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Zukunft des Zirkus: So wird das Gaukler-Gewerbe wieder sexy

Frau der Ringe: Zirkusartistin Kelly Saabel (22) in Aktion.

Frau der Ringe: Zirkusartistin Kelly Saabel (22) in Aktion.

Foto: PETER WIELER

Düren.  Die neue Generation Zirkus soll das Gaukler-Gewerbe wieder attraktiv machen – dank Stars wie Kelly Saabel (22). Ein Zeltbesuch

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Klar, man könnte jetzt sagen, Kelly Saabel macht Handstand. Oder dass die 22-Jährige sich ganz gut verbiegen kann. Aber wer so etwas sagt, der nennt einen Ferrari wahrscheinlich auch Auto oder bezeichnet einen Château Lafite Rothschild 1887 als Wein. Denn Kelly macht Handbalancing im Zirkus, ist Kontorsionistin, eine „Schlangenfrau“, wie das zwischen Rhein und Ruhr heißt. Und nicht nur eine der besten, sondern auch eine der attraktivsten. In NRW macht sich die junge Italienerin fit für ihre neuen Auftritte – und mit ihr die ganze Familie. Artistenleben im Jahr 2019.

Zum Vorschein kommt ein Hauch von Nichts

Mit einem Boot kommt sie in die Manege „gerudert“, schiebt die Kapuze zurück, die das Gesicht verbirgt, wirft den weiten Mantel schließlich ganz weg. Zum Vorschein kommt ein Hauch von Nichts. Ein wenig fleischfarbener Stoff, eine paar dünne Tücher und dazu ein Paar spitze Ohren. Wie man sich eine Elfe halt so vorstellt. Zwei Stäbe mit kleinen, hölzernen Auflageflächen steckt sie in den Boden. Auf ihnen stützt sie sich ab beim Handstand. Mal beidhändig, später nur noch mit einer Hand. Mal ganz klassisch, Kopf nach unten, Beine in die Höhe. Mal für Könner, Gesicht nach vorne, Oberkörper gerade und die langen Beine im Voll-Spagat. Ein Körper, der wirkt, als habe seine Besitzerin ihre Knochen an der Garderobe abgegeben.

Sekunden später platzt ein Luftballon

Zum grandiosen Finale fasst Kelly mit dem rechten Fuß einen großen Bogen, nimmt mit dem linken einen langen Pfeil, geht wieder in den Handstand und verbiegt sich, bis sie den Pfeil in die Sehne einlegen und die Sehne spannen kann. Sekunden später platzt ein gelber Luftballon auf einer viele Meter entfernt stehenden Zielscheibe. Geschafft. Wieder einmal. Wie eigentlich immer.

Szenenwechsel. Ein Gewerbegebiet am Rande von Düren. Grau ist der Himmel, jung ist der Tag. Lkw parken auf dem umzäunten Gelände, aus einer Halle dringt leises Klopfen, hinten bellen ein paar Hunde. Drei Stufen geht es hoch zu Kellys Wohnmobil, das sie sich mit ihrer jüngeren Schwester Jennifer (15) teilt. Etwas verschlafen öffnet sie die Tür. Nein, sagt sie lächelnd, es sei nicht spät geworden letzte Nacht, sie schlafe nur sehr viel in diesen Tagen, ruhe sich aus. „Zum ersten Mal in diesem Jahr.“ Und bevor es wieder los geht im Dezember und dann über Weihnachten und weit hinein ins neue Jahr.

Vor dem Fenster Elefanten

Kelly macht Kaffee in einer kleinen Küchenzeile. Gleich daneben stehen Sessel und Sofa, in der Ecke ein Flachbildschirm. Hinter dem Fahrerhaus ist das „Schlafzimmer“, stehen Schränke, hängen Regale für ein paar Bücher. „Ist nicht viel Platz hier“, bestätigt die Artistin. Sie kann damit umgehen. „Für jedes neue Teil kommt ein altes weg.“ So kommt sie klar.

Sie kennt ja kein anderes Leben als das im Wohnmobil. Schon lange vor dem ersten Auftritt, den sie mit 14 Jahren hat. Weil Alexandra, die große Schwester, so krank ist, dass sie nicht auftreten kann. Was selten vorkommt. Grippe, Magenverstimmung – „eigentlich tritt ein Artist immer auf, wenn es irgendwie geht.“ Damals ging es nicht. „Dann machst du die Show“, sagt der Direktor „Du trainierst doch schon seit einiger Zeit.“ Kelly lächelt. „Hat geklappt.“

Seit Generationen ist die Familie in Sachen Zirkus unterwegs. Der Opa mütterlicherseits hatte in Italien einen Zirkus, ihr Opa väterlicherseits einen in Deutschland. Logisch, dass Kelly und ihre Geschwister erst an, dann in der Manege groß wurden. Mit allen Vorteilen, die das so mit sich bringt.

„Wenn ich früher aus dem Fenster gesehen habe, habe ich immer auf Elefanten geguckt.“ Und mittlerweile, gerade knapp über 20 Jahre alt, „kenne ich schon fast ganz Europa“. Der stete Wechsel hat sie geprägt: „Länger als ein paar Monate halte ich es mittlerweile nicht mehr aus an einem Ort.“ Im Haus der Familie auf Sizilien war sie schon seit ein paar Jahren nicht mehr. „Immer war eine Tournee.“

Klar hat so ein Leben auch Nachteile. „Ich war an Hunderten Schulen“, erinnert sich Kelly. Immer da, wo der Zirkus gerade gastierte. Manchmal eine Woche, manchmal einen Tag. Deshalb hat sie auch den Führerschein in Etappen gemacht. „In jeder Stadt einen neuen Fahrlehrer.“ Wundern tun sich darüber nur Außenstehende. „Bei Artisten ist das ganz normal.“

Kelly hat es sich mit einer Tasse Kaffee im Sessel bequem gemacht, Jennifer auf dem Sofa. Sie macht gerade die Erfahrungen, die ihre großen Schwestern längst hinter sich haben. „Freundschaften sind schwierig“, weiß sie. „Aber sie sind einfacher als früher“, stellt Kelly klar. Wo man sich einst schnell wieder völlig aus den Augen verlor, bleibt man heute über What’s App, Facebook und Co. in Kontakt.

