Strukturwandel

Am Phoenixsee übt Dortmund neue Lässigkeit

Rastende Rentner:  Der neue Phoenixsee ist ein beliebtes Ziel für Fahrradtouren.      Foto: Ralf Rottmann

Rastende Rentner: Der neue Phoenixsee ist ein beliebtes Ziel für Fahrradtouren. Foto: Ralf Rottmann

Foto: WR-Ralf Rottmann

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Dortmund.Dortmund liegt jetzt am See. Und seit der Bauzaun rund um den neuen Phoenixsee gefallen ist, hat sich im Arbeiterstadtteil Hörde ein komplett neues Lebensgefühl verbreitet.

Der Bauzaun ist weg. Jetzt liegt er da, glitzernd schön wie die maritimen Motive auf Urlaubspostkarten, allseits bestaunt und geliebt wie ein frisch ausgepacktes, großes Geschenk. Der neue Phoenixsee auf der alten Hoesch-Stahlwerksbrache in Dortmund-Hörde hat begonnen, den Alltag der Menschen in dem Arbeiter-Vorort zu verändern. „Man hat jetzt eine Anlaufstelle“, sagt Monika Schröder, die ihren kleinen Sohn Ian mit dem Laufrad über die Promenade jagen lässt. „Man geht ein paar Schritte und hat das Gefühl von Tapetenwechsel.“

Die Tapeten mussten dringend mal runter in Dortmund-Hörde. Über 150 Jahre hatten gigantische Werksanlagen jeden Blick in die Weite verstellt. Der Himmel war oft rußig, oder er färbte sich, im Stahlabstich, jäh ins Rote.

„War doch schön“, sagt Heinz Gellrich. Der 79-Jährige rastet auf einer Bank am See. Er macht eine stramme Radtour mit seinem Freund Herbert Heitkamp. Radwege auf alten Industrietrassen gibt es ja jetzt genug im Ruhrgebiet. Ins gemeinsame Erinnern der Freunde an Dortmunds Bier-Kohle-Stahl-Epoche mischt sich schnell eine Spur Ruhrgebietsromantik, wenn der rote Himmel angesprochen wird. Aber den beiden Rentnern dämmert auch die Erkenntnis, dass die harten Malocher von Hoesch, die sie einstmals als junge Männer gekannt hatten, meist schon dahingerafft sind. Ihre Generation hat für den roten Himmel gesorgt. Die wenigsten aber schafften es bis an den blauen See.

An Wochenenden wird es am Phoenixsee schon fast so voll wie auf Ostsee-Promenaden

An Wochenenden wird es schon fast so voll am Phoenixsee wie auf Ostsee-Promenaden. Radfahrer und Jogger kommen sich auf dem 3,2 Kilometer langen Rundweg, der zum Teil noch von Zäunen verstellt ist, ziemlich ins Gehege. Erste Modellschiffe dampfern übers Wasser. Familien picknicken auf frisch erworbenen Baugrundstücken am Hang, die sie mit ausgelegten Bändern als ihr Eigentum markiert haben. Teenager strecken sich faul an den schmalen See-Ufern der Länge nach in die Sonne. Und schon geht die Kunde von erstem Vandalismus und von nächtlichen Gelagen, die die Polizei unterbinden musste. Das frisch ausgepackte Geschenk hat erste Gebrauchsspuren. Aber noch lieben es alle, die man fragt.

Horst und Jutta Kontny leben dort, wo der Dortmunder seine begüterten Auswanderer vermutet – in der Nachbarstadt Herdecke im Ruhrtal. Jetzt sitzen die Kontnys auf einer Bank nahe dem Schild „Willkommen im Emschertal“, das die Emschergenossenschaft stolz aufgehängt hat, sonnen sich so seenah wie sonst am Harkort- oder Hengsteysee und staunen über Dortmund: „Ich finde das ganz toll, was hier passiert ist“, sagt Jutta Kontny und lobt besonders „das Schlösschen“ am Ufer: „So malerisch.“

Die alte Hörder Burg hat in der neuen Umgebung in der Tat Ähnlichkeit mit dem Schloss am Wörthersee gewonnen. So viel Flair hatten die Kontnys Dortmund gar nicht zugetraut. Aber wohnen möchten sie hier nicht: „Die Bebauung wird sicher eine große Beeinträchtigung“, glauben sie. Ohne reichlich Bebauung aber rechnet sich das Projekt nicht. Die Seegrundstücke sind, für Dortmunder Verhältnisse, mit 300 Euro pro Quadratmeter zu äußerst gehobenen Preisen zu haben. Dafür dürfen Käufer sich aber in Anleger-Magazinen wie „Capital“ mit Sätzen wie diesem umschmeicheln lassen: „Es sieht danach aus, als stünden in Hörde bald Maseratis neben den Mantas.“

Ein Platz zum Chillen für Zehntklässler

Kathi Myca und Sarah Labusch wollen hier nicht wohnen, nur „chillen“. Die beiden Zehntklässlerinnen vom angrenzenden Phoenix-Gymnasium haben endlich einen Ort, an dem sie ihre vielen Freistunden verbringen können. „Früher“, sagt Kathi, „hat man sich nur auf die Bänke am Schulhof gesetzt.“ Jetzt gehen die Schülerinnen sonnenbaden am See. Dass hier mal ein Stahlwerk stand – die Eltern haben davon erzählt. Doch die beiden Mädchen haben kein Bild mehr davon vor Augen. Nicht das von der hermetisch verschlossenen Stadt in der Stadt, die ständig rauchte. Auch nicht das vom Himmel, der vor exakt zehn Jahren zum letzten Mal errötete. Ein bisschen Sorge haben Kathi und Sarah schon, dass Hörde geradewegs vom netten, einfachen Mädchen zur verwöhnten Zicke pubertieren könnte. Dass die Preise steigen, die neue, junge Lässigkeit am Ufer verloren gehen könnte. Aber ein bisschen mehr Luxus könne der Stadtteil ja schon vertragen: „Zuletzt haben sich hier doch nur noch Billigläden angesiedelt“, sagt Kathi.

Knapp 140 Meter über allem thront Leon. Er ist Hörder, er ist erst acht Monate alt, er wird mit diesen schönen neuen Aussichten aufwachsen. Vater Andreas Schwertz hat den Kinderwagen zum höchsten Aussichtspunkt des Sees hochgeschoben und erzählt stolz, dass er seinem Jungen schon ein Spielzeugboot gekauft hat. Es ist jetzt Wasser in der Stadt. Da muss man doch investieren. In Wichtigeres als einen Maserati.

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