Der Dortmunder Professor Dieter Ziegenfeuter ist ein Auflagenmillionär

Die heile Welt in Zacken gefasst

Sonnenuntergang, Regenbogen, Polarlicht und Blitz: Diese Motiv-Serie von Dieter Ziegenfeuter ist in China zur schönsten Briefmarkenserie der Welt gekürt worden. Foto: Franz Luthe

Sonnenuntergang, Regenbogen, Polarlicht und Blitz: Diese Motiv-Serie von Dieter Ziegenfeuter ist in China zur schönsten Briefmarkenserie der Welt gekürt worden. Foto: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

Dortmund.   Klein, klebrig, kultig: Der Dortmunder Grafik-Designer Dieter Ziegenfeuter entwirft Briefmarken - und ist damit ein echter Auflagenmillionär.

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Die Sonne geht auf, wenn Dieter Ziegenfeuter über Briefmarken spricht. Dann strahlt der 61-Jährige noch immer die Begeisterung aus, die er schon als achtjähriger Sammler erster bunter Marken aus aller Welt empfunden haben muss. „Damals gab’s ja nur Schwarz-Weiß-Fernsehen“, sagt Ziegenfeuter und die Städte waren noch nicht mit den Bildern der Werbung geflutet. Damals konnte noch jede Briefmarke ein Fenster zur Welt sein.

Mittlerweile gestaltet der Dortmunder Grafikdesigner, der 1949 in Hagen geboren wurde, die kleinen, in Zacken gefassten Welten am eigenen Computer. In China wurden seine Entwürfe für die Wohlfahrtsmarken 2009 der Deutschen Post jetzt als „Schönste Briefmarke der Welt“ geehrt. Die Serie heißt „Himmelserscheinungen“. Sie zeigt, unter anderem, einen makellosen Sonnenuntergang.

Welcher Blitz passt zu welchem Nordlicht? Wie zart darf ein Regenbogen sein, der neben einem prächtigen Sonnenuntergang nicht untergeht? Das sind Fragen, mit denen sich Ziegenfeuter beschäftigt, wenn er mal wieder Schöpfer auf engstem Raum ist. Der Dortmunder tut dies mit wachsendem Erfolg. Sein Sonnenuntergang von 2009 war von 380 000 deutschen Sammlern bereits zur Marke des Jahres gewählt worden. Den „Best Stamp Award“ aus dem Reich der Mitte darf er nun getrost mit einem Weltmeistertitel vergleichen.

„Ich sammle keine Briefmarken, aber ich kann auch keine Briefmarken wegwerfen“, erzählt Dieter Ziegenfeuter. Der Professor, der an der Fachhochschule Dortmund bereits eine ganze Generation junger Grafik-Designer ausgebildet hat, gehört zu dem kleinen Kreis von 50 bis 100 Grafikern, die vom Bundesfinanzministerium regelmäßig zu Wettbewerben für die Gestaltung neuer Marken eingeladen werden. Obwohl Ziegenfeuter mehrfacher Auflagenmillionär ist, ist sein Name nur Eingeweihten ein Begriff. Zurückhaltung prägt die Arbeit eines Briefmarkendesigners. „Ich versuche möglichst klar zu arbeiten, so dass die Gestaltung hinter den Inhalt zurücktritt“, sagt er. Kein Schnörkel, keine Zahl, kein Buchstabe - keinerlei Ablenkung fürs Auge stört das Foto jenes makellosen Sonnenuntergangs, das Ziegenfeuter nach wochenlanger Datenbank- und Buchrecherche in Beständen des in Nordnorwegen lebenden Polarfotografen Hinrich Bäsemann fand.

Der Grafiker ist ein rastlos Suchender, wenn er Brief­-­­

marken gestaltet. „Als ich an den Himmelserscheinungen gearbeitet habe, kannte ich wohl jeden Blitz und jedes Nordlicht, das auf dem Markt verfügbar war.“ Doch mit der Recherche am Computer ist es selten getan. Für die Briefmarkenserie „Fachwerkbau“ ist der Dortmunder Professor mit der eigenen Kamera mehrfach auf Deutschlandreise gegangen.

Die Häuser, die es abzubilden galt, strahlten in den seltensten Fällen die von Ziegenfeuter gewünschte Klarheit aus. Da versperrten Autos und Bäume den Blick, und neben dem hübschesten Eingang prangte schon mal das Metallschild einer psychologischen Praxis.Der Briefmarkengestalter wird dann am Computer zum Heile-Welt-Arbeiter. All das Störende wird beseitigt, wobei unbedingt jedes Detail des Hauses stimmig bleiben muss: „In Deutschland gibt es für alles Fachleute“, sagt Ziegenfeuter.

Sachliche Fehler auf deutschen Briefmarken sind so etwas wie grafische Staatsverbrechen und werden fast immer aufgedeckt.

Der Dortmunder weiß das und sagt: „Für jede Schindel an den Häusern auf meinen Briefmarken stehe ich gerade. Ich kenne sie quasi alle mit Namen.“

Ab heute werden Werke Ziegenfeuters auch im fernen Asien geleckt und geklebt. Dann erscheinen zwei von ihm gestaltete Briefmarken zeitgleich in Deutschland und Japan. Die „Sonderpostwertzeichenserie ,Weltkulturerbe der Unesco’ - Gemeinschaftsausgabe mit Japan“ zeigt die Altstadt Regensburg und den Tempel „Yakushi-ji“ in der heutigen japanischen Stadt Nara.

Prächtige Sehenswürdigkeiten höchsten geschichtlichen Ranges vor malerischen, leicht bewölkten Himmeln. So müssen Briefmarken sein. Nirgends ein Auto, nirgends ein Werbeschild aus Metall. Dieter Ziegenfeuter sagt es so - und es klingt wie ein Credo: „Alles muss auf den ersten Blick schön sein.“

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