Kritik an Inklusion

„Die Förderschule ist keine Endstation“

In der Förderschule Hiddinghausen werden behinderte Kinder geschult.

In der Förderschule Hiddinghausen werden behinderte Kinder geschult.

Foto: Volker Speckenwirth (WR)

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Sprockhövel. Ein „Ende der Abschiebung“ oder eine neue Rolle als „Außenseiter“ unter nicht behinderten Schülern? Am heutigen Montag lädt NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann zum „Gesprächskreis Inklusion“. Es geht um den künftigen Weg behinderter Schülerinnen und Schüler, die möglichst schnell in den Unterricht an Regelschulen integriert werden sollen.

Doch nicht alle sind von den Plänen der Landesregierung begeistert: Eltern etwa, die ihre Kinder bewusst in eine Förderschule schicken, oder Lehrer, die seit Jahrzehnten dort unterrichten.

Wenn die sieben Schülerinnen und Schüler morgens die Klasse von Mechthild Peter und Anne Wockel an der Förderschule für geistige Entwicklung in Sprockhövel-Hiddinghausen stürmen, haben sie meist vor allem eines: Spaß. Das unterscheidet die Sieben- bis Achtjährigen von vielen ihrer Altersgenossen. Das Klassenzimmer ist bunt und freundlich gestaltet, es gibt einen Bereich zum Lernen, aber auch Ecken zum Spielen, Essen oder Ausruhen.

Alle schreiben ihren Namen an eine Tafel neben der Tür. Inzwischen – nach gut zwei Jahren – klappt das bei den meisten ganz gut. Doch bis dahin war es ein beschwerlicher Weg. Einigen Kindern fällt es schwer, sich länger zu konzentrieren, sie werden unruhig, stehen auf, singen. Bis auf eines sind alle Kinder trocken, doch auch den anderen passiert schon mal ein „Missgeschick“. Dann muss gewickelt werden. „Mit unserem Personalschlüssel können wir mit solchen Situationen gut umgehen“, sagt Anne Wockel. Zwei Lehrerinnen, oft beide vor Ort, zwei sogenannte Integrationshelfer für Kinder, die besondere Betreuung brauchen, und an Tagen wie diesem auch noch Zivi Fabian zur Unterstützung – jeder packt mit an.

„Jeder Fortschritt ein Geschenk“

Wenn geschrieben und gerechnet wird, läuft das anders als an Regelschulen. „Das Lernen findet bei uns eher spielerisch statt“, sagt Mechthild Peter. „Wir fördern jedes Kind nach seinen individuellen Möglichkeiten.“ Und dennoch haftet der Förderschule, auch durch die aktuelle Debatte, ein Stigma an. „Wir sind undenkbar geworden“, sagt Mechthild Peter und stellt klar: „Wir sind ja nicht gegen die Inklusion. Doch die Voraussetzungen müssen stimmen. Und wir wehren uns gegen die negative Darstellung unseres Schulkonzeptes.“

Britta Luszas hat das Konzept überzeugt. Ihr achtjähriger Sohn Morten ist wegen eines Sauerstoffmangels bei der Geburt in seiner Entwicklung verzögert. „Niemand konnte uns anfangs sagen, was Morten einmal können wird. Jeder Fortschritt ist darum für uns ein Geschenk“. Morten besuchte einen integrativen Kindergarten, und als die Entscheidung für einen Schultypen anstand, war sie für die Eltern nicht leicht. „Ich habe mir viele Schulen angesehen.“ Nach einem Hospitationstag in Hiddinghausen war Britta Luszas überzeugt. „Ich wusste, hier kann ich meinen Sohn mit gutem Gewissen hinschicken.“

Angst, dass das Kind ein Außenseiter wird

Morten geht gern zur Schule. „Hier ist mein Sohn mittendrin“, sagt Britta Luszas, „an einer Regelschule hätte ich immer die Angst, dass er ein Außenseiter ist.“

Eine Erfahrung, die sie Morten ersparen möchte. „Ich packe ihn ja deswegen nicht unter eine Glasglocke.“ Außerhalb der Schule besucht Morten Sportgruppen mit nichtbehinderten Kindern; doch ihr sensibler Sohn spüre Ablehnung sofort. „Kinder können grausam sein“, sagt Britta Luszas. Morten werde dann aggressiv, ziehe sich zurück. Sie möchte ihm den Frust ersparen, dass er in einer Regelschule immer der wäre, der „ein bisschen anders“ ist, der, der nicht das kann, was die anderen können, der, der vielleicht sogar scheitert - und die Schule verlassen muss.

Eine Entscheidung, für die sie sich oft rechtfertigen muss, für die sie dumme Blicke und spitze Bemerkungen kassiert. Sie hört Sätze wie: „Wie könnt ihr ihn nur dahin abschieben?“, oder: „Na, da habt ihr ihn ja gut versorgt.“ „Da ist man ständig in Sorge um Morten, ist endlich überzeugt, optimale Bedingungen für ihn gefunden zu haben, und bekommt von der Gesellschaft vermittelt, dass man sein Kind abgeschoben hat“, so Britta Luszas. „Das tut einem als Mutter weh.“

Hier wird das Busfahren geübt

Eine Erfahrung, die Kerstin Krüner teilt. Ihre Tochter Philina geht mit Morten in eine Klasse. Das fröhliche Mädchen mit dem blonden Zopf, hat das Down-Syndrom. Bei Down-Kindern, so der Eindruck von Kerstin Krüner, ist der Druck besonders groß. „Oft wird der Eindruck vermittelt, man muss das Kind nur richtig fördern, dann hat es alle Möglichkeiten.“ Doch die Ausprägungen der Behinderung sind unterschiedlich. „Für uns war es nicht wichtig, dass Philina möglichst viel Wissen vermittelt wird. Uns ist wichtig zu wissen, dass sie einmal gut durchs Leben kommt“, sagt Kerstin Künker. Darauf, da sind beide Mütter überzeugt, werden die Kinder in Hiddinghausen bestens vorbereitet. Die jüngeren Kinder üben selbstständig zu essen, sich anzuziehen oder auch ins Theater zu gehen, die älteren werden in einer Lehrwohnung auf die Belange des Alltags vorbereitet, üben den Umgang mit Geld oder das Busfahren.

Schule für das Kind das Beste

„In einer Regelschule würde Morten wahrscheinlich doch wieder vieles abgenommen, was ihm hier bewusst beigebracht wird“, glaubt Britta Luszas. „Natürlich freuen wir uns auch über jeden Buchstaben und jede Zahl, die Philina lernt“, fügt Kerstin Künker hinzu. „Als ich neulich mit ihr Nachrichten schaute, und sie plötzlich drei Buchstaben erkannte, hätte ich heulen können.“

Und – auch davon sind beide Mütter überzeugt – wenn die Entwicklung ihrer Kinder es rechtfertigt, würde die Schule einen Wechsel sofort befürworten. „Förderschule ist keine Endstation“, formuliert es Lehrerin Mechthild Peter.

Und bis dahin, erklärt Mutter Kerstin Künker, „ist die Schule in Hiddinghausen das Beste, was unserem Kind passieren konnte.“

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