„Schrott“-Lkw

Die „Entschärfer“ von der Autobahn

Dem geschulten Blick von Polizeikommissar Thorsten Baumann entgeht nichts - vor allem keine defekten Bremsen. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris-Medien

Dem geschulten Blick von Polizeikommissar Thorsten Baumann entgeht nichts - vor allem keine defekten Bremsen. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris-Medien

Foto: Iris-MEDIEN

Im Westen. Wenn Thorsten Baumann auf der Autobahn unterwegs ist und vor ihm ein Schwerlaster, vielleicht auch noch mit osteuropäischen Kennzeichen auftaucht, gibt es für ihn nur ein Motto: „Möglichst großer Seitenabstand – und schnell vorbei.“ Und schon gar nicht sich von zwei Lkw einkesseln lassen.

Auch seinem Chef Stephan Bode geht es in solch einer Situation ähnlich: „Wenn ich an denen vorbeifahre, habe ich oft ein ungutes Gefühl“, gibt er zu. „Dann hat man plötzlich vor Augen, was da jetzt alles passieren könnte, wenn der einen Unfall hat.“ Denn die beiden Polizeibeamten wissen, was täglich auf den Fernstraßen unterwegs ist. Erst am Donnerstag haben sie es wieder miterleben können: als Mitglieder der Schwerlastgruppe der Autobahnpolizei Münster kontrollierten sie an der A2 in Gelsenkirchen bis zur Mittagszeit 14 Lkw - und legten acht gleich still. Wegen gravierender Mängel bei Ladung und Technik.

„Was wir hier manchmal sehen, ist ein Alptraum. Da kann einem wirklich angst und bange werden, und man kann sich glücklich schätzen, dass nicht mehr passiert“, sagt Stephan Bode, der Leiter der Schwerlastgruppe. „Einmal die Woche entdecken wir mindestens einen Lkw mit kaputter Bremsanlage.“ An diesem Vormittag, beim Zwangs-Stopp am Parkplatz Resser Mark, waren es gleich zwei: einer aus der Türkei, der andere aus Slowenien. Doch Bode will sieht das Problem nicht nur bei den osteuropäischen Transportern. „Die Schrott-Lkw kommen quer aus Europa. Da sind die Deutschen nicht besser.“

Sechs Schwerpunkte hat sich die Schwerlastgruppe bei ihren täglich wechselnden Kontrollen auf der A1, A2, A 30, A31, A42 und A43 gesetzt: Sozialvorschriften (Lenkzeiten), Ladungssicherung, Gefahrguttransporte, technische Mängel, Großraum- und Schwertransporte und Gewichtskontrollen. Und die Männer finden immer etwas. Drei Viertel der kontrollierten Lkw werden durchschnittlich beanstandet, mehr als der Hälfte wird die Weiterfahrt untersagt. Auch an diesem Tag wieder.

„Treffer“, sagt Bode lapidar, als der Lkw-Fahrer hinten die Türen an seinem Auflieger öffnet. Die Kontrolleure sehen sofort die Probleme: die Antirutschmatten sind bereits eingerissen und brüchig, die Paletten - unter anderem mit 1000-Liter-Behältern voll mit Motoröl – haben direkten Kontakt zum Boden. Die Spanngurte könnten die Ladung im Ernstfall niemals halten. Was dann passieren würde? „Im schlimmsten Fall rutscht alles nach hinten, die Türen springen auf und die Ladung fällt heraus. Das wäre ein Super-Gau“, sagt Bode. Derweil greift sein Kollege Ralf Gözze schon mal zum Telefon und ruft beim Spediteur an: „Die müssen ein anderen Auflieger schicken“, sagt er. „Dieser ist völlig ungeeignet.“ Denn ungesicherte Ladung kann den Bremsweg enorm verlängern - einer der möglichen Gründe, warum es immer wieder bei Unfallmeldungen heißt, dass ein Lkw „ungebremst“ in ein Stauende gefahren sei.

Auch beim Transporter daneben schütteln die Polizisten den Kopf: 17 Blöcke je 1400 Kilogramm schwere Zinkblöcke sind hier geladen - viel zu viel auf einer kleinen Fläche, zudem auf kaputten Antirutschmatten. Endstation Resser Mark - bis ein Kran kommt und die Ladung so auf der Fläche verteilt, wie Bode es ausgerechnet hat. Brummifahrer Marc Polk (52) aus Belgien ist sauer. „Verstehe ich nicht“, sagt er. „So wurde das immer schon geladen.“ Und dann guckt er genervt auf die Uhr. Von Venlo aus wollte er zum Abladen nach Datteln, dann weiter nach Beckum und wieder zurück nach Holland. Der Zeitplan ist nun völlig aus dem Ruder. Ob ihm sein Job noch Spaß macht? „Nein“, sagt er. „Immer nur Kontrollen.“

Andere Brummifahrer denken darüber anderes. Solche wie Werner Richter (58): Mit seinem Spezialtransporter, in dem er gerade riesige Glasscheiben von Gladbeck nach Polen transportiert, hat er sogar freiwillig bei den Polizisten gehalten, um Lenkzeiten, Papiere und Ladung kontrollieren zu lassen. „Besser hier, als in Polen“, sagt er. „Dort würde es noch teurer.“ Die Freude an der Arbeit ist ihm in den letzten 43 Jahren allerdings mehr und mehr vergangen. „Es macht keinen Spaß mehr“, sagt er. „Nur noch Druck.“

Das erfährt auch Polizeikommissar Thorsten Baumann, wenn er sich mit den Truckern unterhält. Denn viele wissen, dass ihr Fahrzeug Sicherheitsmängel hat - und sind hilflos. „Sie sagen mir dann oft: ‘Chef hat kein Geld’ oder ‘Chef sagt: Fahr!’“ Deshalb fühlt sich Baumann nicht als Kontrolleur, sondern eher als Partner der Lkw-Fahrer: „Ich bin der Mittler zu ihrem Chef, ich bin derjenige, der ihren rollenden Schrott reparieren lässt.“ Und das nehmen viele Trucker gerne an: Immer wieder zeigen sie den Polizeibeamten, wo es weitere Mängel gibt - geradezu dankbar dafür, dass diese endlich behoben werden müssen. „Wird Zeit, dass Ihr mich endlich mal anhaltet“, hören die Männer der Schwerlastgruppe öfter.

Acht stillgelegte von 14 kontrollierten Fahrzeugen ist an diesem Tag eine übliche, „gute“ Bilanz. „Wir haben die Richtigen kontrolliert und aus dem Verkehr gezogen“, sagt Bode. „Und wer weiß: Vielleicht war einer von ihnen dabei, von dem man sonst gehört hätte: Lkw am Kamener Kreuz in Stauende gefahren.“

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