Homophobie

Am Arbeitsplatz gilt immer noch: Nicht auffallen

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Dortmund/Hagen.  Annikas* Nachbarn verstopften ihren Auspuff mit Kastanien und schmierten ihr Hundekot an die Radkappen. Denn Annika liebt Frauen. Susanne*, verlor ihren Job als Babysitter, weil sie lesbisch ist. Marie* behält es deswegen lieber für sich. Vor 42 Jahren wurde Paragraf 175 des Strafgesetzbuches reformiert. Seitdem bestrafen deutsche Richter niemanden mehr, der seine Homosexualität auslebt.

Annikas* Nachbarn verstopften ihren Auspuff mit Kastanien und schmierten ihr Hundekot an die Radkappen. Denn Annika liebt Frauen. Susanne*, verlor ihren Job als Babysitter, weil sie lesbisch ist. Marie* behält es deswegen lieber für sich. Vor 42 Jahren wurde Paragraf 175 des Strafgesetzbuches reformiert. Seitdem bestrafen deutsche Richter niemanden mehr, der seine Homosexualität auslebt. Viel hat sich auf diesem Gebiet bis heute getan – zumindest auf Gesetzesebene. Doch in einigen Köpfen spukt auch heute noch der Gedanke, Homosexualität sei etwas Schlimmes. Am internationalen Tag gegen Homophobie sprach die WR-Redaktion mit Schwulen und Lesben aus unterschiedlichen Berufszweigen.

Bis heute müssen sie um ihr Ansehen kämpfen. Denn immerhin 38 Prozent der Deutschen glauben, dass Homosexualität unmoralisch ist, zitiert Markus Chmielorz, Leiter der Bochumer Lesben- und Schwulen-Beratung „Rosa Strippe“, aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Forscher Dominic Frohn hat festgestellt, dass über die Hälfte der Schwulen und Lesben ihre sexuelle Identität am Arbeitsplatz geheim halten. „78 Prozent stimmen zu, schon einmal diskriminiert worden zu sein“, sagt Frohn.

Als „Schwuchtel“ wurde auch Dr. Axel Kracke schon beschimpft. Doch der Hagener Zahnarzt versteckt sich nicht. Patienten, Angestellte, sie alle wissen, dass er schwul ist. „Wenn es jemandem nicht passt, kann er gehen“, sagt er ganz locker. Sicherlich, den ein oder anderen Patienten hätte er schon verloren. Trotzdem: Dr. Axel Kracke hat Erfolg im Job. „Ich bin glücklich, dass es mir so gut geht, denn ich weiß von ganz anderen Schicksalen“, erzählt er: Von Menschen, die befürchten, dass sie ihren Job verlieren, wenn der Chef etwas mitbekommt. Von Managern, die ein Doppelleben führen – zwischen Alibi-Freundin und dem Geliebten. Das schlage sich auf die Psyche nieder, erklärt Dr. Kracke.

Die Leitungen laufen heiß in der Beratungsstelle „Rosa Strippe“. 757 Menschen haben sich im letzten Jahr an die Stelle gewandt, fast 50 Prozent mehr als noch vor sieben Jahren. Eines der Hauptthemen, weswegen Schwule und Lesben anrufen, seien psychische Probleme, sagt Markus Chmielorz. Auch der Diplom-Psychologe Dominic Frohn stimmt zu, dass sich die psychische Belastung erhöhe, wenn Angestellte alle Kraft verwenden, die sexuelle Identität am Arbeitsplatz geheim zu halten. Sich ständig zu kontrollieren, in allem was man macht, raube viel Kraft, sagt Frohn.

Jedes Wort, jede Geste habe er geprüft, überlegt, ob sie ihn verraten könnten. „Wie schwere Ketten, die den Körper umschlungen und sich in mein Fleisch schnitten“, beschreibt Marcus Urban seine Last im WR-Gespräch. Viele Jahre verschwieg er, dass er schwul ist. Kämpfte sogar dagegen an. „Ich habe mich selber gehasst, weil ich dachte, es sei widerwärtig, schwul zu sein.“ Der hoch talentierte Fußballer beendete Anfang der 1990er-Jahre plötzlich seine Karriere. Er sprach seine sexuelle Identität öffentlich aus und entschied sich gegen eine Laufbahn als Profispieler. Fußball und Homosexualität seien nicht vereinbar gewesen. „Ich habe meinen großen Traum aufgegeben. Für ein menschenwürdiges Leben“, sagt er.

Urban kennt schwule Profispieler aus der aktuellen Bundesliga. Ob auch welche in der Nationalelf spielen? Urban zögert: „Das kann gut sein.“

Doch outen will sich keiner. Die Angst, von den Fans geächtet zu werden, Sponsorenverträge zu verlieren, sei zu groß, sagt Torsten Siebert vom Lesben- und Schwulenverband Deutschland, Experte zum Thema Fußball und Homophobie. Im Fußball herrsche ein Patriarchalisches Männerbild. „Das Klischee des typischen Schwulen passt demnach nicht in diese Sportart“, sagt Siebert. In nächster Zeit würde sich daran nichts ändern. Das gelte für viele konservative Berufe, wie Militär, Polizei und vor allem auch die Kirchen.

Die katholische Kirche beispielsweise verurteile das Ausleben von Homosexualität, sagt Hanno May, evangelischer Pfarrer aus Dortmund. Er selber ist auch schwul und lebt seit 1996 mit seinem Partner zusammen im Pfarrhaus. Diskriminierungen musste er im kirchlichen Raum bisher nicht erleiden, auch nicht von Seiten der Gemeinde.

Auf dem Land sehe das anders aus, sagt May. Dort würden schwule Pfarrer erst gar nicht ins Amt gewählt. May ist sicher: „Jesus hätte bestimmt nichts gegen Homosexuelle“, solange sie verantwortungsbewusst lebten. „Er predigte von der Liebe zum Menschen, zu Gott, zur Schöpfung, warum sollte er dann etwas gegen Schwule und Lesben haben?“

Das hilft Annika nicht weiter. Sie arbeitet als freie Dozentin bei der Caritas. Wenn es geht, hält sie ihre Homosexualität geheim. Wenn es sein muss, leugnet Annika alles.

Privat jedoch lebt sie ihre sexuelle Identität offen aus: Sie wohnt mit ihrer Partnerin zusammen, geht auf Lesben- und Schwulenpartys. Viel habe sich getan in den letzten Jahren. „Die meisten Menschen tolerieren Homosexualität, akzeptieren sie aber nicht“, kritisiert Annika.

Bis wirklich niemand mehr blöd guckt, keiner doofe Sprüche ablässt, das sei noch ein langer Weg, glaubt sie. „Erst wenn der Tag kommt, an dem keiner mehr danach fragt, und es egal ist, ob ich homo oder hetero bin. Dann werden wir alle gleich sein“, sagt sie und nickt.

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