Mythos

Warum wir von Mythen und Halbwahrheiten so fasziniert sind

Hast du schon gehört? Die Schwester meiner Freundin, davon der Bruder des Freundes ... Über soziale Netzwerke verbreiten sich Mythen schnell.

Hast du schon gehört? Die Schwester meiner Freundin, davon der Bruder des Freundes ... Über soziale Netzwerke verbreiten sich Mythen schnell.

Essen.   Schon gehört? Jeder kennt unglaubliche Geschichten, die sich schneller verbreiten, als man sie erzählen kann. Was dahinter steckt.

Die folgende Geschichte ist wahr, denn ein Nachbar von einem Freund eines Kollegen hat sie selbst erlebt: Beim Einkaufen in einem Biomarkt irgendwo zwischen Rhein und Ruhr beobachtete er, wie ein Vorschulkind in der Schlange vor der Kasse immer wieder den Einkaufswagen dem Vordermann in die Hacken rollte. Als der solchermaßen Gepiesackte die Mutter des Jungen aufforderte, endlich einzugreifen, meinte die nur: „Tut mir leid, ich habe mein Kind antiautoritär erzogen.“ Daraufhin nahm der Mann ein Glas Honig aus seinem Wagen, schraubte es auf, und goss den Inhalt über den Kopf des Jungen. Als die Mutter sich darüber furchtbar aufregte, entgegnete der Mann: „Tut mir leid, ich bin auch antiautoritär erzogen worden.“

Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land

Merkwürdig ist nur, dass dieses Erlebnis in ähnlicher Form schon vor mehr als dreißig Jahren berichtet wurde, in unterschiedlichen Bundesländern, mit unterschiedlichen Details. Mal bekommt das Kind einen Wutanfall und reißt Dosen vom Regal, mal bekommt es keinen Honig auf den Kopf, sondern eine Ohrfeige verpasst, mal bekommt nicht das Kind, sondern die Mutter den Honig ab. Des Rätsels Lösung: Es handelt sich um eine urbane Legende, die von Person zu Person, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land weiterwandert. Weshalb Erzählforscher auch von modernen Sagen oder sogar „Wandersagen“ sprechen. Oder von FOAF-Geschichten – die Abkürzung steht für „Friend of a Friend“, also dem „Freund eines Freundes“, auf den man sich beim Weitererzählen gerne beruft.

Solche Einleitungsformeln werden nicht nur auffällig oft, sondern auch aus guten Gründen gewählt: „Diese ‚Dritte-Hand-Erzählung‘ hat den Vorteil, dass die Glaubwürdigkeit über Gewährspersonen erhöht werden kann“, berichtet die Literaturwissenschaftlerin und Erzählforscherin Simone Stiefbold von der Universität Zürich. Außerdem gelte: „Zugleich hat man als Erzählerin oder Erzähler über den Einschub anderer Personen die nötige Distanz, um bei angebrachten Zweifeln darauf verweisen zu können, dass man es auch nur gehört habe.“

Dass ein Kita-Kind im Kölner Zoo neulich im Pinguin-Gehege ein Pinguin-Baby in die Tasche steckte und die Tiermitnahme von den Erzieherinnen erst nach Rückkehr in die Kita entdeckt wurde, sollte man deswegen also nicht für bare Münze nehmen, selbst wenn es von der Freundin einer Freundin brühwarm erzählt wurde. Denn eine verdächtig ähnlich klingende Geschichte kursierte Anfang der 1990er-Jahre bereits in Großbritannien über den Londoner Zoo.

Erzählungen aktualisieren sich

Gute Geschichten wandern durch die Welt und durch die Zeit. Dabei wandeln sich nicht nur die Orte, weiß Simone Stiefbold: „Die Erzählungen sind anpassungsfähig, veränderbar und können aktualisiert werden. Im Märchen kann der Prinz mit der Eisenbahn kommen, in Sagen kann ein böser Dämon auch mal vom Arzt entfernt werden.“

Würden urbane Legenden mit der Formulierung „Es war einmal …“ beginnen, wäre es wohl einfacher, ihren fiktiven Charakter zu erkennen und zugleich ihre Verwandtschaft zu den „Ammenmärchen“, die man früher Kindern erzählt hat. Die gelten inzwischen – auch wenn es in ihnen oft recht blutig zugeht – als pädagogisch wertvoll: „Kinder brauchen Märchen“, forderte in den 1970er-Jahren ein vielzitiertes Buch des Psychoanalytikers Bruno Bettelheim schon im Titel. „Und Erwachsene ebenso“, könnte die aktuelle Fortsetzung lauten.

