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Geld ohne Gier: Soziales Banking

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Bochum. Auf den ersten Blick klingt es wie ein Sommerprogramm, frisch erstellt zur Finanzkrise. Auf der ersten Seite steht: „Internationaler Master-Studiengang Social Banking and Social Finance.“ Darunter: „Ein Angebot für Menschen, die verantwortungsvoll mit Geld umgehen wollen."

Was derzeit wie eine willkommene Fortbildung für viele Finanzmanager anmutet, ist ein internationaler Studiengang, der unabhängig von der aktuellen Krise schon 2007 gestartet ist. Der Masters for Social Banking and Social Finance erlebt bislang ein Schattendasein im Vergleich zu den Angeboten etablierter ökonomischer Lehrstühle. Die Studenten, die in diesem Jahr beginnen, begegnen sich nicht in Deutschlands Finanzmetropole Frankfurt, sondern im für seine Bodenständigkeit bekannten Ruhrgebiet. Das mit dem Master entstandene Institute for Social Banking (ISB) sitzt im Haus der ethisch-ökologisch ausgerichteten GLS Bank in Bochum, die die Prinzipien anwenden will, die das ISB in seiner Ausbildungvermitteln soll.

Bislang spielen beide eine kleine Rolle. Die Bilanzsumme der GLS Bank betrug 2008 ein Fünftel dessen, was die Bochumer Sparkasse erwirtschaftete. Und zur Einführungswoche des Masters treffen sich gerade neun Studenten mit ihren Tutoren und den Organisatoren des Masters in einem kleinen unscheinbaren Raum.

Irrationale Reaktionen

Man merkt schnell, es geht bei dieser Einführung weniger um Investmentregeln oder Portfolio-Managment. An einem Pult steht der Manager des ISB, Sven Remer. Er redet darüber, wie wichtig die Verantwortung von Bankern ist. „Ich kenne diese Sog-Wirkung, in den die Finanzwelt geraten ist. Als vor einigen Jahren die Internet-Blase geplatzt ist, war ich in London. Dort spürte ich den Hype bei jedem Gang auf der Straße.“ In dieser Zeit habe er gesehen, wie irrational Menschen auf solche Krisen reagieren. Das sei in der aktuellen Krise nicht anders. „Im Bankensektor läuft vieles schief, da müssen wir etwas machen“, sagt er entschlossen in die Runde. Die Anwesenden nicken zustimmend.

Enger Bezug zur Realwirtschaft

Sie stellen sich einen Bankensektor vor, der nicht dem Diktat der Profitmaximierung folgt, sondern soziale, ökologische und kulturelle Ziele verfolgt. Den Handel mit virtuellen Milliarden oder Wetten auf Kursentwicklungen wollen sie ersetzen durch einen engen Bezug zur Realwirtschaft. Kreditvergaben sollen möglichst transparent erfolgen, Kunden zu Dialogen eingeladen werden. Banken, die solchen Prinzipien folgen, existieren bereits in Europa. Sie haben vor zwei Jahren das ISB gegründet, um wissenschaftliche Grundlagen zu erarbeiten, Menschen aufzuklären und potentielles Personal auszbilden. „Unser Problem ist, dass wir nicht wissen, was genau Social Banking bedeutet oder wie es wirkt“, sagt Remer. Social Banking sei bisher wissenschaftlich kaum erfasst oder definiert. Darum entstand die Idee, dass Praktiker ihre Erfahrungen distanziert und reflektiert betrachten und analysieren. So richtet sich der Master in erster Linie an Beschäftigte des Finanzwesens. Die meisten sind bereits im alternativen Bankwesen tätig. Einer studiert undercover bei einem konventionellen Hedgefonds.

