Gehaltseinbußen

Croupiers sind die Casino-Verlierer

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Dortmund. Wenn sich Claudia Buschke-Pietrek abends mal mit Freundinnen treffen oder einfach nur mal ins Kino gehen möchte, erfordert das langfristige Planung. Freie Abende sind bei der 43-Jährigen die Ausnahme. Als Croupier arbeitet sie hauptsächlich abends und nachts - auch an den Wochenenden.

Buschke-Pietrek war eine der ersten Frauen, die 1985 im Casino Hohensyburg als Spieltechnikerin eingestellt wurde - und die sechs Jahre später weitere Kurse besuchte, um danach auch als Kopfcroupier beim Französischen Roulette oder Drehcroupier arbeiten zu können. Bis dato hatten die weiblichen Angestellen beim Roulette nichts zu suchen. Ihnen waren in den ersten Jahren nur die Black Jack-Tische zugeteilt. Seinerzeit nichts Ungewöhnliches in der Branche.

„Zocker sind sehr abergläubisch”, weiß der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Sascha Tiefenbach, selbst seit 20 Jahren Croupier. „Es gab schon einige, die an den Spruch glaubten: 'Aufs Schiff und ins Casino gehören keine Frauen'. Es hieß, es würde Unglück bringen, wenn eine Frau die Kugel gibt.” Doch die Zeiten haben sich längst geändert.

Nicht nur, was die Rolle der Frau in der Spielbank angeht.

30 Prozent Geldeinbuße

„Früher hat es mehr Spaß gemacht”, sagt Buschke-Pietrek. „Da war das Klima super, es herrschte eine tolle Atmosphäre. Und die Zuschläge waren so, wie sie für Nacht- und Feiertagsarbeit angemessen waren. Da hat das Preis-Leistungs-Verhältnis gepasst und man wurde vernünftig bezahlt.” Doch nach 24 Jahren im Beruf fällt ihre Bilanz bitter aus: „30 Prozent Gehaltseinbuße” verzeichne sie mittlerweile. „Da ist es schwer, mit Freude und Motivation bei der Arbeit zu sein.”

Hintergrund ist das komplizierte Gehaltssystem: Denn der Lohn der Croupiers speist sich seit 1933 aus dem Trinkgeld, dem so genannten Tronc, der nach einem Punkteschlüssel verteilt wird. Hinzu kam seit Anfang der 90er Jahren eine Mindestgehaltsgarantie - auf die man früher jedoch nie hinabfiel, weil der Tronc immer höher war. Veränderungen in der Spielbank-Landschaft und beim Spielverhalten der Besucher haben jedoch dazu geführt, dass die Croupiers nur noch das Minimum erhalten, Zulagen wegfallen - und der Arbeitgeber sogar noch zuschießen muss.

Forderung: Transparentes Festgehalt

„Änderung des jetzigen undurchsichtigen Besoldungssystems in ein transparentes Festgehalt” ist daher die erste und wichtigste Forderung der Croupiers in den aktuellen Tarifverhandlungen. Doch unabhängig vom Ergebnis, selbst wenn sich Höhe und Struktur des Gehalts ändern sollten: Für ihre Spielbank Hohensyburg - so, wie sie einst war, als deutsche Hochburg für Baccara-Spieler und begehrter Treffpunkt auch für hochspielende Gäste - sehen die Insider schwarz. Oder treffender: bunt leuchtend mit Glitzerlämpchen.

Klimperlämpchen und Daddelbuden

„Wir waren mal eine seriöse Spielbank, die auf einer Ebene stand mit Einrichtungen wie Baden-Baden und Bad Wiessee”, sagt Tiefenbach. „Heute sind wir ein Casino, das sich orientiert an Klimperlämpchen und Daddelbuden wie in Las Vegas.”

Eine Entwicklung, die sich auch in der Ausstattung bemerkbar macht: Gab es früher noch 18 Tische für Französisches Roulette, zwei für Baccara und vier für Black Jack, biete die Hohensyburg heute dagegen nur noch fünf Roulette-Tische (von denen nie mehr als drei geöffnet seien), dafür jedoch zwölf American Roulette-Tische, vier Black Jacks, einen Baccara-Tisch (nur freitags und samstags) und neun Pokertische.

Die Folge: Durch die neuen „Tronc-feindlicheren” Spiele sinken Trinkgeld und damit Gehalt für die Croupiers. Zudem habe sich - seit die Geschäftsführung bei Westspiel 1998 wechselte - auch das Publikum und damit auch die Atmosphäre im Haus geändert. „Früher bedeutete Spielbank ein Erlebnis. Da war es Pflicht, dass die Herren mit Krawatte und Anzug und die Damen in gepflegter Abendgarderobe erschienen”, sagt Tiefenbach. „Heute kommt jeder rein, der reinmöchte. Und ich frage mich manchmal, wieso ich mir überhaupt noch einen Smoking anziehe.”

Für einstige Selbstverständlichkeit belächelt

Dass sich das Bedürfnis des Publikums geändert habe, glauben die Croupiers nicht: „Manchmal kommen ja noch Gäste in feinen Anzügen und tollen Kleidern. Aber die fühlen sich inzwischen sogar unwohl, weil sie für das, was bislang selbstverständlich war, von anderen schon belächelt werden.” Nicht zuletzt hätten darunter auch der Umgangston und die Sitten gelitten.

Der Spruch „Ein Stück für die Angestellten” erklingt heute nicht mehr automatisch, wenn ein Spieler auf Zahl gesetzt und das 35-Fache gewonnen hat. Heute hören die Croupiers öfter das, was ihnen bislang auch bei den Tarifverhandlungen gesagt wurde und gegen das sie nun ankämpfen wollen: „Gibt nix.”

Tarifverhandlungen treten auf der Stelle

Das Mindestgehalt bei Croupiers beträgt 1272 Euro brutto, der Höchstsatz nach 33 Jahren 3909 Euro. Seit 1996 sind die Gehälter nicht erhöht worden. Die Tarifverhandlungen mit der Betreiber-Gesellschaft WestSpiel für etwa 600 Croupiers in NRW treten seit Monaten auf der Stelle.

Die WestSpiel-Gruppe in Duisburg betreibt sieben Spielcasinos; in NRW sind es Aachen, Bad Oeynhausen, Dortmund und Duisburg. Die Geschäftsführung hat Mitte August ein Aussetzen der Gespräche bis Anfang 2009 gefordert. Die Gewerkschaft hat einen Schlichter angerufen.

Laut WestSpiel zwängen Besucherrückgänge um 20 Prozent und rückläufige Einspielergebnisse die Gesellschaft, die Tariverhandlungen auszusetzen.”

Pressesprecherin Katrin Koch sagt: „Wir stehen für Gespräche bereit, die keine finanziellen Auswirkungen haben.” Den Vorwurf von Croupier-Seite, das äußere Niveau und auch die Spielqualität in der Hohensyburg sinke, wies sie zurück: „Wir legen nach wie vor Wert auf gepflegten Kleidungsstil.” Wie früher in feinen Anzügen und Abendkleidern in der Spielbank zu erscheinen, sei nicht mehr zeitgemäß: „Wie in Theatern und anderen Freizeiteinrichtungen auch ist eine gehobene Freizeitkleidung angemessen.”

Dass immer mehr Tische für Französisches Roulette und Baccara abgebaut werden, sei eine Marktentwicklung, die „nicht seit gestern” laufe. „Der Trend geht nun zu Poker”, sagte Koch. „Und eine Casino-Gesellschaft muss den aktuellen Trends folgen.”

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