Bergbau

Betroffenheit nach letzter Schicht im Bergwerk Ost

Ein letztes Gespräch in der Kaue: Auf dem Bergwerk Ost fand am Donnerstag die letzte Förderschicht statt. Fotos: Franz Luthe

Ein letztes Gespräch in der Kaue: Auf dem Bergwerk Ost fand am Donnerstag die letzte Förderschicht statt. Fotos: Franz Luthe

Foto: WR/Franz Luthe

Hamm. Das Bergwerk Ost in Hamm hat seine Produktion eingestellt: Am Donnerstag fand die letzte Förderschicht auf jenem Verbundbergwerk statt, das 1998 aus den Bergwerken Haus Aden/Monopol in Bergkamen und Heinrich Robert in Hamm gegründet worden war.

Von den einst 5300 Mitarbeitern waren zuletzt nur noch 1800 übrig: Sie wechseln nun zu den Bergwerken Auguste Victoria nach Marl und Prosper-Haniel nach Bottrop oder gehen - mit 49 Jahren - in die Anpassung. Rund 100 Mitarbeiter bleiben für den Betrieb der Wasserhaltung vor Ort. Zur letzten Förderschicht fand am Mittag noch einmal eine Betriebsversammlung statt, an der auch der Vorstandsvorsitzende der RAG, Bernd Tönjes, teilnahm. „Das ist ein trauriger Anlass”, kommentierte er. „Allen Beteiligten war immer klar, dass wir dazu hier keine Kirmes veranstalten wollten.”

Große Betroffenheit

Der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Junge hatte seit langem gewusst, dass dieser Tag kommen wird. Genau seit dem 9. Juni 2008. Damals wurde der Beschluss bekannt gegeben, die Förderung des Bergwerks Ost zum 30. September 2010 einzustellen. „Aber irgendwie habe ich es wohl immer verdrängt, dass dieser Tag kommen wird”, gibt er zu. Jetzt sitzt er mit seinem Stellvertreter Volker Blaszyk und dem früheren Betriebsratschef von Monopol, Manfred Wiedemann, in seinem Büro. Während draußen die ersten Fernsehteams eintreffen, sprechen sie noch einmal über alte Zeiten. Und darüber, was sie heute erwartet. „Wird wohl eine Scheiß Schicht”, hat seine Frau noch beim Frühstück zu Wolfgang Junge gesagt. „Du musst deinen Kollegen mitteilen, dass sie heute Euer Bergwerk zumachen.”

Keine neue Nachricht, seit zwei Jahren längst bekannt, seit Monaten durchgeplant - und doch geht dieser Tag vielen Bergleuten sichtlich nahe. In kleinen Gruppen stehen die Männer zusammen, als sie vor dem Hauptgebäude eintreffen und auf den Beginn der Betriebsversammlung warten. Ein Mitglied der Grubenwehr reibt sich die Tränen aus den Augen und bittet um Verständnis, dass er nicht sprechen kann. Andere möchten es nicht: Die Frühschicht etwa. Jene Bergleute, die an diesem Morgen als Letzte der Belegschaft und als Letzte in der Geschichte des Bergbaus im östlichen Revier eingefahren sind, um noch einmal Kohle zu fördern. Statt medienwirksam, mit geschwärzten Gesichtern, mit dem Bus vor dem Gebäude vorzufahren, ziehen sie es vor, den Hintereingang zu benutzen.

Einigen wiederum merkt man an, dass sie sich ihren Frust und auch ihre Traurigkeit von der Seele reden wollen. „Bedrückend”. Diese Bezeichnung fällt immer wieder, wenn man die Kumpel fragt, wie sie diesen Tag empfinden. Der Oberführer der Grubenwehr, Ralf Sollesmann (46) wählt ihn, und auch Rainer Pott. „Das ist alles sehr traurig”, fügt der 49-Jährige hinzu, der seit 1981 im Bergbau gearbeitet hat, davon seit der Zusammenlegung 1998 in Hamm. Im Gegensatz zu ihm hat Udo Schillhammer noch nie eine Verlegung miterlebt: Seit 32 Jahren arbeitet er hier auf dem Bergwerk. Dass die Förderung nun eingestellt wird, „tut weh” gibt er zu.

Wut und Enttäuschung

Bei Carsten Woischke (43) und Thomas Ogeonek (45) hingegen klingen Wut und Enttäuschung durch: Über die Politiker, die für Landwirte und Banker Geld zur Verfügung stellen, aber bei den Bergleuten jetzt sparen wollen, und über Regierungen jeglicher Couleur, deren Wort nichts zählt und die Verträge in Frage stellen, noch bevor die Tinte trocken ist.

Dementsprechend sorgt der Vorstoß der EU-Kommission, die Kohlesubvention schon 2014 einzustellen, für weiteren Unmut. Nicht nur bei den Kumpeln, auch beim obersten RAG-Chef Bernd Tönjes. „Das würde den Bruch der Sozialverträglichkeit bedeuten”, sagt er. Und dass er dem Wort der Bundeskanzlerin vertraue, die alternativlos zum Auslauftermin 2018 stehe. Schließlich gebe es sicherlich „ein überragendes Interesse der Bundesregierung, keinen sozialen Kahlschlag zu produzieren”.

„Sie werden herzlich aufgenommen“

Aktuell jedoch müssen sich die Kumpel des Bergwerks Ost noch keine Sorgen machen, dass sie durch die Schließung arbeitslos werden. Noch zählt für sie die alte Zusicherung, dass keiner von ihnen ins Bergfreie fällt. Und noch wissen sie, dass sie gebraucht werden. Weil sie über ein besonders technisches Know-how verfügen und weil Bergleute spezielle Tugenden mitbringen. „Sie werden auf den neuen Bergwerken herzlich aufgenommen”, zeigt sich Tönjes überzeugt. „Mit Solidarität, Verlässlichkeit und gelebter Sozialpartnerschaft werden Sie Ihre Aufgaben meistern.”

Wolfgang Junge ist das gestern schon gelungen. Er hat sich vor Hunderte Kollegen gestellt und ihnen gedankt für ihre große Unterstützung und Solidarität in den letzten Jahren. Obwohl er angekündigt hat, dass er alles „ganz sachlich” über die Bühne bringen wolle, ist ihm seine Betroffenheit und auch Trauer deutlich anzumerken gewesen. Dass das so kommen wird, hat er vermutlich schon morgens im Betriebsratsbüro geahnt. „Meine Frau muss heute zur Beerdigung eines Freundes”, hat er da noch nachdenklich gesagt. „Und ich gehe hier zur Beerdigung.”

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