Wenn aus Freundschaft Liebe wird, wird es allerdings auch im Jahr 2019 kompliziert.

Einmal Zirkus, immer Zirkus

Zumindest, wenn einer der Partner nicht aus dem Dunstkreis der Manege stammt. „Dann muss einer von beiden seine Welt verlassen“, sagt Kelly. Wer das ist? Dazu nur so viel: „90 Prozent der Menschen, die im Zirkus geboren werden, bleiben für immer im Zirkus.“

Wenn man genau ist, bleiben sie in der Branche. Denn Zirkusse gibt es ja immer weniger. Auch Familie Saabel hat schon lange keinen mehr. Kelly, ihre Schwestern und Mutter Tiziana werden von den Großen der Zunft engagiert. Roncalli, Krone, Busch – kaum ein großer Zirkus, für den sie noch nicht aufgetreten sind.

Wo es ihr am besten gefallen hat? „Ungarn“, sagt Kelly nach kurzem überlegen. Und in Skandinavien. Auch weil der Zirkus dort einen ganz anderen Stellenwert hat. „Wenn man dort sagt, was man macht, sind die Menschen völlig begeistert.“ In Deutschland sind sie das nicht immer. „Da haben Zirkusleute für manche noch einen schlechten Ruf.“

Wie lange sie den Job noch machen will? Kelly überlegt ein wenig länger. „Kommt darauf an“, sagt sie dann. Darauf, wie der Körper mitspielt. Bisher gibt es da keine Probleme, merkt sie kaum etwas von den unglaublichen Belastungen, denen sie ihre Sehnen und Gelenke immer wieder aussetzt – im täglichen Training und bei jeder Show. Doch sie weiß, dass das nicht ewig so bleiben wird. „Aber deshalb muss man den Zirkus ja nicht verlassen.“

„Kleine Kunstwerke“ zum Anziehen

Mutter Tiziana (53) und Schwester Alexandra (30) haben es vorgemacht, sind keine Schlangenfrauen mehr, machen stattdessen Hundedressur und eine Magie-Show. Alexandra macht aber auch in wochenlanger Handarbeit Kostüme. Für die Familie ebenso wie für Kollegen. Nicht irgendwelche Kostüme. „Kleine Kunstwerke“, sagt Vater Bernhard, der gegen Mittag mal kurz vorbeischaut im Wohnmobil. In einem US-amerikanischen Livestyle-Magazin ist sie dafür bei der Wahl der zehn besten Kostüm-Designer auf Platz vier gekommen.

„Ich weiß, was Artisten brauchen, weil ich selbst Artistin bin“, wiegelt Alexandra Saabel ab. Kritik an ihrer Arbeit gab es bisher nur von der Mutter. Viel zu gewagt seien die Outfits für die Töchter, meckerte sie. Man könne doch nicht fast nackt in der Manege stehen. So gehe das nicht. „Basta.“

„Irgendwann haben wir dann alte Fotos von den Auftritten meiner Mutter gefunden“, erzählt Kelly. Nur ein Hauch von Höschen und Glitzerapplikationen auf den Brüsten. „Viel weniger jedenfalls, als wir heute tragen. Seitdem ist Ruhe.“

„Wer ist der Kerl?“

An anderer Stelle hat Mama noch nicht aufgegeben. Vor einiger Zeit hat Kelly sie zu einem Gespräch unter vier Augen in ihr Wohnzimmer gebeten. „Wer ist der Kerl“, fragt Mama. „Ich bin nicht schwanger“, beruhigt sie Kelly, „ich bin Vegetarierin geworden.“ Das macht es kaum besser. Ihr Kind will die nach altem italienischem Rezept zubereitete Lasagne künftig verschmähen? „Grande Katastrophe“, findet Tiziana.

Aber Kelly will ja fit bleiben. Und der mit den Füßen abgeschossene Pfeil, er soll ja nicht das Maß aller Dinge bleiben. „Ich arbeite schon wieder an einem neuen Programm.“ Noch schwieriger, noch spektakulärer. Das sei bei fast allen Artisten so, sagt Kelly. „Für uns gibt es kein Limit, nichts was wir nicht versuchen.“

Menschen statt Tiere

Mehr als dreihundert Zirkusse gibt es in Deutschland. Sie ringen ums Überleben. Steigende Kosten, Tierschützer und EU-Richtlinien sind schuld. Aber auch das wachsende Kultur- und Freizeitangebot ist ein Problem. Viele Betriebe haben schon aufgegeben.
Am 13. Oktober 2005 verabschiedete das EU-Parlament eine Entschließung, die den Rang des Zirkus als europäisches Kulturgut bekräftigte. Viele Zirkusse verzichten mittlerweile auf Tier-Nummern. Schon vor vielen Jahren hat beispielsweise Roncalli seine Wildtierdressuren eingemottet. Zirkuschef Bernhard Paul beendete 2018 auch die Pferdedressur und damit seine letzte Tiernummer.

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