Integrationsdebatte

Berliner Migranten-Verein ist "Typisch deutsch"

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Berlin. Wie kann meine geliebte Heimat Deutschland so rassistisch sein? Das fragte sich die Türkin Sezen Tatlici-Ince, als sie die Diskussion um Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" mitverfolgte — und gründete den Migranten-Verein "Typisch Deutsch".

Sezen Tatlici-Ince ist eine deutsche Patriotin. So richtig aufgefallen ist ihr das erst während eines längeren USA-Aufenthalts. Dort begann sich die 27-Jährige mit türkischen Wurzeln zu fragen, warum die Amerikaner so patriotisch sind, die Deutschen aber nicht.

Dabei empfand die Berlinerin Deutschland doch als viel gerechter und sozialer als die USA. Der Gedanke beschäftigte Tatlici-Ince auch nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland Deutschland, wo gerade der von Thilo Sarrazin entfachte Streit um die mangelnde Integrationswilligkeit der Migranten entbrannte.

Für Sezen Tatlici-Ince war das nur schwer erträglich. „Ich war von der Debatte tief enttäuscht“, sagt die Berlinerin. „Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass mein Land, das ich so liebe, dem ich so viel zu verdanken habe, so rassistisch sein soll.“ Das kann man nicht so stehen lassen, sagte sich die junge Frau, und beschloss, etwas dagegen zu unternehmen. Sie gründete den Berliner Migranten-Verein „Typisch Deutsch“.

In langen Diskussionen mit Freunden und Bekannten hatte sie festgestellt: Sie war nicht die Einzige, die von der Debatte ordentlich angenervt war. Das war die Geburtsstunde von „Typisch Deutsch“. Zuerst drehten die Mitglieder einen Film, den sie im Internetportal „Youtube“ veröffentlichten. „Unsere Eltern sind aus Ghana, Italien, Türkei, Afghanistan, Iran, Korea, Libanon, Ost- und West-Deutschland, doch wir sind typisch deutsch“, sagen die Initiatoren überzeugt in die Kamera. Der Film wurde ein Renner im Internet.

„Wenn Menschen in Deutschland immer wieder als Migranten bezeichnet werden, heißt das, dass sie nicht deutsch sind, solange sie nicht einem bestimmten Bild entsprechen“, sagt die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin. „Ich bin stolz darauf, anders zu sein und trotzdem typisch deutsch.“ Es dürfe nicht darum gehen, alles Fremde einer Leitkultur zu unterwerfen, alles zwanghaft eindeutschen zu wollen, „wir sollten eher unser Anderssein akzeptieren und unsere Gemeinsamkeiten stärker betonen“, so Tatlici-Ince. „Deutschland ist bunt, nicht grau“, ist sie überzeugt.

"Altdeutsche und Neudeutsche" statt "Deutsche und Migranten"

Das formuliert auch der Verein in seinen Zielen: Das, was gemeinhin als typisch deutsch bezeichnet wird, bedarf einer neuen Definition, sind sich die Mitglieder sicher. Deutschland müsse verstehen, dass es als Einwanderungsland auch künftig auf alle seine Mitbürger angewiesen sein wird. „Deutsch ist unsere Sprache. Dennoch sehen wir es als Bereicherung an, dass wir überwiegend mehrsprachig sind. Typisch Deutsch sein heißt für uns, dass Deutschland Sprache, Religion, Ethnie, Kultur in verschiedenen Ausführungen beinhaltet und diese Pluralität, in jeglicher Hinsicht, schätzen wir sehr“, heißt es in den Vereinsstatuten. „Deutsche Tugenden und neu-deutsche Namen schließen sich nicht aus.“ Der Verein unterteilt nicht in Deutsche und Migranten, sondern in Alt- und Neudeutsche.

„Typisch Deutsch“ will vermitteln, „dass Deutschland unser aller Heimat ist und wir alle deutsch sind, egal, wie verschieden wir sind.“ Ferner wehren sich die Mitglieder gegen Diskriminierung jeglicher Art. „Wir wollen ein positives Licht auf das Deutschsein werfen“, so Tatlici-Ince. „Recht und Freiheit haben wir schon, jetzt kümmern wir uns um die Einheit.“ Ein friedliches Zusammenleben sei schließlich das Ziel alle Deutschen.

Um das zu erreichen, besuchen die Vereinsmitglieder Schulklassen und diskutieren mit den jungen Schülern Fragen wie: Was ist Identität, was ist Heimat, welche Verantwortung haben wir? Dass jeder die deutsche Sprache beherrschen und sich an die Gesetze halten sollte, sei dabei völlig klar. „Wir wollen die Vorbehalte gegenüber dem Deutschsein nehmen“, so Tatlici-Ince.

Definieren statt integrieren — Inklusion statt Integration

Die Schüler reagieren positiv, weiß die Vereinsvorsitzende zu berichten. Das Motto „definieren statt integrieren. Inklusion statt Integration“, komme gut an. Viele „Neudeutsche“ scheinen das Gefühl zu teilen, dass die vielfach eingeforderte Integration zu sehr nach Assimilation klingt. Aber: „Uns unscheinbar machen, bloß um nicht als Ausländer wahrgenommen zu werden, wollen wir nicht.“ Die jungen Leute wollen eine bunte Bereicherung sein, kein Einheitsbrei. Sich auf Gemeinsamkeiten zu berufen, ist ihnen wichtiger, als immer nur die Unterschiede aufzuzeigen. „Wir brauchen keine Leitkultur“, sagt Tatlici-Ince überzeugt. Typisch deutsch sei eben nicht nur das Würstchen, sondern auch der Döner.

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