Thema Lkw-Unfälle beim Fernfahrerstammtisch

Als Polizist unter "Elefanten"

Foto: CremerPress - Alexander Cremer

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Münster. 4370 Lkw-Unfälle auf Autobahnen in Nordrhein-Westfalen zählte die Polizei in im Jahr 2008. 45 Menschen verloren dabei ihr Leben. „Das Problem ist, dass es bei einem Unfall mit einem Lkw immer besonders schwere Unfallfolgen gibt”, sagt Wolfgang Baldes, Sprecher des NRW-Innenministeriums.

„Deshalb liegt unser besonderes Augenmerk darauf, derartige Unfälle zu verhindern.” Und deshalb setzen Politik und Polizei auf Prävention und Repression, auf Aktionen zur Ladungssicherung genauso wie auf Kontrollen von Lenk- und Ruhezeiten, Geschwindigkeitsüberprüfungen und Abstandsmessungen. Ein Baustein des Präventionsprogrammes sind zudem Fernfahrerstammtische: Hier haben Lkw-Fahrer die Chance, sich über aktuelle Themen informieren zu lassen, Erfahrungen auszutauschen oder einfach nur ihre Meinung loszuwerden. Wie beim monatlichen Fernfahrer-Stammtisch an der Raststätte Münsterland an der A1.

Für alle ist er hier nur „der Christoph”. Da ist es ganz egal, dass er einen grünen Uniform-Pullover mit drei Sternen auf den Schultern trägt und die anderen lockere Freizeitkleidung oder Trainingsanzüge. Und da ist es auch egal, ob es schon alte Bekannte sind, die aus der Umgebung stammen und seit Jahren hierhin kommen, oder ob neue Gäste, die das erste Mal dabei sind. So genannte „Durchreisende”, die nach dem Treffen im Erdgeschoss des Rasthofes zum Schlafen in ihren Lkw auf dem Parkplatz steigen. „Der Christoph” - alias Christoph Becker (52) - ist eigentlich Polizeihauptkommissar, Verkehrssicherheitsberater bei der Polizei Münster, und leitet diesen Stammtisch seit vier Jahren. Weil ihm der Austausch mit den Fernfahrern wichtig ist. Und weil er glaubt, dass so mancher Zusammenstoß verhindert werden könnte.

Im ersten Halbjahr ereigneten sich auf den Autobahnen des Polizeipräsidiums Münster 1673 Verkehrsunfälle. 403 davon - also 24 Prozent - wurden von Lkw verursacht. „Aber deren Beteiligung auf unseren Autobahnen liegt nur bei 15 Prozent”, sagt Becker und schüttelt den Kopf. „Das ist das Problem. Da müssen wir ran.” Und weil 34 Prozent der Unfallursache auf zu hohe Geschwindigkeit, Fehler beim Überholen und unzureichenden Sicherheitsabstand zurückzuführen sind, hat er dies zum Thema des Abends gemacht. „Welchen Abstand Ihr halten müsst, wisst Ihr alle”, gibt er zwar gleich zu Beginn zu. „Aber ich will Euch dafür sensibilisieren.” Deshalb zeigt er ihnen nicht nur schockierende Fotos von „typischen Abstandsunfällen”, sondern nennt auch Zahlen: „Wenn Ihr Tempo 80 fahrt und nur eine Sekunde nicht aufpasst - weil Ihr in die Karte schaut oder aufs Navi - legt Ihr 22 Meter im Blindflug zurück. Und unter günstigen Voraussetzungen kommt Ihr bei einer Vollbremsung erst nach 53 Metern zum Stehen.” Die rund 30 Lkw-Fahrer scheinen nachdenklich. Doch als die Bilder von Radargeräten und Abstandsmessungen der Polizei auftauchen, wird's wieder lauter im Raum. „Wen von Euch hat's schon getroffen?” fragt Becker - eher interessiert, denn schadenfroh. Fast die Hälfte der Hände geht in die Höhe. „Und? Einspruch eingelegt?” will der Polizeibeamte wissen. Einige nicken, einige schütteln den Kopf, einer sagt: „Öfter als oft.” Doch darüber mag Becker nicht lachen. „Dann solltest du vielleicht wirklich mal den Abstand überprüfen”, sagt er und wirkt auf einmal ganz ernst. Auch beim so genannten Elefantenrennen hört bei dem Verkehrssicherheitsberater der Spaß auf. „Ich gönne wirklich jedem, dass er an einem anderen vorbeifahren und etwas schneller vorankommen kann”, sagt er. „Aber wenn man über einen Kilometer lang eine Kette von mehr als 40 Fahrzeuge hinter sich herzieht, dann passieren einfach Unfälle. Weil die Autofahrer ungeduldig werden und es zu Drängeleien und Fahrstreifenwechseln kommt. Das ist nunmal ein Riesen-Problem.” Deshalb habe das Bundesverwaltungsgericht jetzt entschieden: Lkw dürfen nur überholen, wenn sie mehr als 10 km/h schneller sind - und wenn der Überholvorgang in 45 Sekunden abgeschlossen ist. „Jedes Überholen ist damit eigentlich unzulässig”, meint Becker. Ein Fahrer formuliert die Konsequenz mit anderen Worten: „Das können wir vergessen.”

Und auch, wenn Becker großes Verständnis für die Kritik der Trucker hat: Er steht auf der Seite der Sicherheit. „Vor zwei Jahren wurde hier das Überholverbot eingeführt”, erinenrt er. „Und jetzt mal ehrlich: Ist das denn solch ein großes Problem?” Seine Meinung nimmt er gleich vorweg. „Der gesamte Verkehr ist flüssiger geworden, die Unfallzahlen gehen herunter. Und jeder, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, der weiß: Es gibt einfach weniger Gefährdungspotenziale - und damit auch weniger Unfälle.” Niemand wagt zu widersprechen. Nur einer gibt zu bedenken: „Aber es gibt auch Pkw-Fahrer, die in Zeiten des teuren Sprits einen Lkw, der 90 fährt, mit 95 oder 98 überholt. Und der zieht auch eine Riesen-Schlange nach sich!” Doch auch da ist Christoph Becker optimistisch: „Das Problem werden wir lösen, wenn die Autobahn-Maut kommt”, ist er überzeugt. „Ich bin für die Pkw-Maut, da darf mich Herr Ramsauer gerne anrufen. Und Ihr werdet sehen: Mit dem Überholverbot hatte ich Recht - und mit der Maut werde ich auch Recht haben.”

Und dann wird es noch einmal richtig fröhlich beim Fernfahrer-Stammtisch: Da zeigt Becker aus dem Internet Fotos von unglaublichen Ladungssicherungen. Und schließlich - für den Gast - „unseren Lieblingsfilm”: von schlafenden Lkw-Fahrern beim Überholen. Aber wie gesagt: Nur ein lustiger Film. Zum Glück.

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