Stammzellenspende

Ein Fremder in Karlsruhe rettete sein Leben

Schaut wieder optimistisch in die Zukunft: Christian Blatt aus Iserlohn, der nach einer Leukämie-Erkrankung eine lebensrettende Stammzellenspende erhielt. WR-Bild: Ralf Rottmann

Schaut wieder optimistisch in die Zukunft: Christian Blatt aus Iserlohn, der nach einer Leukämie-Erkrankung eine lebensrettende Stammzellenspende erhielt. WR-Bild: Ralf Rottmann

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Iserlohn.Irgendwann merkte er, dass irgendetwas nicht in Ordnung war mit ihm. „Ich ging regelmäßig mit meinen Freunden schwimmen“, erzählt der Iserlohner Christian Blatt (40). „Die wurden immer besser, aber ich immer schlechter.“ Als dann auch noch sein Augenarzt bei der Jahreskontrolle feststellte, dass der Schreinermeister kleine Blutungen im Auge habe, folgte er dessen Rat und suchte seine Hausärztin auf. Das Ergebnis ihrer Untersuchung war niederschmetternd: Blutkrebs. Und doch, erinnert sich Blatt, sei er in dieser Situation nicht verzweifelt gewesen, zusammengebrochen oder habe geweint. „Ich glaube, meine Ärztin war erstaunt, wie gefasst ich auf diese Nachricht reagiert habe.“

Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm zunächst nicht mehr: Weil der Anteil der weißen Blutkörperchen bei ihm bereits lebensbedrohlich angestiegen war, kam er gleich am nächsten Tag ins Krankenhaus und wurde dort zwei Wochen lang auf Medikamente eingestellt. „Die Ärzte hielten sich da noch bedeckt“, berichtet Blatt. „Aber mein Zimmernachbar, der ebenfalls unter Leukämie litt, hatte sich schon schlau gemacht und wir sprachen viel über das Thema.“ Einige Tage nach seiner Entlassung wollte Blatt ihn daher noch einmal im Krankenhaus besuchen. „Aber da war der Axel schon tot“, sagt er nachdenklich. „Und plötzlich wurde einem die Ernsthaftigkeit bewusst.“

Sehr schnell brachten die Ärzte schließlich das Thema Knochenmarkspende ins Gespräch. Doch eine schnelle Lösung für Christian Blatt gab es nicht. „Es wurde bei allen Datenbanken nachgefragt, aber ich hatte so seltene Gewebemerkmale, dass es keinen passenden Spender für mich gab.“ Auch die öffentlichen Typisierungs-Aktionen, die die Westdeutsche SpenderZentrale für ihn veranstaltete, und bei denen einige hundert Verwandte, Freunde und auch unbekannte Mitbürger teilgenommen hatten, blieben ohne Erfolg. Langsam aber sicher spitzte sich die Situation für den Iserlohner zu. „Ich hatte mir angelesen, dass für 80 Prozent der Patienten innerhalb von einem Jahr ein Spender gefunden werden kann. Aber mir war auch bewusst, dass 20 Prozent derjenigen, die eine Knochenmarkspende benötigen, leer ausgehen.“ Die Geduld des damals 28-jährigen Mannes wurde auf eine harte Probe gestellt. Hinzu kam die Befürchtung seines Arztes, dass sich der Gesundheitszustand schlagartig verschlechtern könnte. Aber Blatt ergab sich nicht seinem Schicksal. Im Gegenteil: Er befreite sich aus dem väterlichen Betrieb und bereitete seine Selbstständigkeit vor. „Ich hatte immer ein Ziel vor Augen,“ sagt er. „Das war enorm wichtig.“ Und irgendwann dann, im Oktober 1998, 18 Monate nach der Diagnose, kam schließlich doch der erlösende Anruf von der WSZE. „Die Nachricht, dass ein Spender gefunden worden sei, war total gigantisch für mich“, sagt Blatt. „Ein bewegender Moment.“

