Zeit

Wie wir die Zeit empfinden: Jeder tickt ein bisschen anders

80 Minuten: Für einen Spielfilm relativ kurz, für eine Zugverspätung relativ lang.

80 Minuten: Für einen Spielfilm relativ kurz, für eine Zugverspätung relativ lang.

Foto: Angelika Warmuth/dpa

Bochum.   Der Tag hat 1440 Minuten. Wie schnell sie vergehen, nehmen wir trotzdem unterschiedlich wahr. Auch beim Warten. Ohnehin ist Zeit relativ.

„Ich rufe dich gleich zurück!“, „Bis demnächst!“ oder „Lass’ uns bald wieder treffen!“. Sätze wie diese hören wir täglich oder wir benutzen sie selbst. Aber wann ist das? Dieses „gleich“, „demnächst“ oder „bald“? Während eine Minute 60 Sekunden hat, eine Stunde 60 Minuten und ein Tag 24 Stunden, gibt es für diese Zeitintervalle keine feste Definition. „Worte sind Krücken für das Zeitempfinden“, schreibt der Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem bei Fischer erschienenen Bestseller „Zeit: Der Stoff, aus dem das Leben ist“. Die sich immer dann als wenig tragfähig erweisen, wenn wir warten.

Darüber, wie lange man auf ein „gleich“ wartet oder bereit ist, darauf zu warten, gibt es keine Erkenntnisse. Weil jeder von uns anders tickt. Zeit kann rasen oder stocken, sich in die Länge ziehen oder sie kann schrumpfen. Ihre Wahrnehmung ist subjektiv. Aber spielt auch eine Rolle, in welchen Zeiten wir leben und in welcher Form von Gesellschaft? Hat sich unser Empfinden von Zeit verändert? Gehen wir anders damit um, als unsere Vorfahren?

Zeit ist Geld - das weiß auch die Wissenschaft

„Zweifellos. Spätestens mit Beginn der Industrialisierung wurde Zeit mit einem in Geld fassbaren Wert versehen. Ein immer höherer Spezialisierungsgrad, der sich in zunehmender Arbeitsteilung äußerte, veränderte Arbeitstechniken, ein stark gestiegenes Bildungsniveau und eine immer stärkere Individualisierung – all das hatte großen Einfluss auf die Menschen“, sagt Nadine Schöneck-Voß. Die Professorin für Sozialwissenschaften stammt aus Neuwied, lebt aber in Bochum. Schon als Zehnjährige wollte sie dort studieren: „Wegen Herbert Grönemeyer, der meine erste große Liebe war.“

An der Ruhr-Uni Bochum begann ihre akademische Laufbahn, nach weiteren internationalen Stationen ist sie seit 2016 Professorin für „Soziologie und Empirische Sozialforschung“ an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Die Zeitthematik hat sie durch ihre gesamten Forschungsaktivitäten begleitet. Mit Hilfe von Umfragen und Interviews untersucht sie, wie Menschen, die stets eingebettet in eine Gesellschaft sind, Zeit erleben, wie sie darüber denken und entsprechend mit ihr umgehen.

Pünktlichkeit gehört zu den Leitorientierungen

„Die heute in unserem Kulturkreis lebenden Generationen sind mit einem linearen, an der Uhrzeit ausgerichteten Zeitverständnis und entsprechenden Leitorientierungen, die darauf aufbauen, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, aufgewachsen“, sagt die 43-Jährige. Dass wir uns durch die stark gewachsene räumliche Mobilität neue Möglichkeiten erschlossen haben, sei eigentlich ein Gewinn: „Aber Mobilität kostet auch Zeit. Jeder Pendler weiß das.“ Ein nicht minder zweischneidiges Schwert: die rasante digitale Entwicklung – immer auf dem neuesten Stand und überall dabei: „Aber um den Preis der permanenten Erreichbarkeit. Der Kreis von Menschen, mit denen wir irgendwie verbunden sind, hat sich unglaublich vergrößert. Wir glauben, ständig auf unser Smartphone schauen zu müssen. Das ist erst seit zehn Jahren so, es gilt abzuwarten, welche Langzeitwirkungen das hat.“

