"Biographie"

Die Wahrheit über Dagobert Duck

Foto: Disney

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Er steht für den Geiz schlechthin: Dagobert Duck. Doch ausgerechnet bei seinem Debüt vor 60 Jahren war er großzügig: Weihnachten 1947.

In der ersten Geschichte von Disney-Zeichner Carl Barks beschert die reichste Ente der Welt ihrem Neffen Donald samt Anhang einen Ausflug.

Güte hin, Milde her - bereits in der ersten Geschichte „Die Mutprobe” (Original: „Christmas on Bear Mountain”) ist Dagobert so, wie wir ihn kennen: knurrig. „Weihnachten liegt mir nicht”, grantelt er, „ich kann niemand leiden, und mich kann auch niemand leiden.”

Folgerichtig stellt Barks Dagobert als klassischen Geizkragen dar. Das beginnt mit seinem Original-Namen Scrooge McDuck, der auf Charles Dickens' Knauserer Ebenezer Scrooge verweist und auf die als notorisch sparsam geltenden Schotten - und es endet mit seiner Garderobe, die geradewegs aus der Altkleidersammlung zu stammen scheint. Und: Der backenbärtige Dagobert erweist sich als misstrauischer Menschenfeind. Gerade die nächsten Verwandten stehen ihm am fernsten.

Der kleine Don Rosa liest die Barks-Geschichte, damals in den 50ern, mit roten Backen. Donald nimmt er zur Kenntnis, Dagobert fasziniert ihn. Warum, verrät der Star-Zeichner im Gespräch mit der WR: „Donald Duck ist der Jedermann. Er hat seine Schwächen, muss sich im Alltag durchschlagen. Dagobert ist das genaue Gegenteil. Er ist ein klassischer Held. Er hat viele gefährliche Situationen überstanden, viele Abenteuer erlebt. Kurzum: Dagobert ist für mich der größte Held in der Literatur.”

In all seinen Dagobert-Geschichten streut Barks immer wieder Hinweise auf Dagoberts Vorleben ein. Eine Biografie freilich liefert er nicht. Der dänische Egmont-Verlag erkennt eine Marktlücke. Er bittet den Dagobert-Fan Don Rosa 1991, sie zu füllen. Der Zeichner, den ein gnädiges Schicksal davor bewahrte, Architekt zu werden, füllt die Lücke in dem Buch „Dagobert - sein Leben, seine Milliarden” auf seine Weise. Er macht aus Dagobert einen Helden à la Indiana Jones.

Don Rosa mag Dagobert nicht als Ekelpaket darstellen: „Deshalb habe ich seine Persönlichkeit in meinen Geschichten geändert. Meine Version, meine Lebensgeschichte von Dagobert, ist vielleicht nicht die offizielle. Nein, ich könnte das nicht ertragen, Geschichten zu schreiben über einen Typen, der ewig gierig ist. Mein Dagobert braucht das Geld als Symbol, seine Ziele erreicht zu haben.” Was treibt Dagobert an? Don Rosa lapidar: „Dagobert liebt Wettkämpfe.”

An Herausforderungen fehlt es nicht. Gleich die erste: Dagobert, noch in Schottland, muss sich als Schuhputzer bewähren. Sein Lohn ist eine wertlose Münze. Sein eigener Vater trickst ihn aus - in erzieherischer Absicht. Er will Dagobert härter als die Härtesten und schlauer als die Schlauen machen.

Dagoberts Lebensweg liest sich wie eine moderne Odyssee. Von Schottland schippert er nach Amerika. Dort heuert er auf einem Mississippi-Dampfer an; er kommt als Matrose und geht als Kapitän. Dagobert arbeitet als Cowboy, sucht Kupfer und immer wieder Gold. Gold in Südafrika, Gold in Australien, Gold in Alaska. Schließlich baut Dagobert den legendären Geldspeicher in Entenhausen, in dem er seine Geldbäder zu nehmen pflegt.

Rosas Biografie erinnert bewusst an die Kinofilmreihe „Indiana Jones” des US-Regisseurs Steven Spielberg. Das Schlitzohr aus Louisville, US-Staat Kentucky, verkehrt dabei allerdings die Bezüge in ihr Gegenteil: „Dagobert war zuerst da. Also, ,Indiana Jones' ist im Grunde eine Imitation von Dagobert.” Ach was.

Wie dem auch sei. Rosa orientiert sich bewusst an einem Realfilm. Sein Grund: „Dagobert IST ein Mensch. Er sieht nur wie eine Ente aus.”

Der Indiana Jones unter den Enten

Da Don Rosa Dagobert als Ente gewordenen Indiana Jones ansieht, setzt er die Weihnachtsgeschichte auf seine ganz spezielle Weise fort. Donald samt Familie besuchen den edlen Spender in der „Villa Duck”, einer düsteren Bude. Dagobert, einsam und vertrottelt, vegetiert dort vor sich hin. Neffe und Großneffen bezweifeln, dass sich der alte Knauserer sein Geld verdient hat - sie glauben, er habe es geerbt. Dagobert bringt Donald & Co. zum Geldspeicher. Dort startet das nächste Abenteuer: Die Panzerknacker kommen als Weihnachtsmänner. Aber sie haben nicht mit Dagoberts Kampfgeist gerechnet. Dagobert ist schließlich ganz begeistert von seiner Familie. Er sieht sie, wie immer, als Mittel zum Zweck: Sie haben seine eingeschlafene Abenteuer-Lust geweckt.

Ob Don Rosa seine Geschichte mit Dagoberts geistigem Vater Carl Barks abgestimmt hat? Von wegen. Natürlich traf der wohl beste Disney-Zeichner der Gegenwart sein großes Vorbild einmal. Worüber sie sprachen? „Das Wetter, die Börse. Über die Ducks haben wir uns nicht unterhalten. Arbeit und Leben - das sind zwei verschiedene Welten. Als wir uns verabschiedet haben, habe ich ihm gesagt, wie sehr ich ihn bewundere, und er war sehr gerührt.”

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