ASMR

Wieso ASMR-Videos beim Einschlafen und Entspannen helfen

Wie bei einer Kosmetikbehandlung im Spa: Bianka Schröter macht Youtube-Videos zum Thema ASMR. Die Krefelderin streicht mit Pinseln über die Kamera und hilft ihren Zuschauern damit, zu entspannen.

Wie bei einer Kosmetikbehandlung im Spa: Bianka Schröter macht Youtube-Videos zum Thema ASMR. Die Krefelderin streicht mit Pinseln über die Kamera und hilft ihren Zuschauern damit, zu entspannen.

Foto: Bianka Schröter

Krefeld.   Bianka Schröter macht Youtube-Videos, die tiefenentspannen: ASMR ist ein Phänomen aus den USA, das auch bei uns immer beliebter wird.

Merken Sie das auch? Es fängt an zu kribbeln, direkt hinter den Ohren, breitet sich wohlig über den Hinterkopf aus, wandert weiter runter in den Nacken, hinein ins Schulterblatt, bis in die Arme. Ein kleiner Schauer begleitet das warme, entspannende, angenehme Gefühl.

Ausgelöst wird dieses Gefühl durch auditive oder visuelle Reize, die über Hörbücher oder – um einiges beliebter – YouTube-Videos vermittelt werden. Der Rest passiert durch die eigene Vorstellungskraft, wenn man sich darauf einlassen kann. Bianka Schröter macht genau diese Videos im Internet; verstörend für die Uneingeweihten, lieblich für die Geräusch-Junkies, spielt sie mal mit Pailletten-Kissen oder streicht mit Make-Up-Pinseln über ihr Kameraobjektiv oder das Mikrofon.

Das Phänomen ASMR kommt aus Amerika

Beim „Spa-Rollenspiel“ gibt sie ihren Zuschauern beispielsweise das Gefühl, bei einer beruhigenden Gesichtsbehandlung zu sein, spielt mit Cremes herum, „reinigt“ das Gesicht mit Wattepads, spricht mit leiser Stimme.

Das Phänomen, das vor wenigen Jahren aus den USA zu uns herüberkam, erlangt immer mehr Aufmerksamkeit: „Autonomous Sensory Meridian Response“, kurz ASMR. Eine offizielle deutsche Übersetzung gibt es noch nicht, doch ein paar wenige Wissenschaftler erklären den wunderlichen Trend als jenes Kribbeln am Kopf, das wie eine leichte Berührung der Haut wahrgenommen wird – obwohl es gar keine „echte“ Berührung ist.

Kaum erforscht – und doch so wirksam?

„Bei ASMR passiert vieles durch Fantasie“, sagt die 45-jährige Bianka Schröter aus Krefeld, die für ihren YouTube-Kanal „Gentle Voice ASMR“ mehrmals pro Woche Videos dieser Art dreht und ins Internet stellt. „Was im Vordergrund steht, ist die Entspannung.“ Denn die Gänsehaut, das Prickeln oder die Schauer, auf Englisch „Tingles“ genannt, die die Videos auslösen, sind beliebt, um Stress abzubauen, oder beim Einschlafen zu helfen – einige schwören sogar auf die Wirkung bei Angstattacken oder Depressionen.

Kaum erforscht und doch so wirksam? „Es ist schwer, das zu erklären, gerade wenn man nicht für die ‚Trigger‘ empfänglich ist“, erklärt sie. „Natürlich klingt das für viele erst einmal verrückt. Doch im Grunde genommen geht es um etwas, das wir alle brauchen: menschliche Nähe.“

Sprechen, Singen, tropfendes Wasser

Die „Trigger“ sind die Auslöser des gewünschten Gefühls und können die unterschiedlichsten Dinge sein: leises oder lautes Fingertappen, tropfendes Wasser, Gesang oder leises Sprechen – sogar Mund- bzw. Essgeräusche sollen manche Menschen tiefenentspannen.

Auch für Bianka Schröter war ASMR ein Buch mit sieben Siegeln, bis sie Ende 2016 durch Zufall auf ein solches Video stößt und sofort darauf reagiert. „Ab da war es um mich geschehen, ich habe ein Video nach dem nächsten geschaut, monatelang. Weil es mir so gut getan hat.“ Sie informiert sich über ASMR und sucht nach YouTubern, die ihr besonders gut gefallen, denn „jeder muss das finden, was bei ihm am besten funktioniert.“ Die Videos genießt man am besten in Stereo über Kopfhörer.

