Naturrituale

Wie Menschen im Wald zu sich selbst finden können

Zeit zum Nachdenken – oder auch zum Nicht-Denken: Anne-Maria Apelt im Mülheimer Uhlenhorst.

Zeit zum Nachdenken – oder auch zum Nicht-Denken: Anne-Maria Apelt im Mülheimer Uhlenhorst.

Foto: Ralf Rottmann

Anne-Maria Apelt begleitet Menschen auf Sinnsuche in den Wald. Ihre Erfahrung zeigt: In der Natur findet irgendwann jeder, was er braucht.

„Schau, ein Gruß!“, auf dem weichen Waldboden liegt eine Feder. Braune Streifen, ein Raubvogel. Sie hebt sie vorsichtig auf, „vielleicht magst du sie mitnehmen“. Mit auf die Reise – wohin?

Anne-Maria Apelt nennt den Platz eine „Kathedrale“, hierher hat sie schon oft Menschen geführt, die neue Wege suchten. Die Fichten stehen weit auseinander, ihre Nadeln bilden einen Teppich unter den Füßen, die Sonne schickt lange Lichtstrahlen ins Halbdunkel. Ein Ort tief im Mülheimer Wald, der letzte Sturm hat einige Bäume umgeweht, ihre Wurzeln zeigen in den Himmel.

Hier soll der Mensch der Natur begegnen und in ihr sich selbst. Von hier zieht er aus, durch ein symbolisches Tor und mit einer Denkaufgabe: Um Energie soll es gehen, die die Natur wieder zum Leben erweckt, die den Körper durchströmt, um Dankbarkeit. Oft kommen Menschen mit einer Lebensfrage in den Wald, heute hat Anne-Maria Apelt diesen Gedanken mitgebracht.

Viele sehnen sich nach Verbundenheit mit der Natur

Eine kleine Lampe brennt, ab jetzt soll nur die Natur sprechen. Kein Mensch, kein Handy, eine Auszeit ohne Zeitdruck. Anne-Maria Apelt begleitet ein Naturritual, die 37-Jährige hat eingeladen, „dein Herz in die Natur zu setzen“, wie es die alten Kulturen der Welt getan haben: in der „Stille des Waldes“.

Im Wald ist es nie still. Unter den Füßen raschelt welker Farn, hoch oben knarzt eine Fichte im Wind, in der Nähe schlägt ein Specht. Bienen summen, Vögel singen, sie zwitschern lauter als alle Gedanken.

„Andere suchen Antworten bei Google“ oder bei Gott, sagt Anne-Maria Apelt, und es gibt diese wachsende Zahl von Menschen, die eine Grundsehnsucht spüren nach Verbundenheit mit der Natur. Die bei Naturritualen drängende Fragen in den Wald tragen und dort heilsame Erfahrungen machen. Und es gibt immer mehr, die daraus eine Lebensaufgabe machen, Naturrituale anbieten auch für andere. „Visionssuchen“ nennen sie das.

Auch weil Apelt selbst erlebt hat, wie „die Natur mir mein Innen gezeigt hat“, glaubt sie daran: dass da draußen etwas wartet, „das größer ist als wir, in das ich mich hineinfallen lassen kann und wovon ich gehalten werde“, zu dem sie sich aber auch zugehörig fühlt. „Ich bin ein Teil vom großen Ganzen.“

Der Wald ist auch ein Ort zum Abschied nehmen

Dabei gehört die Essenerin mit Wurzeln in Brandenburg nicht zu denen, die „waldbaden“ oder Bäume umarmen, sie mag die „Verzweckung“ nicht: etwas zu tun, damit etwas passiert. Sie ist überzeugt: „Die Natur ist gastfreundlich, zuverlässig, unbestechlich, echt, reich und heilsam.“ – „Man findet in ihr, was man braucht.“

„Die Gesellen führen dich“, hat Anne-Maria gesagt, sie meinte die Fichten, aber dann sind es die Sonnenstrahlen, die zu einer Lichtung leiten. Hell ist es hier, warm, die jungen Triebe der Bäume sind noch weich, der Farn rollt sich gerade erst aus, Spinnenfäden glitzern. Von unten sieht die Baumkrone aus wie ein Schirm. Nach einer Stunde ist der Fuß unter den Tannennadeln eingeschlafen.

Oft begleitet Anne-Maria Apelt Menschen für drei Tage und drei Nächte in die Natur, sie lässt sie gehen und fängt sie wieder auf. Sie erlebt viele starke Gefühle, aber „das Schönste ist die Versöhnung mit der eigenen Geschichte“. Mit Wunden und Verlusten. Sie hat starke Männer gesehen, die Schwäche kennenlernten, eine Frau voller Traurigkeit, die zurückkehrte „mit einer Schatzkiste voller Freude, an der sie sich festhalten kann“. Viele hat sie gesehen, die Abschied nahmen im Wald: von Lebensphasen, von Beziehungen, von Verstorbenen, von Rollen.

Die schönsten Geschichten, die mit den stärksten Brüchen, hat sie aufgeschrieben in einem Buch: „Grüne Wunder erleben“ erzählt von Menschen, die in der Auseinandersetzung mit der Natur neue Kraft fanden und in ihrem Leben noch einmal abgebogen sind. Sie nennt sie „Lebensentdeckungsreisen“.

Anne-Maria Apelt ist sich sicher: Draußen gibt es Antworten

Die Gedanken kreisen, sie drehen sich um Kraft, Leistung und Erwartung, aber meistens laufen sie davon. „Die Frau hat das Licht gesucht“, wird Anne-Maria später sagen. Fremd, so allein zu sein mit sich selbst, an einem verbotenen Ort – dabei gibt es die Genehmigung vom Landesbetrieb Wald und Holz: Für das Ritual dürfen wir vom Weg abkommen. „Die Frau erkennt, dass hier alles darf.“

Anne-Maria Apelt hat zugehört, nun erzählt sie die Auszeit noch einmal nach. Keine Interpretation, kein Rat, schon gar keine Therapie, sie nennt es „biographische Arbeit“. Kein Visionssuche-Leiter zieht für seinen Klienten Schlüsse. Er selbst soll bewerten: „Ich habe mich damit beschäftigt, mal gucken, was daraus wird.“ Die Bedeutung, sagt die 37-Jährige und lacht ihr fröhliches Lachen, „sagt dir kein Baum und kein Eichhörnchen, die musst du selbst finden“.

In tiefer Ruhe und Barfuß-Schuhen sitzt die gelernte Gesundheitswissenschaftlerin auf dem Boden mitten im Wald, als gehöre sie dorthin. „Die große Stärke von Naturritualen“, schreibt sie in ihrem Buch, liege darin, „dass wir Menschen uns in die Wildnis begeben, in der wir nicht mehr beheimatet sind und uns ihr einfach anvertrauen müssen“. Wer mit Neugier und Bereitschaft zur Veränderung in den Wald gehe, „bei dem wachsen Respekt und Demut“. Anne-Maria Apelt hat tiefes Vertrauen in die Natur, sie ist ihre spirituelle Quelle. „Ich kann es nicht beweisen, aber ich lebe in der Annahme, dass es dort draußen Antworten gibt.“

Die Feder liegt immer noch in der linken Hand. Ob man damit schreiben kann? Was will sie wohl sagen? „Schwing dich auf zu neuen Höhen“, schlägt Anne-Maria vor. „Lass dein Federkleid wachsen, damit du besser fliegen kannst. Friss die Angstmaus!“ Sie lacht. Vielleicht aber auch nur: „Du magst Raubvögel.“ Oder: nichts. Auch „Nichts“ kann zuweilen viel sein.

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