Erdeinbruch in Kamen nach Erdwärme-Bohrung

"Ein ungutes Gefühl bleibt"

Foto: Bodo Kürbs

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Kamen. Bei Erdwärme-Bohrungen an einem Neubau in Kamen ist es am Donnerstagabend zu einem Erdeinbruch gekommen, bei dem mehrere Häuser zum Teil schwer beschädigt wurden. Aus zehn umliegenden Häusern wurden 46 Menschen vorübergehend in Sicherheit gebracht.

Frank Neumann sieht müde aus. Die Frage, wie er geschlafen hat, erübrigt sich eigentlich. „Gar nicht”, sagt er leise. Die ganze Nacht hat der Kamener (50) vor seinem Haus gestanden. Hat Feuerwehrleute und THW-Kräfte bei ihrer Arbeit beobachtet. Und ist sich von Stunde zu Stunde mehr darüber bewusst geworden, dass er und seine Frau Kirsten in deren Elternhaus vorerst nicht zurückkönnen. Im schlimmsten Fall vielleicht sogar nie mehr. Denn das rote Backsteingebäude liegt in unmittelbarer Nähe jenes Neubaus, wo am Vorabend nach Erdwärme-Bohrungen ein 2,50 Meter tiefes Loch entstanden ist. Jetzt gilt das Haus der Neumanns mit der dahinterliegenden Scheune als einsturzgefährdet. Und die 2000 Bewohner von Wasserkurl im Ortsteil von Kamen-Methler fragen sich, wie so etwas geschehen konnte.

Es begann mit zwei leichten Rissen im Boden

Dass etwas nicht in Ordnung ist, hatte Frank Neumann als Erster bemerkt. Am Nachmittag hatte er zunächst „zwei leichte Risse” im Boden auf dem freien Grundstück hinter seinem Haus entdeckt: Dort, wo einst die Gewächshäuser seiner Schwiegereltern standen und nun ein neues Einfamilienhaus im Bau und ein weiteres geplant ist. Etwa um 19.30 Uhr sieht der 50-Jährige dann, dass es mehr Risse gibt und diese tiefer und länger geworden sind. Etwa zur gleichen Zeit, zwei Häuser weiter, stellen Jutta und Horst Claus fest, dass sie ihre Terrassentür nicht mehr schließen können. Auch die Garage zwischen den Häusern lässt sich nicht mehr öffnen. Die besorgten Nachbarn treffen sich draußen und überlegen, was zu tun ist. Und können plötzlich beobachten, wie sich hinter einem VW Bulli im Hof die Platten hochschieben und sich im selben Moment ein Riss in der Häuserwand fortsetzt. Da rufen sie die Feuerwehr.

Die Einsatzkräfte gehen auf Nummer Sicher: Als sie sehen, dass in dem benachbarten Neubau ein schon 1,50 Meter tiefes trichterförmiges Loch entstanden ist, in das ein Bohrgerät immer weiter absinkt, und immer mehr Risse in den umliegenden Gebäuden erkennbar werden, lassen sie zehn Häuser evakuieren. 46 Menschen müssen die Nacht vorübergehend bei Freunden, Verwandten oder im Hotel verbringen. „Ich danke den Bewohnern für die Geduld, die Ruhe und die Offenheit in dieser schweren Situation, die es für sie gewesen ist - und zum Teil noch bleiben wird”, sagt Kamens Bürgermeister Hermann Hupe am Morgen danach. Und auch Feuerwehr-Einsatzleiter Rainer Balkenhoff ist erleichtert: „Die Menschen haben alle ganz besonnen reagiert, keiner ist hysterisch geworden, als wir ihnen mitgeteilt haben, dass sie ihre Häuser verlassen müssen.” Fünf Minuten blieben ihnen, um noch schnell das Nötigste zu packen, bevor sie die Gebäude verlassen und den Einsatzkräften ihre Haustürschlüssel aushändigen mussten. „Damit hatte überhaupt keiner Probleme”, sagt Balkenhoff. „Die Menschen haben uns vertraut.”

Und sie haben Angst. Messungen ergeben, dass zumindest im Haus der Familie Neumann noch immer Bewegung ist, ebenso wie in dem Neubau. 2,1 Zentimeter werden dort registriert, zudem hat sich das Gebäude um 0,5 Zentimeter gesetzt. „Das sind ganz erhebliche Bewegungen für ein Bauwerk”, sagt Holger Hohage vom THW. Die Experten des Technischen Hilfswerks bringen insgesamt 26 Rissmonitore an und kontrollieren ständig die Werte. Freitagmittag kommt für die meisten Bürger schließlich die Entwarnung: Ihre Häuser gelten als sicher und dürfen wieder bezogen werden. Auch Wasser, Gas und Strom, die aus Sicherheitsgründen abgestellt wurden, soll es nun wieder geben.

„Glück im Unglück”, bilanziert Jutta Klaus, als sie wenig später wieder ihren Bungalow betritt. Aber sie gibt zu: „Ein ungutes Gefühl hat man trotzdem noch.” Ihrer Mutter, der 82-jährigen Anneliese Meyer, die nebenan wohnt, ist der Schreck noch deutlich anzumerken. Sie soll jetzt kurzfristig bei Verwandten Urlaub machen. „Erstmal weg von hier”, sagt Jutta Klaus. „Die Aufregung ist einfach zu groß.”

Nur Frank und Kirsten Neumann dürfen nicht zurück in ihre vier Wände. THW-Kräfte sägen im Hof Balken, mit denen sie die Scheune verkleiden und den Eingangsbereich des Hauses abstützen. Im Wintergarten, unter der liebevoll gestalteten Dachterrasse, wurden alle Fenster herausgebrochen. Statt dessen stützen jetzt schwere Pfeiler die Decke ab. „Das tut einfach in der Seele weh, wenn man das so sieht”, sagt Frank Neumann. Die Hoffnung, dass er mit seiner Frau irgendwann wieder einziehen kann, hat er am Mittag längst aufgegeben. „Ich fürchte, das wird nichts mehr”, sagt er. „Ich denke, das muss abgerissen werden.”

Wo die beiden in dieser Nacht schlafen werden, wissen sie noch nicht. „Das”, sagt Neumann, „ist nicht wichtig.”

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