Elektromeister zieht in St. Pius ein

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Gladbeck. Den Altar ersetzt ein Pausenkicker. Wo die Gemeinde einst betete, reihen sich Regale mit Kabeltrommeln aneinander. Das große Bleiglasfenster ist nicht mehr. Stattdessen dient ein Rolltor als Garageneinfahrt für den Firmenbulli. ...

... Hausherr in der Gladbecker St. Pius-Kirche ist seit Jahresbeginn kein katholischer Pfarrer mehr, sondern Elektromeister Ralf Wünnemann. Beim Abschiedsgottesdienst im August vergangenen Jahres blickte der Weihbischoff Franz Vorrath in viele verweinte Gesichter. St. Pius ist nur eine von zahlreichen Gemeinden in NRW, die auf ihre Kirche verzichten müssen. Viele tausend Gläubige verabschiedeten sich in den letzten Monaten von ihnen. Unfreiwillig. Aber die schlechte wirtschaftliche Lage drängen Bistümer und Landeskirche dazu, ganze Gemeindebezirke und Gotteshäuser aufzugeben. Denn mit den Mitgliederzahlen sinken auch die Steuereinnahmen.

Mehr als 200 Kirchen in NRW betroffen

Die Kirchen sind in ihrer Flächendichte heute nicht mehr zu unterhalten. Die Katholiken schließen deshalb in NRW insgesamt 111 Gotteshäuser, 96 davon alleine im Bistum Essen. Das besagt eine Statistik, die von der Initiative "Rettet Bochumer Kirchen" bei der Fachhochschule Gelsenkirchen in Auftrag gegeben wurde. Die Protestanten schlossen seit 2001 landesweit rund 100 Predigtstätten. "Wieviele es noch sein werden, steht nicht fest, weil die Gemeinden selbst entscheiden", sagt Andreas Duderstedt, Sprecher der Ev. Landeskirche.

Ob katholisch oder evangelisch, eines ist immer gleich: Die Mitglieder kämpfen um ihre Kirchen. Meist erfolglos. Auch in St. Pius nutzte aller Protest am Ende nicht. "Die Botschaft aus dem Bistum Essen war klar. Der Geldhahn wird zugedreht", sagt Egon Brylak. Von Beginn an arbeitete er als Küster in dem Gemeindebezirk. Seit ihrer Fertigstellung 1972 verpasste er kaum einen Gottesdienst. Knapp ein Jahr nach ihrer Schließung kämpft der 75-Jährige noch immer mit den Tränen, wenn er an das Ende denkt. "Zur Entweihung bin ich nicht gegangen. Das hätte ich nicht durchgestanden", seufzt er.

Nun ist Brylak froh, dass mit dem Verkauf an Ralf Wünnemann zumindest das Gebäude erhalten bleibt. Auch wenn das Innenleben kaum wiederzuerkennen ist. Der Vorraum ist zu einem Büro ausgebaut worden, im Kirchsaal reihen sich die Regale mit Ersatzteilen aneinander. In den nächsten Monaten sollen auch Fotovoltaik-Anlagen ausgestellt werden.

Der in die Wand eingelassene Beichtstuhl wird womöglich als Abstellraum enden. In ihm jedenfalls gibt niemand mehr seine Sünden preis. Lange nachdenken will Egon Brylak auch darüber nicht.

Die Alternative zum Elektroladen hätte für St. Pius lauten können: Verkauf und Abriss. Oder aber die Kirche wäre bis zur Baufälligkeit leergestanden. Denn Geld für den Abbruch fehlt dem Bistum Essen. Auf Biegen und Brechen veräußert es ihre Kirchen aber nicht. "Im Vertrag ist festgehalten, dass jedwede mit dem katholischen Glauben nicht zu vereinbare Nutzung tabu ist. Moschee und Rotlicht-Etablissment gehören dazu", erklärt Wünnemann.

St. Pius ist nicht die einzige Kirche in NRW, in die neue Hausherren eingezogen sind. In Dortmund erwarb eine Initiative die evangelische Gustav-Adolf-Kirche, um sie zu einem Bürgerzentrum umzubauen. Obwohl sie den Besitzer wechselte, schafften es die Mitglieder, dass das Gotteshaus nicht entwidmet wurde. So sind Gottesdienste weiterhin möglich.

Die Stadt Bochum kaufte vor wenigen Tagen die katholische St. Marien-Kirche in der Innenstadt, um in ihr einen Kammermusiksaal einzurichten. Aus der Bielefelder Belini-Kirche machte ein pfiffiger Wirt eine Erlebnisgastronomie. Beim Kirchumbau kennt die Phantasie kaum Grenzen.

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