Gesundheit

Die verschwiegene Qual mit dem Strahl

So viele Klos – aber nicht allen Menschen verschaffen sie Erleichterung.                                Foto: Frank Vinken

So viele Klos – aber nicht allen Menschen verschaffen sie Erleichterung. Foto: Frank Vinken

Foto: frank vinken / waz

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Dortmund.Wenn’s ums Eingemachte geht, können Männer ganz schön sensibel sein. Laut einer Studie leiden fast 3 Prozent der deutschen Männer unter Paruresis – also der „schüchternen Blase“. Sie können nicht in Gesellschaft pinkeln.

Pinkelpause nach ein paar Flaschen Bier: Kaum etwas verschafft einem ein größeres Gefühl der Erleichterung. Diesen Satz würden viele Männer zwar unterschreiben. Rund eine Million deutscher Männer hätten mit dieser Aussage allerdings so ihre Probleme. Nach einer repräsentativen Studie des Kölner Psychotherapeuten Dr. Philipp Hammelstein leiden 2,8 Prozent des starken Geschlechts an Paruresis, dem Syndrom der „schüchternen Blase“. Sie können nicht in Gesellschaft pinkeln.

Selbsthilfegruppe in Köln gegründet

Thilo Linde aus Köln (Name v.d. Red. geändert) gründete mit Betroffenen aus NRW eine Selbsthilfegruppe. Er kann verstehen, wenn andere über die Phobie schmunzeln. Die Qual mit dem Strahl kann aber sehr schmerzhaft sein: „Ich erinnere mich an einen Betriebsausflug mit einer Planwagenfahrt. Es gab ein Fässchen Kölsch, das munter geleert wurde. An einer günstigen Stelle sprangen alle Männer vom Wagen und befreiten sich am Straßenrand vom Druck. Nur ich konnte nicht, das ist ärgerlich“.

„Bei immerhin 30 Prozent der Männer in Deutschland läuft ab und zu nichts, wenn sie vor dem Pissoir stehen“, so Philipp Hammelstein. Behandelt werden von ihm aber nur Männer, denen es unmöglich ist, auf öffentlichen Toiletten Wasser zu lassen und die diese deshalb meiden. „So werden zum Beispiel keine Kneipen, Restaurants oder Kinos mehr besucht“, weiß der Paruresis-Pionier. Er selber hat das Phänomen bei seiner Arbeit in der Psychiatrie Heidelberg kennen gelernt. „Paruresis war bei einem Patienten eine der Ursachen seiner Depression. Er hat seinen Arbeitsplatz nicht nach Interesse, sondern nach Entfernung zur eigenen Wohnung ausgesucht“.

Pinkel-Problem belastet den Alltag

Zahlreiche Patienten haben dem Psychotherapeuten seitdem erzählt, wie sehr sie das Pinkel-Problem im Alltag belastet. Er schildert eine typische Büro-Situation: „Weil man darauf sensibilisiert ist, merkt man früher, wann die Blase drückt. Man lauscht auf dem Flur. Geht gerade ein Kollege auf die Toilette? Wenn man dann am Becken steht, kommt ein Kollege rein. Man tut so, als ob man schon fertig ist, wäscht sich die Hände, setzt sich wieder an den Schreibtisch, wartet und lauscht wieder“. So wird die Paruresis zum ständigen Hintergrundrauschen im Kopf, das Stimmung und Konzentration stört.

Paruresis entwickelt sich bei vielen Männern in der Jugend. Auslöser sind oft Schlüsselerlebnisse in der Pubertät. Zum Beispiel Situationen auf dem Schulklo, wo Mitschüler über die Toilettenwände steigen und so die Grenzen der Intimsphäre verletzen. Das kann beim nächsten Klo­besuch zu einer Angstreaktion führen. Bei Stress macht die Blase dicht: „Die Ringmuskeln kontrahieren, sie bleiben angespannt und verschließen die Harnröhre.“

Die Schuld schiebt Hammelstein unseren Vorfahren in die Schuhe. Heute rennt zwar kein Mammut mehr durchs Bahnhofsklo, „vom Stresspegel gleicht die Paruresis aber einer archaischen Kampf-Flucht-Situation“, so Hammelstein. „Natürlich ist es für den Organismus dann nicht sinnvoll, erst genüsslich zu pinkeln.“

Gezielt „Gesellschafts-Pinkeln“ lernen

Eine natürliche Reaktion. Trotzdem fühlt es sich für Thilo Linde an, als ob er nicht richtig funktioniert. „Oft denke ich am Pissoir: ,Bin ich bescheuert oder was, warum kommt denn jetzt nichts?’“ In der Paruresis-Therapie reflektiert Hammelstein über störende Denkmuster, die die Angst befeuern. Entspannungsübungen können helfen. „Wer viele Jahre unter Paruresis leidet, hat sich antrainiert, dass die Situation auf dem Klo bedrohlich ist. Da hilft nur Umlernen.“

In einer Studie mit 60 Patienten zeigte er 2005, dass Konfrontationsübungen Erfolge erzielen. Die Männer gehen in Begleitung eines „Pee-Buddys“ (Pinkel-Kumpel) auf eine öffentliche Toilette. Der Pee-Buddy schüchtert weniger ein als ein Fremder: „Weil er Bescheid weiß und Verständnis hat, wenn es nicht klappt“, so Linde. So, wie ein Spinnenphobiker nicht direkt eine Vogelspinne auf die Hand nimmt, fangen auch die Paruresis-Männer langsam an. Zunächst wird die Tür einer Kabine einen Spalt offen gelassen. Wenn Thilo Linde heute alleine auf ein öffentliches Klo kommt, läuft’s ziemlich schnell. Ein Pinkel-Plausch mit dem Pissoir-Nachbarn? „Soweit werde ich nicht kommen“, sagt er lachend.

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