Flüchtlinge

Aussiedler-Lager Unna Massen schließt die Pforten

Foto: WR

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Unna. Die Landesstelle Unna-Massen, für hunderttausende von Aussiedlern und Flüchtlingen Startpunkt in die deutsche Gesellschaft, schließt an diesem Dienstag endgültig ihre Pforten. Die weitere Nutzung ist noch unklar.

Stimmengewirr, Lachen, fröhliche Rufe und tausendmal die Hoffnung auf ein schöneres Leben, auf eine bessere Zukunft – in dem Land, das die neue Heimat werden sollte. Vergangenheit in der Landesstelle Unna-Massen, in der zu Spitzenzeiten über 4000 Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge gleichzeitig lebten. Wo einst multikulturelles Miteinander war, sind nun nur noch verwaisten Straßen, flankiert von verlassenen Reihenhäusern.

Die große Leere nach 58 Jahren Betrieb

„Da läuft es mir immer wieder kalt den Rücken runter”, sagt Norbert Giermann. „Unglaublich, man kann jetzt um 14 Uhr die Vögel zwitschern hören wie auf dem Friedhof – das war früher undenkbar, da haben die Menschen hier vor ihren Häusern gestanden, haben auf der Wiese gegrillt, die Kinder sind umhergelaufen und haben gespielt”. Der großgewachsene Mann schüttelt den Kopf, als ob er dieses Bild gewaltsam aus seiner Erinnerung entfernen müsste.

Robert Giermann weiß, wovon er spricht. War das Auffanglager Unna-Massen im Nordwesten der Kreisstadt mit seinem Dorfcharakter seit 1951 ein 200 000 Quadratmeter großes Eiland für die neu in Deutschland gestrandeten – so war das Giermannsche Domizil der Fels in der Brandung, für die immer wieder neu hereinspülenden Menschen. Ein Ankerpunkt, der blieb; im Wechsel der Gezeiten von Ankommenden und denen, die so schnell wie möglich das behütete Lager mit seiner Zentralverwaltung, Zentralwäscherei und Mini-Krankenhaus verlassen wollten, um in Deutschland Fuß zu fassen. „Wir betreiben hier seit Eröffnung des Hauptdurchgangslagers den zentralen Lebensmittelladen”, so der Kaufmann.

Vater fing an mit einem Bauchladen

Sein Vater, selbst aus dem pommerschen Stettin in den Westen geflohen, hatte im Massen-Vorgänger, dem Hauptdurchgangslager in Siegen, seine Krämertätigkeit begonnen: „Er ist mit einem Bauchladen durch das Lager gelaufen, hat Bestellungen entgegen genommen und verkauft, was die Leute brauchten.”

Die Eltern entschieden sich bewusst, den Ort, den die meisten anderen nur als Startpunkt in eine neue Existenz sahen, zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Mit einem seit 1956 zunächst kleinen Lebensmittelgeschäft im Herzen des Durchgangslagers.

Zahl der Zuwanderer sank beständig

„Eine Goldgrube”, lächelt Robert Giermann. Seit 1959 gehört das Geschäft zur Rewe-Genossenschaft. Nur wenige Jahre später war er einer der bundesweit zehn umsatzstärksten Rewe-Märkten gemessen an der Quadratmeterzahl. „Da war oft so ein Andrang, dass wir nur fünfzig Leute gleichzeitig ins Geschäft lassen konnten – und 300 warteten draußen, bis sie an der Reihe waren.”

Durchliefen in den Jahren 1998 bis 2001 jährlich im Schnitt noch 25 000 Zuwanderer die Landesstelle, so waren es 2007 nur noch 1500, im Folgejahr nur noch 700. Die Giermanns merkten es am Umsatz, „der ist seit 2003 um bis zu 70 Prozent weggebrochen.” Besserung ist nicht in Sicht, denn die Landesregierung beschloss am 4. November 2008 vor dem Hintergrund der hohen Unterhaltskosten und der nur geringen Zuwandererzahlen, die Landesstelle Ende Juni 2009 zu schließen.

Auch die Kita schließt

Schlangen vor Rewe-Giermann gibt es nicht mehr. Eine einzige, knallbunte ist einen Steinwurf weiter zu sehen. Sie schlängelt sich die Fassade des Kindergartens „Abenteuerland” entlang. Ein Abenteuer ohne Happy End: „Wir schließen Ende Juli”, sagt die Leiterin, die seit Eröffnung der KiTa vor 28 Jahren dabei ist. An der Wand hängt eine gemalte Schlange die weint. Daran ein Zahlenband, das jeden Morgen um eine Ziffer gekürzt wird - als bitterer Countdown.

„Es kann doch nicht sein, dass dieses geschichtsträchtige Areal mit vielen, erst kürzlich für 14 Millionen Euro renovierten Wohnungen, nicht weiter genutzt wird”, wettert Robert Giermann. Die Bewerbung als Hochschulstandort scheiterte ebenso wie jüngst die als Gesundheitscampus. Immerhin: Auf dem Gelände soll ein Gedenk- und Informationszentrum entstehen. Eine Künstlerkolonie im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 ist auch im Gespräch.

Nicht viel, aber ein Strohhalm nach dem Robert Giermann greifen möchte, dem auf seinem Felsen finanziell das Wasser bis zum Hals steht: „Vielleicht kann ich ein Café für die Künstler eröffnen”.

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