 Einwohner je Hund leben dort, 235 Regentage im Jahr vermiesen die Stimmung. Ein heimischer Fußballverein „wird fast ständig Meister, und das schon seit 50 Jahren“. Und da der Gelsenkirchener im gleichnamigen Barock wohnt, trägt „die dazu passende Hausfrau Kittelschürze und gewöhnt sich seit 30 Jahren das HB-Rauchen ab“. Dazu gibt’s das Fotomotiv „hässlich zugebaute Innenstadtkirche“ - und schon fährt Nusch weiter.

Zum Beispiel nach Bochum, über das man wirtschaftlich Interessantes erfährt. Dort setze man „traditionell auf auslaufende Moden. Bergbau, Nokia-Handys, Opel-Autos. Das bedeutet, dass die Bochumer seit Generationen spätestens mit 40 arbeitslos werden.“

Das liebevoll ätzende Buch in bewährter Reiseführer-Optik (Carlsen-Verlag, 12.90 Euro) ist der erklärte Gegenentwurf zu den dreisten Versuchen von Stadtwerbern, alles Hässliche schön zu reden – oder es, wenn’s gar nicht mehr anders geht, zu verschweigen. Da sticht dann zum Beispiel Hagen aus der Masse wenig bemerkenswerter Großstädte hervor, weil es sich schlauerweise eine Fernuni hält: „Die Hagener wissen schon, dass ihre Stadt nicht so prickelnd ist. Deshalb haben sie ihre Uni so konzipiert, dass man nicht da sein muss.“ Und Siegen (26 Friedhöfe, 216 Regentage im Jahr) haftet für seine berühmte Tochter Karin Tietze-Ludwig, einstmals Lottofee: „Es gibt wohl keinen Menschen in Deutschland, der so viele Menschen über so lange Zeit frustriert hat“

Wer nach so viel Großstadt etwas Einsamkeit sucht, dem empfiehlt der Autor in einem Sonderkapitel die „Neumayer-III-Station“ - auch sehr deutsch, aber in der Antarktis gelegen. Zumindest die Abreise von dort ist einfach und übersichtlich: „Nordwärts“.

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