Viele Faktoren bestimmen die Zeit

Ob sich jemand mit sich und der Zeit, die ihm zur Verfügung steht, und damit, wie er sie verbringt, wohlfühlt, hängt von vielen Faktoren ab: „Bin ich Mann oder Frau, berufstätig oder nicht, alt oder jung, lebe ich in einer Beziehung oder alleine? Habe ich Kinder? In welcher konkreten Situation befinde ich mich: Genieße ich etwas oder verursacht es mir Unwohlsein? Die meisten Menschen werden lieber bei guten Freunden sitzen als beispielsweise auf dem Zahnarztstuhl.“ Menschen können auch ein und dieselbe Tätigkeit ganz unterschiedlich erleben: „Für Pilzsammler mag die Zeit im Wald wie im Flug vergehen, für den Briefmarkenliebhaber mag diese Zeit durch Langeweile gekennzeichnet sein.“

Tatsächlich ist Zeit relativ. Auch wenn sie, rein rechnerisch, sehr gerecht verteilt ist: „Jedem von uns stehen 1440 Minuten am Tag zu Verfügung. Nicht mehr und nicht weniger. Aber wofür verwenden wir sie?“ Die oft zitierte Work/Life-Balance sei da ein extrem schwammiger, sehr diffuser Begriff: „Man unterstellt damit einerseits, dass ,Work’ etwas sehr Lästiges ist, andererseits beschränkt sich der Begriff allzu leicht auf die reine bezahlte Erwerbstätigkeit. Es gibt aber, fernab davon, auch andere Pflichten wie etwa Pflege, Kindererziehung, ein Ehrenamt – all das schränkt die wirklich frei verfügbare Zeit ein.“ Und so neu ist das, was sich hinter dem modischen Begriffspaar verbirgt, auch nicht: „Jeder, auch wenn er nicht darüber nachdenkt, versucht auszutarieren zwischen dem, was bei ihm Wohlgefühl auslöst und dem, was er tun muss oder nicht so gerne tut.“

Zeitempfinden ist immer subjektiv

Auch auf Sätze wie „Rufe dich gleich zurück!“, „Bis demnächst!“ oder „Lass’ uns bald wieder treffen!“ lassen sich diese Erkenntnisse anwenden. Weil das Empfinden, wie lange „gleich“, „demnächst“ oder „bald“ dauern kann, darf oder sollte, gleichfalls vom subjektiven Zeitempfinden des Adressaten abhängt. Wie fühlt er sich gerade? Sitzt er auf glühenden Kohlen, weil der Rückruf dringend erforderlich ist? Erwartet er ein Wiedersehen mit Herzklopfen? Oder versteht er die Aufforderung zu neuerlicher, gemeinsamer Unternehmung nur als Floskel, die beim Gegenüber Wohlbefinden auslösen soll?

Wobei das Hinauszögern von Verabredungen durchaus Pluspunkte einbringen kann. „Keine Zeit, tut mir leid“ gilt nicht ausschließlich als Zeichen von echter Überlastung, sondern auch als Indikator für Erfolg: „Es ist zu einer Art Statussymbol, das man nicht kaufen kann, geworden. Wer dagegen zugibt, viel Zeit zu haben, macht sich in unserer durch Schnelllebigkeit und Eile geprägten Gesellschaft rasch verdächtig.“ Früher hieß es: „Wer rastet, der rostet“. Heute zählt, wer stressfreier lebt, womöglich schon in jungen Jahren zum alten Eisen.

>>>Stau, Wartezimmer: Womit wir Zeit verbringen

Schlafen: Im Laufe unseres Lebens verbringen wir, eine Lebenserwartung von 81 Jahren vorausgesetzt, 24 Jahre und vier Monate schlafend im Bett. Oder auf der Couch, am Arbeitsplatz oder...

Arbeiten: Immerhin acht Jahre ohne Pause nimmt der Beruf in Anspruch.

Kochen: Zwei Jahre und zwei Monate stehen wir am Herd. Fürs Essen nehmen wir uns mehr Zeit: circa fünf Jahre.

Warten: Wie das Online-Portal Kalender-Uhrzeit.de ermittelt hat, stehen wir jährlich sechs Stunden wartend an Kassen von Supermärkten, wir sitzen sechs Stunden und 48 Minuten in Wartezimmern von Ärzten, das Warten darauf, dass unsere Zähne endlich fertig geputzt sind, kostet uns erstaunliche 36,5 Stunden pro Jahr vor dem Badezimmerspiegel. Und die Verkehrsdichte auf deutschen Straßen fordert ihren Tribut: 38 Stunden verbringen wir pro Jahr im Stau. Größter Zeitfresser: der PC. Bis zu 156 Stunden warten wir darauf, dass er etwas tut.

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