Einstellung geht tiefer als Geld

Als Voraussetzung für Social Banking sieht Remer drei Kernkompetenzen, die er überspitzt als Hirn, Hand und Herz bezeichnet. Neben akademischem Wissen und praktischer Erfahrung meint er damit insbesondere die Motivation, gesellschaftliche Probleme anzugehen: „Das lässt sich nicht erlernen, das ist eine Einstellung, die tiefer geht, als Geld.“ Bei einem der Erstsemester, Axel Bend, 32, lässt sich diese Einstellung einfach feststellen. Vor nicht langer Zeit war er ein klassischer Banker mit guten Aussichten. Ausbildung bei einer deutschen Großbank, Festanstellung, sichere Aufstiegschancen. Dennoch ging er häufig mit einem unguten Gefühl nach Hause. „Die Werte werden im Banksektor aberzogen, man verändert sich deutlich und beugt sich dem Druck“, sagt Bend. Er erlebte, wie Kredite nach einem Score gemäß Sicherheiten und Risiko vergeben wurden. Ob und warum jemand das Geld brauchte oder eine Vergabe sinnvoll war, spielte keine Rolle. Als das schlechte Gefühl immer mehr zunahm, wechselte Bend zur GLS Bank: „Meine Kollegen reagierten verständnislos, dass ich die Karrierechancen ignorierte und gegen ein geringeres Gehalt eintauschte.“ Jetzt will er den Master machen, um zu verstehen, was genau Social Banking heißt.

Ähnlich klingen auch die Motivationen von Bends Kommilitonen. Etwa von Julie-Marthe Lehmann, mit 25 Jahren die Jüngste der neun. Sie interessiert sich für Mikrokredite und Entwicklungskonzepte. Oder Mette Thyssen aus Dänemark, 33. Die Dänin arbeitet in ihrem Heimatland für die ethisch-ökologische Merkur Bank und will sich weiterqualifizieren. Oder eine Studentin, die ein umfangreiches Vermögen geerbt hat und wissen möchte, wie sie es sinnvoll verwenden kann.

Prozesse verbessern

Auch inhaltlich ist das Studium anders, als die übliche akademische Lehre. „Es geht nicht nur darum, bloßes Wissen zu produzieren, sondern Prozesse zu reflektieren und zu verbessern“, sagt Sven Remer. Die Schlüsselmethode ist die Aktionsforschung. 1944 entwickelt, ist sie darauf ausgerichtet, Organisationen zu verändern. Damals meinte der amerikanische Wissenschaftler Kurt Lewing: „Wenn du eine Organisation verstehen willst – versuche sie zu verändern!“ So gehört zum Forschungsprozess neben dem Sammeln und Auswerten von Daten auch die Einführung von Verbesserungen. Die Aktionsforschung des Master für Social Banking behandelt konkrete Probleme am Arbeitsplatz.

Die Methode ist durchaus umstritten. Da sie nicht auf Theorien gestützt sei, sondern auf konkreten Ansätzen beruhe, sei sie für die Forschung nicht geeignet, meinen Kritiker. Es bestehe die Gefahr, dass jeder konzeptlos irgendwie vor sich hin forsche, im schlimmsten Fall ideologisch. So hörten einige der ISB-Studenten Sätze wie: „Das ist doch keine wissenschaftliche Methode“ oder „Diskutiert so was mal in Wirtschaftsethik!“ Laut ISB arbeiten die Studierenden durchaus nach kritischen und theoretischen Vorgaben, um die Falle der Unwissenschaftlichkeit zu umgehen.

Studium mit vier Modulen

Drei Jahre dauert das Studium, das 12.600 Euro kostet und aus vier Modulen besteht. Zwei behandeln Grundlagen und Management des sozialen Bank- und Finanzwesens. Für die weiteren Module wählen die Studenten eigene Forschungsprojekte, am Ende steht die einjährige Master-Arbeit. Während der gesamten Zeit bekommt jeder einen eigenen Tutor zugeteilt, mit dem die Themen und Arbeiten besprochen werden. Das Ganze ähnelt einem Fernstudium, nur für einige Seminar kommen die Studierenden zusammen.

Kinderschuhe

Eine der Tutoren ist Ulrike Hohmann, die gleichzeitig als Koordinatoren von der Universität Plymouth in England fungiert. Von dort erhalten die Studierenden letztlich ihre Abschlusszeugnisse. „Wir müssen stets auf die Balance achten, zwischen Lehre und freiem Studieren. Außerdem müssen wir sensibel sein und dürfen mit unserer Kritik nicht die professionelle Ehre kränken.“ Denn weil die Studierenden in der Regel über ihre Arbeit forschen, sind sie auch persönlich betroffen. Noch steckt das Programm in den Kinderschuhen, nicht für jedes Land gibt es einen Tutor, der die Muttersprache spricht.

Am Ende der Einführung gibt man sich am ISB zufrieden. Ursprünglich sollten nur alle zwei Jahre neue Studierende anfangen. Doch nachdem mehr und mehr Kandidaten anfragen würden, heißt es nun, das der Master in Zukunft auch öfter beginnen wird.

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