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Wie Draht die Welt zusammenhält – das Drahtmuseum in Altena

Kettenhemd und Supraleiter: Zu Besuch im Drahtmuseum

Ein Leben ohne Draht ist nicht vorstellbar. Im Deutschen Drahtmuseum in Altena kann man entdecken, wie Draht hergestellt wird und wo er überall eingesetzt wird.

Ein Leben ohne Draht ist nicht vorstellbar. Im Deutschen Drahtmuseum in Altena kann man entdecken, wie Draht hergestellt wird und wo er überall eingesetzt wird.

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Altena.   Wir begegnen ihm täglich, doch nehmen ihn kaum wahr: Draht wird universell eingesetzt. Der Märkische Kreis widmet ihm in Altena ein Museum.

Wie oft haben Sie in letzter Zeit an Draht gedacht? Man darf mutmaßen: nicht allzu oft. Draht ist eine meist metallische Erscheinung, über die man sich im Alltag höchstens dann Gedanken macht, wenn man einen Maschendrahtzaun aufstellt, wuchernde Balkonpflanzen zu bändigen versucht oder die Butterbrottüte verschließt. Umgekehrt: Stellen Sie sich mal eine Welt ohne Draht vor!

Wir stünden vor einem einzigen Trümmerhaufen: Gebäude würden zusammenkrachen, Brücken einstürzen, Autos und Flugzeuge auseinanderfallen, kein Strom, kein künstliches Licht, kein Telefon, keine Computer… Selbst drahtlose Internetverbindungen wären ohne Draht nicht möglich, weil der Router nicht ohne funktionierte. Ach, man kann es nicht bestreiten: Die Welt, sie ist schwer verdrahtet.

Die Wiege des Drahts steht in Altena. Die ganze Stadt ist auf Draht, sie hat Drahtbäume sogar ins Stadtbild gepflanzt. Unterhalb der Burg, im ehemaligen Lyzeum der Stadt, findet sich ein echtes Unikat: das Deutsche Drahtmuseum. Wer es besucht, wird feststellen, was er über Draht alles noch nicht wusste.

Das fängt an beim Drahtzieher. Wenn man eines gewiss weiß über diesen Zeitgenossen, dann das, was in der Redewendung vorkommt: „Der Drahtzieher bleibt unbekannt.“

Der Beruf Drahtzieher

Das lässt sich aber leicht ändern, gerade wenn man Rüdiger Dulinski (74) kennenlernt, ehemals Drahtzieher von Beruf. Er hat den Job von der Pike auf gelernt, verfügt über mehr als 40 Jahre Berufserfahrung – und kann erklären, dass seit der Antike Menschen damit beschäftigt waren, Drähte tatsächlich zu ziehen. „Der Goldschmied war der erste Drahtzieher überhaupt“, so Dulinski.

So ein Draht ist ja tatsächlich nichts anderes als ein durch die enge Öffnung eines Zieheisens in die Länge gezwängtes Stück Metall. Und je öfter und dünner man es zieht, desto länger wird es. Das geschah ursprünglich von Hand, im Mittelalter dann mit einer Schaukel, auf der der Drahtzieher saß und mit seinem Körpergewicht effektiver am Draht zerren konnte – der sogenannte Schockenzieher.

Später dann, gerade in Altena, wo die Lenne fließt, wurde die Wasserkraft genutzt. Und wer die modernere Drahtzieherei erleben will, kann Dulinski beim Bedienen der motorgetriebenen Maschinen beobachten, die von 1920 bis 1952 industriell im Einsatz waren, wobei der Draht in einem Gang gleich dreifach gezogen wird.

Dünner als ein Nylonfaden

Der Laie schaut und staunt, was sich alles Draht nennt. Denn einige der dicken Stränge würde man mit ihren fast 40 Millimetern Durchmesser eher Metallknüppel nennen, während Dulinski sein feinstes Hightech-Drahtfädchen von der Spule zieht, das gerade mal 0,015 Millimeter Durchmesser hat – dünner als ein Nylonfaden und mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

In der ersten Etage geht es weniger um die Herstellung der Drähte, sondern um alles andere: Auch Arbeitsbedingungen und Arbeitsschutz, denn Drahtherstellung konnte auf die Gesundheit schlagen. Nach dreimaligem Ziehen musste der Draht in den Glühofen, damit er sich noch feiner ziehen ließ. Schon das war gefährlich: „Es ist urkundlich erwähnt, dass Altena dreimal abgebrannt ist, weil ein Drahtzieher beim Glühen eingeschlafen ist“, so Dulinski. Wenn aber mit dem Glühen alles gut gegangen ist, lagerte sich Zunder auf der Oberfläche ab. Und um den zu entfernen, benutzte man Salzsäure.

Darüber hinaus verblüfft, wie vielfältig Draht eingesetzt wird: Kein mittelalterliches Kettenhemd ohne, denn es war aus Drahtringen gewebt. Kein Schmuck. Keine Uniform- und Zierborten. Und was bringt das Klavier zum Klingen? Oder den Bass? Drahtsaiten! Sogar die Kugeln in Kugellagern bestehen daraus. In den modernen Betongebäuden steckt ein Skelett aus Draht. In Zahnklammern, Uhrfedern, Telegrafen- und Stromleitungen, ja sogar zu Salzstangenhaltern hat man ihn geformt. Ein Aha-Erlebnis zieht das nächste nach sich.

Der Erlebnisaufzug führt zur Burg

Auch dem Draht in der Sprache wird gebührende Aufmerksamkeit gewidmet, genau wie dem in der Kunst. So hängt eines von Günther Ueckers Nagelbildern, das aus Drahtstiften besteht, in der Kunstabteilung, ebenso Udo Sanders‘ „RaumZeitTanz“ und Stefanie Welks „Aufbruch“ – eine Bewegungsstudie aus Draht.

Wie so oft: Wenn man sich auf ein vermeintlich sprödes Thema eingelassen hat, wird man es danach mit anderen Augen sehen. Und jene, die eigentlich zur Hauptattraktion von Altena, der Burg, wollen, nehmen gern den neu eingeweihten „Erlebnisaufzug“. Auch der würde niemals die Strecke in die Höhe überwinden, wenn er nicht an Drähten hinge.

>> DAS LIEBSTE AUSSTELLUNGSSTÜCK

Luftig dreht es sich im Raum, sein filigranes Geflecht fällt genau wie Tüll, das Licht spiegelt sich darauf und es scheint im Dunkeln zu glühen. Das „Drahtkleid“ nebst Hut wurde von der Künstlerin Heike Wiggers für die Wiedereröffnung des Deutschen Drahtmuseums im Jahr 1999 entworfen. „Das ist mein Lieblingsstück“, erklärt Bernadette Lange, Museumspädagogin des Märkischen Kreises.

In dem edlen Kleid, das die Silhouette einer Frau nachempfindet, sind verschiedene Drähte aus Eisen, Kupfer-, Edelstahl- und Messingdraht verarbeitet, die auch im Alltag vorkommen. Das Kleid ist der Blickfang der Abteilung „Schmuck und Schutz“, in der auch Kettenhemden und Designer-Haushaltsgegenstände gezeigt werden.

>> MUSEUMSINFO: DRAHTMUSEUM UND BURG ZUSAMMEN BESUCHEN

Offene Führungen durchs Deutsche Drahtmuseum (Fritz-Thomée-Straße 12, Altena, 02352/9667411, maerkischer-kreis.de) gibt es an jedem 1. Sonntag im Monat um 11, 14 und 16 Uhr, bezahlt werden muss nur der Museumseintritt.

Eintrittskarten gelten nicht nur fürs Drahtmuseum, sondern auch für die oberhalb gelegene Burg Altena. Beide Häuser müssen nicht am selben Tag besucht werden. Preise: Erwachsene 6 €, mit Erlebnisaufzug 9 €, Kinder (4-17 J.) 2,50/4 €, Familienkarte (2 Erw., 4 Kinder) 12/20 €.

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