Als das Möhnetal zur Todesfalle wurde

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Möhnesee. 65 Reichsmark und 75 Pfennig liegen in kleinen Münzen auf einem Teller in der Vitrine des Heimatmuseums Niederense. Es war die letzte Kollekte, die Pfarrer Josef Berkenkopf seiner Gemeinde abnahm. ...

... Stunden später mähten gewaltige Wassermassen das Kloster Himmelpforten samt Kirche nieder. Für den Geistlichen, 1200 Zivilisten und Zwangsarbeiter gab es keine Rettung. Heute vor 65 Jahren erlebte der Kreis Soest seinen schwärzesten Kriegstag: In der Nacht zum 17. Mai 1943 bombardieren englische Lancaster-Maschinen die Möhnetalsperre. Clemens Köhler aus Niederense ist gerade zehn Jahre alt, als der Damm bricht.

Flut zermalmt, was sich in den Weg stellt

"Meine Mutter riss meinen Bruder und mich aus dem Schlaf. Durch das Fenster sahen wir ein Flugzeug, das so tief über unser Haus flog, dass die Wände zitterten. Uns war klar: Die wollen zur Talsperre!" Mit der Vernichtung der Wasserreserven soll die Kriegs- industrie im Ruhrgebiet geschwächt werden. Die Engländer nehmen mit ihren für diesen Zweck konstruierten Rollbomben auch Sorpe- und Edersee ins Visier.

Clemens Köhler verschanzt sich mit Mutter und Bruder im Keller des Hauses. Die Geräusche lassen ihn bis heute nicht los: "Es folgte eine Explosion, dann Rauschen und Bersten. Es wurde immer lauter." Nicht nur Clemens Köhler hört die riesige Welle auf Niederense zurollen. Auch der Nachbarsjunge Johannes Schulte spürt die Katastrophe: "Der Boden unter unseren Füßen zitterte."

Unaufhaltsam bahnen sich 140 Millionen Kubikmeter Wasser ihren Weg ins Möhnetal. Was sich ihnen entgegen stellt, wird zermalmt. Vom Kloster Himmelpforten bleiben nur die Fundamente. Die Flut reißt ganze Bäume raus, schleppt Waggons und Fahrzeuge mit, wickelt Schienen um Baumstämme und erschlägt Menschen Ein Gemeindemitglied versucht noch verzweifelt, Pfarrer Berkenkopf zu warnen. "Er schlug vergebens gegen die Tür des Pfarrhauses, bevor er angesichts des Wassers fliehen musste", weiß Johannes Schulte. Der Geistliche und seine Schwester ertrinken schlafend im Keller. Die Leiche der Haushälterin wird erst Tage später im Nachbarort angeschwemmt.

So gut wie chancenlos sind im Tal auch die Arbeiter aus Polen und Frankreich, die mehr oder minder zum Arbeitseinsatz im Reich gezwungen werden und hier in einem Lager untergebracht sind. Unter ihnen viele Frauen. Die Flut kommt so überraschend, dass sich die Meisten nicht retten können. Allein hier sterben über 600 Menschen. In ihrer Todesangst eng umschlungen tauchen viele der Frauen kilometerweit talabwärts auf - tot.

Paul Schulte, der Bruder von Johannes, kann nach einigen Stunden noch einen Polen aus den Fluten retten. "Splitterfasernackt. Die Strömung hatte seine Kleidung völlig zerrissen. Nur die Ärmelbündchen hingen noch um die Armgelenke. Sein Körper war von blauen Flecken überzogen", berichtet er.

Noch über Tage fließt es aus der Talsperre. Leichen werden bis nach Hagen geschwemmt. Das Hochwasser reicht bis in den Raum Essen.

Nach der großen Welle steht das Wasser in Niederense bis zu acht Meter tief. Johannes Schulte und Clemens Köhler haben Glück. Die Häuser ihrer Eltern liegen am Rande des Tals und entgehen der Flut knapp: "Vor der Einfahrt unseres Hofes hatte das Wasser Möbel, Schlamm und Holz angespült. Etwas weiter lagen zwanzig Tiere. Pferde, Schweine, Hühner - alle tot. Schrecklich", erinnert sich Schulte.

Zurück im Heimatmusem Niederense. Der Möhnesee-Katastrophe ist ein eigener Raum gewidmet. Das Kloster Himmelpforten lebt darin als Modell auf. Auf Regalen stehen Erinnerungsstücke aus der 800 Jahre alten Kirche. Eine Statue des Heiligen Franziskus hat es damals bis nach Schwerte gespült. In der Vitrine daneben liegen die Münzen der letzten Kollekte. "Der Kirchentresor wurde aus fünf Metern Tiefe ausgegraben", sagt Köhler. Sie erinnern daran, dass auch Niederense für den Eroberungskrieg der Nazis teuer bezahlen musste.

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