Ruhrstadt

Die kleinste Metropole der Welt

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Dortmund. Bevor es sie wirklich gibt, hat die Ruhrstadt ein Alleinstellungsmerkmal und einen Rekord erzielt: Mit nur 500 Einwohnern ist sie die kleinste Metropole der Welt. Viele Bürger sind seit der symbolischen Gründung der „Stadt der Städte” im November 2009 nämlich nicht hinzugekommen, Städte aus dem Revier, um das es geht, schon gar nicht. Geht es nach vielen Politikern und Experten, dann bleibt das auch so.

Zuletzt hat der Bochumer Verwaltungswissenschaftler Prof. Jürgen Bogumil einem künstlich hochgerechneten Verwaltungskonstrukt aus 53 Städten und Kreisen mit insgesamt 5,2 Millionen Einwohnern eine deutliche Absage erteilt. Er warnt: „Die Idee der Ruhrstadt ist gerade für das Ruhrgebiet nicht sinnvoll. Sie beinhaltet vor allem die Gefahr einer weiteren Verschlechterung der Lage im Ruhrgebiet.” Niels Lange von Bogumils Auftraggeber, der Westfalen-Stiftung, sagt: „Die Anhäufung von Schwächen ergibt keine Stärke.” Das, was die Städte an Ruhr und Emscher gemeinsam hatten - die Klammer von Kohle und Stahl - ist längst Geschichte. Geblieben sind überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und Überalterung und stotternder Strukturwandel.

Doch immer wieder fordern Initiativen, Planer und Verbandspolitiker, der angeschlagenen Region e i n e Stimme zu geben. Die Initiative-Ruhrstadt.de bemüht in einem hilflos wirkenden Versuch prominente Botschafter, die wie der Bochumer Kultautor Frank Goosen versichern müssen: „Zusammen sind wir tofte.” Auf der gleichen Internetseite finden sich Unterstützer von Ruhrstadt wie Die Schmuckperle, Pottgestalten, Arztpraxis (alle Dortmund) oder Muskelnotdienst, Pralinen meiner Stadt, reviersingle.de (alle Essen).

Dabei sind Probleme mangelnder Zusammenarbeit seit langem offenbar. Der Personennahverkehr im Revier krankt an seiner Organisationsform von 26 kommunalen Verkehrsgesellschaften. Die Dachorganisation Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) ist laut Bogumil nur eine Hülle. Statt, wie in „echten” Metropolen wie Berlin einen Anteil von 25 Prozent am Gesamtverkehr auf Bus und Bahn umzuleiten, seien es im Revier elf. „Warum sind die Fahrpläne schlecht abgestimmt und die Preise trotzdem vergleichsweise hoch?” fragt Bogumil. Die Antwort: Es gibt keine echten zentralen Steuerungskompetenzen, weil niemand etwas von seiner Macht abgeben will. Bei der Wirtschaftsförderung nimmt zwar die Wirtschaftsförderung metropoleruhr (wmr) das Marketing für die Region wahr, geht es jedoch um Firmenansiedlungen, müssen sich Investoren weiter an die Städte wenden, „da die wmr nicht von sich aus über Flächen verfügt”, so Bogumil.

Dortmund gegen Zentralinstanz

Seit kurzem versucht die Bürgerschaftliche Initiative Stadt Ruhr - mit Promintenen wie dem Sportler Willi Wülbeck und dem Mediziner Prof. Dietrich Grönemeyer - und der Verein pro Ruhrgebiet, das Thema Ruhrstadt verstärkt ins regionale Bewusstsein zu rücken. Sie übergeben in den Städten öffentlichkeitswirksam große Ruhrstadt-Fahnen. „Die Ruhrstadt muss auf die Landkarte”, fordert Dr. Roland Kirchhof von pro Ruhrgebiet und früherer Oberstadtdirektor der Revierkommune Herne. Man wolle nicht die Existenz der Städte infrage stellen, sondern Aufgaben in einer gemeinsamen Institution erledigen. „Dazu brauchen wir einen Repräsentanten für die Metropole, der mit kraftvoller Sprache für die Ruhrstadt spricht, möglichst bei der übernächsten Kommunalwahl. Das kann kein Oberbürgermeister von Essen oder Dortmund”, sagt Kirchhof. Doch davor steht das Landesgesetz, das weiß auch Kirchhof.

Gerade in Dortmund hält man gar nichts von der Vorstellung, von einer Zentralinstanz in Essen regiert zu werden. Das sei wie eine Zwangsfusion von Schalke 04 und Borussia Dortmund, sagte der frühere OB Gerd Langemeyer, „es wird keinen Konsens geben für einen Zentralismus im Revier.” Mit Händen und Füßen sträubt sich auch die Westfalen-Initiative, die für Bürokratieabbau und Bürgernähe stehe, sagt Geschäftsführer Niels Lange. Er macht keinen Hehl aus den Motiven für das neue Bogumil-Gutachten: „Wir wollten zu einem Zeitpunkt herauskommen, wo über die Zukunft diskutiert wird, sprich den Koalitionsverhandlungen nach den Landtagswahlen.”

Warum gibt es keine Rhein-Stadt?

Politisch könnte sich etwas bewegen auf der Ebene der fünf Regierungsbezirke im Land. Der SPD-Landtagsabgeordnete Hubertus Kramer geht davon aus, dass die von der schwarz-gelben Landesregierung geplante Reduzierung auf nur noch drei vom Tisch ist. „Bei der CDU hat niemand mehr Lust, das anzupacken”, sagt er. Könnte es einen Regierungsbezirk Ruhr geben, aus neuem Zuschnitt oder als 5+1-Lösung, der dann statt wie bisher Arnsberg, Münster und Düsseldorf für das Revier zuständig wäre? „Genau das ist offen”, sagt Kramer. Gutachter Bogumil sieht aber auch hier keinen Koordinierungsbedarf.

Vielleicht hilft auch mal ein Blick an den Rhein. Dort bilden Köln und Düsseldorf eine pulsierende Schiene. Niemand kam bislang auf die Idee, die beiden sollten sich „Rhein-Stadt” nennen.

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