Das Gefühl, dass es im eigenen Gesicht passiert

Bianka Schröter ist begeistert von der Community im Netz, alle sind nett, hilfsbereit, liebevoll. „Ich wollte auch Videos machen“, erinnert sie sich. Um etwas zurückzugeben. „Viele Menschen, die ASMR für sich nutzen, sehnen sich nach Zwischenmenschlichkeit. Und die schaffe ich gerne.“ Besonders beliebt sind deshalb Rollenspiele. Eine Spezialität von Bianka Schröter, die als gelernte Einzelhandelskauffrau besonders gerne Rollenspiele mit Verkaufserlebnissen dreht.

„Es geht darum, Vertrautheit zu schaffen, dem Zuschauer das Gefühl zu geben, man ist gerade nur für ihn da.“ Also beispielsweise mit Pinseln über die Kamera streichen, um den Eindruck zu erwecken, es würde im Gesicht des Zuschauers passieren. Es sind simple Gesten in dargestellten Alltagssituationen und doch bewegen sie viel – schaffen Sicherheit, Liebe, Geborgenheit.

„Es fehlt den Menschen an Nähe“

youtube asmr

Dinge, die vielen Menschen im Alltag zu fehlen scheinen. Die ASMRtistin, wie sich die Produzenten der Videos nennen, genießt die Kreativität, ist immer auf der Suche nach neuen Geräuschen oder Ideen für ihre Videos. Seit 2017 ist Bianka Schröter mittlerweile auf YouTube vertreten.

Rund 5600 Menschen folgen ihr auf der Plattform, dreimal pro Woche lädt sie ein neues ASMR-Video hoch. Der Lohn sind Likes und rührende Reaktionen. „Die Kommentare sind manchmal herzzerreißend. Studenten schreiben mir, dass sie mit meinen Videos besser für ihre Prüfungen lernen können. Andere schlafen schneller und tiefer“, betont sie. „Das Gefühl, dass ich anderen Leuten helfen kann, gibt mir unendlich viel. Es zeigt aber auch, wie viele Menschen da draußen sind, denen es an Nähe in ihrem Leben fehlt.“

>> Dominique Bujok ist seit Jahren Fan von ASMR-Videos

Wenn Dominique Bujok von ihrer Arbeit als Heilerziehungspflegerin in einem Heim für behinderte Menschen kommt, dann geht es für die 29-Jährige erst einmal auf die Couch. Entspannung soll es sein, schnell und wirksam. Wovon viele träumen, die mit dem Kopf ihren Schreibtisch einfach nicht verlassen können, ist für Dominique kein Problem. Sie schaut ASMR-Videos, um den stressigen Alltag zu vergessen, abzuschalten.

„Für Menschen, die darauf reagieren und sich auf die Videos einlassen können, ist es eine wahnsinnige Hilfe“, erklärt die Duisburgerin. Noch ist die deutsche ASMR-Community recht klein, auch wenn es mittlerweile weltweit Menschen gibt, die Videos produzieren und konsumieren. „Dabei sollten viel mehr Menschen das Ganze kennenlernen und ausprobieren, denn es ist einfach und wirkt.“

Videos zum Einschlafen

Das klappt für die alleinstehende Dominique nicht nur nach einem anstrengenden Arbeitstag, sondern auch wenn sie sich alleine fühlt, einfach mal einen schlechten Tag hat. „Nach einer Zeit bekommt man aber eine gewisse Immunität, manche Videos funktionieren dann nicht mehr so gut“, sagt sie. „Dafür gibt es aber immer noch ein Video, das ich noch nie bis zum Ende gesehen habe, weil ich immer vorher einschlafe.“ Gerne lässt sie sich von asiatischen YouTubern in eine andere Kultur entführen. „Das Wichtigste für mich ist die Ausstrahlung der Person in den Videos. Es muss passen, ich muss mich wohlfühlen können.“

Das reine Abarbeiten von den sogenannten „Triggern“ in Videos findet sie anstrengend, auch Ess-Geräusche entspannen sie nicht. „Ich mag lieber die Rollenspiele, wie zum Beispiel die Spa-Videos von Bianka, wo ich wirklich das Gefühl habe, dass es um mich geht.“ Sie bemerkt, dass das Interesse an ASMR immer größer wird. „Auch die Akzeptanz kommt langsam, ich muss nicht mehr so oft gegen Vorurteile ankämpfen.“ Und wer nicht kämpfen muss, dem bleibt schließlich auch mehr Zeit zum Abschalten.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben