60 Jahre BRD

Die skandalöse Seite der Bundesrepublik

Foto: ullstein bild

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Über 60 Jahre Bundesrepublik lässt sich viel Gutes schreiben: übers Wirtschaftswunder, die starke Mark, die Grundrechte und Brandts Kniefall. Aber das ist nur die halbe Wahrheit über die BRD. Sozusagen die Schokoladenseite. Die andere ist geschmackloser, schmuddeliger, um nicht zu sagen: skandalös.

Im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart steht so manche Promi-Kutsche: natürlich der Adenauer-Mercedes, dann das Coupe´ von Prinzessin Diana, die Karosse Kaiser Wilhelms II. ... Ein Wagen fehlt. Zwar steht dort ein 190 SL aus den 1950-er Jahren. Aber es ist nicht der berühmteste. Es ist nicht der Benz der Nitribitt.

Über 60 Jahre Bundesrepublik lässt sich viel Gutes schreiben: übers Wirtschaftswunder, die starke Mark, die Grundrechte und Brandts Kniefall. Aber das ist nur die halbe Wahrheit über die BRD. Sozusagen die Schokoladenseite. Die andere ist geschmackloser, schmuddeliger, um nicht zu sagen: skandalös.

Starfighter und Amigos

Da stürzten Starfighter vom Himmel, da wurden in Bayern die „Amigos” geschmiert, da tauchten gefälschte Hitler-Tagebücher auf, die Bundesliga verkaufte Spiele, und Kanzler Kohl behielt die Namen seiner Parteispender für sich. Ob Spiegel- oder Flick-Affäre, ob Jenninger-Rede oder Barschel in der Badewanne - es gibt viele Geschichten, die uns vielleicht noch mehr interessieren als die Verfassungsgebende Versammlung.

Die Geschichte der Nitribitt

Reden wir also mal über die Hure und ihren Benz, über Rosalie Marie Auguste Nitribitt. Sie war ein „Mädchen aus einfachen Verhältnissen”, wie gute Bürger es gern sagen. Viel wissen wir nicht über das „Mädchen Rosemarie” oder die „Nutte der Nation”.

Mit wem hat sie wohl Bett und Benz geteilt? Mit Harald von Bohlen und Halbach? Mit Gunter Sachs? Mit Ministern gar? Arme Schlucker dürften ihre Kunden kaum gewesen sein, denn die Nitribitt war unerhört wohlhabend. 90 000 Mark im Jahr soll sie zuletzt verdient haben und damit Ende der 1950er Jahre 20 Mal mehr als ein Arbeiter.

Der Fall Nitribitt bietet alles, was eine Skandalgeschichte braucht: üble Gerüchte, ein schlüpfriges Gewerbe und einen brutalen Mord. Die ach so anständige Nachkriegsgesellschaft bekommt also das, wonach sie förmlich giert. „Unerhört” tuschelten feine Damen und Herren damals. Das verlieh dem Ruhm der Nitribitt Flügel. Zunächst hatte sie einfach nur in Frankfurt Liebe verkauft, nach ihrem Ableben errang sie den Status einer Diva der Unmoral

Tölpelhafte Polizeiarbeit

Am 1. November 1957 findet die Polizei die 24-Jährige tot in ihrem Wohnzimmer im Haus Stiftstraße 36: blutverschmiert und ungeschminkt, der Körper ist schon leicht verwest. Ihr Ende ist der Beginn eines endlosen Schlagzeilenreigens und einer tölpelhaften Polizeiarbeit: Da hat der Mörder angeblich seinen Hut am Tatort liegen lassen. Tagelang fahnden die Beamten nach dem Hutbesitzer. Bis sie ihn finden: Es ist der Leiter der Mordkommission. Polizisten öffnen die Fenster, ohne vorher aufs Thermometer geschaut zu haben. Das macht die Bestimmung des Todeszeitpunktes unmöglich.

Der Mörder ist bis heute unbekannt. Verschwunden ist auch der Mercedes 190 SL, der zum „Markenzeichen” der Nitribitt wurde. In ihm kutschierte sie zahlungskräftige Kunden durch das Frankfurter Nachtleben. Es heißt, der Luxuswagen sei ein Geschenk eines Freiers gewesen, aber nicht einmal das ist belegt. Norbert Schneider vom 190-SL-Fanclub hat die Geschichte des schwarzen Coupe´s recherchiert. Er sagt, dass die Nitribitt den jungen Gebrauchtwagen 1956 für 17 000 Mark kaufte. In bar, versteht sich. Nach dem Tod soll die Mutter Nitribitts den Wagen verkauft haben. Dann verliert sich seine Spur. Karl Lagerfeld will ihn eine Zeitlang besessen haben, aber auch das ist Spekulation. Wie so ziemlich alles in dieser Geschichte um den ersten großen Sex-Skandal der Nachkriegsgeschichte.

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