Doch was auf Bildern so unkompliziert aussieht, ist in Wahrheit ein langwieriger, schmerzhafter und unter Umständen gar lebensbedrohlicher Prozess: „Die Stammzellen erhielt ich über Beutelchen wie bei einer Blutspende, das dauerte einen halben Tag, und das war’s dann eigentlich“, berichtete der Iserlohner. Tatsächlich aber gingen der Transplantation aufwendige Voruntersuchungen, Bestrahlungen und Chemotherapie voraus. Sieben Wochen lang musste er isoliert in einem Zimmer verbringen, das nur durch eine Sicherheitsschleuse betreten werden konnte. Und als sein Körper nach der Stammzellenspende rebellierte, wurde die Situation noch dramatischer: Essen und Trinken war nicht mehr möglich, gegen die Schmerzen gab es Valium, Zähneputzen und Rasieren war verboten, und Besuch musste hinter einer Glasscheibe bleiben. „Eine Infektion hätte tödlich sein können“, so Blatt. Erst nach sieben Wochen durfte er das Krankenhaus schließlich verlassen. Doch gesund war er da noch nicht. „Es dauert ein halbes Jahr, bis man danach halbwegs fit ist“, weiß Blatt. Und er kämpfte weiter für seine Zukunft: Nachdem er bereits seinen Meister als Parkettleger absolviert hatte, hängte er auch noch den Titel als Estrichlegermeister an. Inzwischen hat er auch sein Studium der Bauphysik abgeschlossen.

Jedes Anzeichen einer Krankheit sorgt für Panik

Doch nicht nur die jährlichen Kontroll-Untersuchungen oder die Treffen mit einer Selbsthilfegruppe erinnerten ihn an seine besondere Situation. „Erst nach zehn Jahren habe ich das erst Mal das Gefühl gehabt, dass ich gesund bin“, gibt er zu. Bis heute gerät er bei jedem Anzeichen einer Krankheit in Panik und lässt sofort sein Blutbild kontrollieren. „Diese Angst, die wird bleiben“, glaubt er. Aber auch der Gedanke an den Spender: An Stefan in Karlsruhe, der sein Leben gerettet hat.

Mehrere Jahres hatte es jedoch gedauert, bis er bereit war, seinen Spender kennenzulernen. Zwar hatte er ihm nach der Transplantation geschrieben, dass er ihm „unendlich dankbar“ sei, zwar hatten die beiden Männer auch hin und wieder telefoniert, doch Christian Blatt scheute sich lange vor einer persönlichen Begegnung. „Ich weiß nicht warum“, sagt er heute. „Irgendetwas war da, dass ich mich nicht traute.“ Vielleicht war es die Angst, jemandem zu begegnen, der ihm unsympathisch sein könnte, vielleicht die Sorge, der Andere könne sein Handeln bereut haben. Wie auch immer. Irgendwann 2004 - fünf Jahre nach der Transplantation - rief er ihn spontan an und sagte: „Stefan, hast du Zeit? Ich will dich unbedingt kennenlernen.“ Heute ist Christian Blatt froh, dass er sich zu diesem Treffen überwunden hat: „Stefan war total nett und hat gesagt, er würde es jederzeit wieder machen. Da war ich sehr erleichtert. Und zu hören, dass er noch mal für mich da wäre, bedeutete ein Riesen-Sicherheitsgefühl.“

Was er sich nun für die Zukunft wünscht? „Dass ich gesund bleibe“, sagt er. „Und dass viele andere die Möglichkeit haben, einen Spender zu finden. Weil ich weiß, dass viele leer ausgehen.“ Umso mehr freue er sich daher, wenn er in der Zeitung lese, dass irgendwo wieder viele Menschen an einer Typisierungsaktion teilgenommen haben. „Das ist total klasse“, sagt er. „Weil ich es mich selbst bewegt und weil ich es jedem gönne.“ Und eines sei dabei das Wichtigste: „Die Dankbarkeit“, meint Blatt. „Jeder, der sich typisieren lässt, stellt sich zur Verfügung, einem anderen Menschen das Leben zu retten. Und dafür bin ich unendlich dankbar.“

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