Beschwerden häufen sich

Aufruhr an Schulen: Abitur zu schwer

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Foto: Julian Stratenschulte

Zu lang, zu schwer, zu komplex - die Beschwerden über die gerade gelaufenen schriftlichen Abitur-Prüfungen häufen sich. Schüler und Lehrerverbände fordern eine großzügige Benotung. Doch das NRW-Schulministerium wiegelt ab: Es gehe um einen Einzelfall.

Am Anfang war der Oktaeder. Reihenweise verzweifelten die Abiturienten des Mathematik-Leistungskurses an der Berechnung der Schnittflächen dieser geometrischen Figur, einer Art doppelter Pyramide. Viele Prüflinge, die mit der Lösung überfordert waren, beschwerten sich anschließend über die reichlich knifflige Aufgabe. Inzwischen stimmen auch andere Pennäler in den Protest-Chor ein.

„Bei uns häufen sich die Beschwerden über zu umfängliche Prüfungsaufgaben auch in anderen Fächern”, erklärte der Vorsitzende des Philologenverbands NRW Peter Silbernagel gegenüber der WR. So hätten die Schüler etwa im Fach Biologie 15 Seiten Zusatzmaterial für eine Aufgabe lesen müssen, in einer Physik-Aufgabe seien es zehn Seiten gewesen. Für viele Mathe-Prüflinge sei zudem der Oktaeder nicht die einzige unüberwindliche Hürde gewesen, auch eine Aufgabe zur Wahrscheinlichkeitsrechnung habe sich für viele als zu harte Nuss erwiesen.

Auch Gabriele Custodis von der Landeselternschaft der Gymnasien hat ein Übermaß an Aufgabenmaterial beobachtet. „Schüler berichten, dass die zugrunde gelegten Texte deutlich länger sind als im vergangenen Jahr.” Dies habe zur Folge gehabt, dass auch sehr gute Schüler ihre Arbeit am Ende nicht einmal Korrektur lesen konnten. Lehrer wie Eltern fürchten nun, dass mehr Prüflinge als erwartet aufgrund ihrer schlechter ausgefallenen Klausuren im Juni in die mündliche Prüfung müssen. „Für so manchen”, so Silbernagel, „geht es da knallhart um den Numerus Clausus fürs Studium.”

Beim NRW-Schulministerium sieht man die Angelegenheit weniger dramatisch. „Eine Häufung von Beschwerden ist uns nur bei der Oktaeder-Aufgabe bekannt”, so ein Ministeriumssprecher. Für eine Weisung an die Schulen, bei der Benotung großzügig zu handeln, sieht das Ministerium keine Veranlassung.

"Und die Rechnung zahlen jetzt wir"

„Wenn 70 Prozent meiner Schüler von ihrer Vorbenotung massivst nach unten abweichen, spricht es mehr als dafür, dass die Aufgaben zu schwierig waren”, sagt ein Mathematik-Leistungskurslehrer, dessen Schüler teilweise bis zu sieben Punkte schlechter abschneiden als sonst. Einserkandidaten schreiben dann plötzlich eine drei. Und die mittelmäßigen Schüler rutschen in den defizitären Bereich ab. „Dann wird es sogar eng, dass Abitur zu bestehen.”

Am Montag habe das Telefon geschellt und ein ratloser Kollege von einem anderen Gymnasium habe wörtlich gefragt: „Sieht es bei euch auch so schlimm aus?” Auch hier war die Geometrie-Aufgabe mit einem Oktaeder von keinem Schüler komplett gelöst worden. „Die Aufgabenteile sahen auf den ersten Blick lösbar aus, auf den zweiten Blick konnte ich zwei von fünf Teilen aber auch auf Anhieb nicht lösen”, sagt der Mathe-Lehrer. Es sei ein „außerordentliches Vorstellungsvermögen im dreidimensionalen Raum” nötig gewesen, um sich überhaupt den Lösungansatz vor Augen führen zu können. Hinzu kämen enormer Zeitdruck und Stress.

Schüler Jan Tenner vom Arnsberger Gymnasium Laurentianum ist eigentlich ein richtiges Mathe-Ass. Mit 14,5 Punkte war er für das Abitur in dem Fach vorbenotet. „Die Note ist jetzt hinüber”, atmet Jan tief durch. „Zwar konnte ich zwei von drei Aufgaben lösen, bei der Oktaeder-Aufgabe war es aber nicht möglich, auch nur annähernd einen Lösungsansatz zu finden.” Die Aufgabe habe es wirklich in sich gehabt, klagt Tenner. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit muss ich in die Nachprüfung.”

Yannik Nöh, ein Mitschüler von Jan, machte vor allem die Zeit zu schaffen. „Ich habe für die ersten beiden Aufgaben lange gebraucht. Für das Oktaeder blieb mir dann nicht mehr viel Zeit übrig”, so Yannik. „Man konnte nur unheimlich schwierig abschätzen, wie lange man für die Aufgaben braucht, da nicht immer sofort klar war, was überhaupt gefragt ist.” Zwar habe er sich „extra viel” für Geometrie vorbereitet, lösbar seien die einzelnen Aufgabenteile zu dem Oktaeder für ihn aber dennoch nicht gewesen. „Ich hoffe jetzt, dass ich wenigstens 50 Prozent aller Punkte holen konnte.”

Auch hier auf derwesten.de sowie im Forum wurde das Thema bereits heftig und ausdauernd diskutiert. „Die Aufgaben, die gestellt worden sind, wurden in keinem Leistungskurs, ob von meiner Schule oder der von Freunden, ansatzweise vorher behandelt”, heißt es dort. „Ich gebe die Schuld keineswegs den Lehrern, sondern Düsseldorf! Wir sind die Leidtragenden und schon in weniger Zeit wird vergessen sei, dass wir ,der Jahrgang mit den Fehlern sind', wenn man unsere Noten auf dem Abiturzeugnis betrachtet! Wir fühlen uns als Versuchskaninchen, mit denen man das Ziel leider verfehlt hat.” Und ein anderer schrieb in seinem Kommentar: „Dieses Zentralabitur scheint ein Überschwinger in die falsche Richtung gewesen zu sein. Die Rechnung zahlen nun die Schüler.”

Deutliche Kritik am Zentralabi kommt auch von Landesschülersprecher Horst Wenzel. „Ich weiß von ganz vielen Schülern, die schlichtweg über den Aufgaben verzweifelt sind.” Der Dortmunder, der zurzeit selbst im Abistress steckt, hält das Niveau der Aufgaben angesichts der jüngsten Erkenntnisse einfach für zu hoch. Was Wenzel im Grundsatz bemängelt, ist das System. Es sei paradox, dass die Qualität von Bildung gesteigert werden soll, aber alle Schüler den gleichen Test schreiben müssen. „Wo bleibt da die individuelle Förderung der Schüler, die ja von der Landesregierung so groß angekündigt worden war?”

Wenzel zeigt sich skeptisch, dass das Schulministerium radikal umsteuert, hofft aber auf ein Umdenken. „Es geht doch um Lebensperspektiven von jungen Menschen. Wenn etwas falsch läuft, sollten sich die Verantwortlichen auch eingestehen, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann."

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