Finanzkrise im Horizontalen

Flatrate soll Freier ins Bordell locken

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Foto: Iris-MEDIEN

Wuppertal. Gerade kommen die Kinder aus der Schule. Ihren Heimweg säumen charmante Altbauten, bunte Klebebildchen hängen in vielen Fenstern. Dazwischen eine Hofeinfahrt und das Schild: „Sex Flatrate: So lange, so oft und wie Du willst”.

Hinter dieser Tür ziehen Freier zu höchst umstrittenen Konditionen die Spendierhosen aus. Es ist der Eingang zum „Pussy Club”, einer Bordellfiliale, die mit einer kontroversen Geschäftsidee die Freier auch in klammen Zeiten locken will.

Tagespauschale für die "Mädchen"

Das Angebot erinnert stark an einen Telefontarif. Für 99 Euro kann der Gast unbegrenzt kommunizieren – nur eben in der Horizontalen. Essen vom Buffet, Anwendungen vom staatlich geprüften Masseur im Saunabereich, Sportkanäle im Ruhebereich. Alles inklusive. Die leichten Mädchen werden mit einer Tagespauschale entlohnt.

In einem Gewerbe, in dem der Körper zum käuflichen Gegenstand wird, „ist das durchaus vergleichbar mit einer Handy-Flatrate”, sagt Dr. Richard Reichel, Professor für Volkswirtschaftslehre, „Freiwilligkeit vorausgesetzt!”

Beinahe garantierter Mindestlohn

Bis zu 30 Frauen arbeiten in dem Wuppertaler Hinterhaus. Es gibt Sicherheitspersonal. Dazu kommen Personalkosten für den Koch und Thomas, den badischen Masseur. „Als Ökonom ist es nicht meine Aufgabe, das Prinzip moralisch zu bewerten”, sagt der Wissenschaftler.

Die Bezahlung habe immerhin „etwas von einem garantierten Mindestlohn”, so Reichel. „Aber 99 Euro kommt mir dafür suspekt niedrig vor”. Drückt die Wirtschaftskrise die Preise?

»Passt gut in die Zeit«

Nein, sagt der Werbebeauftragte des Clubs, Alex S. „Das Flatrate-Angebot haben wir nicht erfunden, aber es passt gut in die Zeit”. Wenn Flatrate-Sex als neues Phänomen wahrgenommen werde, läge das an der gezielten Webung. Wieso solle ein Laufhaus nicht kalkulieren dürfen wie jedes andere Unternehmen? Und: „Wenn die Mädchen 20 Tage arbeiten, kriegen sie auch 20 Mal das Tagesgehalt.” Das sei doch verlässlich.

Verlässlich sei auch der alte Grundsatz: Wer nicht wirbt, der stirbt. Die Clubkette mit Filialen in Berlin und Heidelberg beherzigt die alte Marktweisheit. Markante Handzettel klemmten bisweilen auch 60 Kilometer entfernt hinter Scheibenwischern im bürgerlich geprägten Dortmunder Kreuzviertel.

Die Anwohner, hauptsächlich junge Familien, nahmen es gelassen. Frauenrechtlerinnen schlagen derweil die Hände über dem Kopf zusammen. Diese Mädchen hätten keine freie Wahl.

»Es gibt immer eine andere Möglichkeit«

„Natürlich könnte man unterstellen, dass viele Mädchen aus ärmeren Verhältnissen im Ausland kommen und keine Wahl haben”, sagt Alex S. „Aber es gibt immer eine andere Möglichkeit.” Auch wenn man im Club wenig Deutsch höre – freiwillig seien alle da.

Die Gehaltspauschale liege bei 100 bis 200 Euro am Tag, anders als etwa in einigen FKK-Clubs. „Da müssen sich die Frauen häufig einmieten”, so Gisela Zohren von der Dortmunder Mitternachtsmission, die Prostituierte und Ehemalige betreut. „Damit riskiert man natürlich Verlust.” Etwa, wenn nicht genügend Freier zusammenkommen, weil sie kein Geld übrig haben.

Dennoch kritisiert die Mitternachtsmissionarin auch das All-Inclusive-Modell. „Ein guter Zuhälter verkauft seine Frau nicht für 100 Euro.” Das Angebot rechne sich nur für die Betreiber, „von so wenig Geld kann nicht viel bei den Frauen ankommen.” Eine faire Bezahlung sehe anders aus. Alex S. hält indes an dem Angebot fest. Es ginge für alle auf – außer für die Konkurrenz.

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