Agenturen tauschen Boni für Urlaubsfahrten

Die Reise ins Land der Provisionen

Foto: WR

Iserlohn. Marija Linnhoff hat Ideen. Mit ihrer „Abwrackprämie” für Koffer schaffte sie im Februar einen persönlichen kleinen Aufschwung in ihrem Iserlohner Reisebüro. Auf die Idee, dass sie ein Reisebüro kauft, dessen Umsätze an ganz anderer Stelle gemacht wurden, kam sie allerdings nicht.

Die Vorgeschichte: Die Hagenerin Marija Linnhoff übernahm vor vier Jahren als Existenzgründerin das Reisebüro, das vor allem Thomas Cook anbot. Zuvor hatte sie sich die Umsatzzahlen angeschaut und musste für das Büro eine entsprechende Ablöse zahlen, für die sie einen Kredit aufnahm. Später stellte sich nach ihrer Darstellung heraus, dass die Umsätze in einem anderen Reisebüro des Vorbesitzers gemacht wurden, dann jedoch nach Iserlohn transferiert wurden, um über Provisionsgrenzen zu springen.

Dies sei, so Linnhoff heute, eine offenbar gängige Praxis in der Branche. Umsatzbonuspunkte würden quasi öffentlich über das Intranet der Reiseanbieter getauscht. Motto: Gibst Du mir Thomas Cook, gebe ich Dir Tui oder Jahn. Linnhoff verklagte Thomas Cook auf Schadensersatz.

„Wie kann ich unter dem Druck der Provisionsschwellen vernünftig beraten?”, fragt die 46-Jährige. Wenn ein oder zwei fehlende Reisen dem Reisebüro einen Riesensprung bei den Provisionen brächten, wie könne ein kleines Büro, das sich in der Krise nur mit Mühe über Wasser hält, dann tatsächlich neutral im Interesse des Kunden beraten? Sie tue das, so Linnhoff, weil es für sie der einzige Weg sei: „Ich bin eine Verkäuferin. Es gibt für mich nichts einfacheres und besseres als dem Kunden genau das zu verkaufen, was er haben will.” Sie lebe schließlich von Stammkunden.

Torsten Schäfer, Sprecher des Deutschen Reise Verbandes, kann über die Existenz solcher Tauschbörsen der Reisebüros nichts sagen. Der Verband, der die mittleren und größeren Reiseagenturen vertritt, könne nicht in die Systeme hineinschauen. „Es gibt keinen Beweis für die Existenz der Tauschbörsen”, so Schäfer, der aber nicht ausschließen will, dass sie existieren.

Dass Kunden jedoch an ihren Bedürfnissen vorbei beraten würden, dass schließt er für den Regelfall aus: „Die Kunden sind gut informiert und wollen jetzt viel Leistung für ihr Geld.” Probleme habe es mit „Malus-Regelungen” gegeben. So hätte etwa Tui Anfang des Jahres Mindestumsätze vorgegeben. Diese galten unabhängig von der Entwicklung des Marktes, die das einzelne Büro ja nicht beeinflussen konnte. „Dagegen haben wir protestiert und Tui hat das im März auch wieder revidiert”, so Schäfer.

Auch der Allianz der selbstständigen Reiseunternehmen (asr) sind die malus–Regelungen ein Dorn im Auge. Der asr vertritt kleinere Reisebüros und gibt zu bedenken, dass eine Rückzahlung von 5000 bis 6000 Euro am Jahresende – dies sieht eine Malus-Regelung vor – für ein kleines Unternehmen ein großes Problem sei. Tatsache sei, so asr-Sprecherin Gabriele Baumgarten, dass die großen Anbieter mit Hilfe von Provisionen den Markt unter sich aufzuteilen. Der Verband habe deshalb bereits eine Positivliste von Reiseanbietern erstellt, die faire Konditionen böten. Der Tausch von Bonuspunkten sei zwar ein Problem, so heißt es bei der asr, doch keines, das man überbewerten solle.

Für Marija Linnhoff sind diese Provisionen allerdings ein großes Problem. „Für mich geht es nicht um Millionen, für mich geht es um meine Existenz”, sagt die Frau, die zwei Mitarbeiter beschäftigt, selbst aber über Hartz IV 670 Euro im Monat Aufstockung bekommt, um ihre Familie durchzubringen. Thomas Cook, ursprünglich Hauptpartner des Büros, hat ihr im Juli ohne Begründung den Vertrag gekündigt. „Ich verkaufe aber weiter Thomas Cook, wenn die für den Kunden das beste Angebot haben”, gibt sie sich unbeirrt. Überleben könnte ihr kleines Büro überhaupt nur, weil ihre Kunden ihr die Treue hielten.

Von Ernst Hinsken, CSU-Abgeordneter und Touristikbeauftragter der Bundesregierung, war gestern zu dem Thema keine Stellungnahme zu bekommen.

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