So müssen sich etwa Konzerne wie Ikea, Toys“R”Us oder Walmart immer wieder gegen Berichte verwahren, dass Kinder von Kunden in den Geschäftsräumen erst verschwanden und dann verstört, unter Drogen gesetzt oder kahl geschoren wieder auftauchten – selbst wenn die ersten Belege für solche angeblichen Vorkommnisse bis in die 1970er-Jahre zurückreichen und ähnliche Grusel-Storys sogar schon seit Jahrhunderten in aller Welt kursieren.

Geschichten sind oft eine Warnung

„Motive wie Kinderraub durch Fremde, unvorsichtige Mutter oder unvorsichtiger Vater sprechen unter Eltern verbreitete Ängste an“, erklärt Stiefbold das Phänomen. Man könne zwar den Wahrheitsgehalt widerlegen, nicht aber die damit verbundene Warnung, so die Erzählforscherin. Und die laute eben: „Selbst wenn so etwas nicht passiert ist, so könnte es doch in ähnlicher Form überall passieren. Passt also auf eure Kinder auf.“

Manchmal sorgt die Literaturwissenschaft sogar selbst für die flächendeckende Verbreitung. Siehe etwa das Märchen von Hänsel und Gretel. So richtig populär machten dieses Protokoll einer schiefgelaufenen Forstwanderung erst zwei Göttinger Germanisten namens Jacob und Wilhelm Grimm, die es vor gut 200 Jahren in ihre berühmten „Grimm’schen Hausmärchen“ übernahmen. Ein modernes Beispiel liefert der (wiederum Göttinger) Germanist Rolf Wilhelm Brednich: Mit Titeln wie „Die Spinne in der Yucca-Palme“, „Die Maus im Jumbo-Jet“ oder „Das Huhn mit Gipsbein“ konnte der Sammler moderner Großstadt-Sagen seit den 1990er-Jahren zahlreiche Bestseller landen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Von Blondinen und Braunbären

Denn auch weiterhin werden entführte Blondinen im Harem aufwachen, Pudel in der Mikrowelle landen oder Skorpione in Bananenkisten auftauchen. Und irgendwo auch in unserer Nähe wird vielleicht schon nächste Woche jemand im Treppenhaus von einem Skifahrer überholt oder beobachtet Fahrrad fahrende Braunbären im Wald.

Durch Soziale Medien wird die Verbreitung solcher „Tatarennachrichten“ natürlich einfacher, ein Fingertipp auf dem Smartphone genügt. „Das Internet fungiert auch als Erzählgenerator“, so Stiefbold. Zugleich sei die Digitalsphäre aber keine erzählerische Einbahnstraße: „Moderne Sagen können vom Netz ausgehend auch wieder mündlich in der sozialen Interaktion weitergegeben werden: ‚Weißt Du, was ich gelesen habe?! Das ist wirklich unglaublich!‘ und so weiter.“

Eine Garantie dafür, dass nirgendwo Vogelspinnen aus Bananenkartons krabbeln, möchte die Züricher Expertin aber auch nicht geben: „Moderne Sagen sind zwar häufig unwahren Inhaltes, können aber auch wahre Begebenheiten schildern oder einen sogenannten ‚wahren Kern‘ haben.“

>> ARZT HEINZ-WILHELM ESSERN WARNT VOR DEN GESUNDHEITS-MYTHEN

Besonders in den ersten Wochen eines neuen Jahres nehmen sich viele vor, mehr auf ihre Gesundheit zu achten. Dabei gibt es diverse Stolperfallen – kaum ein Bereich ist von so vielen Mythen, Halb- und Unwahrheiten durchzogen. „Mein Lieblingsmythos ist der vom Entschlacken des Darms und des Detox’“, erzählt Heinz-Wilhelm Esser. Denn damit werde unheimlich viel geworben und versucht, unendlich viele „Mittelchen und Süppchen“ zu verkaufen. „Angeblich soll so die Schlacke aus dem Darm entfernt werden. Dabei ist der Darm das ästhetischste Organ, das man sich vorstellen kann und das keiner Entgiftung bedarf.“ Doch hält sich dieser Mythos hartnäckig in den Köpfen der Menschen.

Viele Halbwahrheiten

Und natürlich ist das nicht die einzige Unwahrheit, die es gibt. Esser fallen auf Anhieb noch weitere Beispiele ein: Sei es basische Ernährung, die angeblich den Basen-Säure-Haushalt regulieren soll. Supergesundes Superfood. Oder Fasten als Weg zur Gewichtsreduktion.

Doch woher kommt es, dass so vielen falschen Behauptungen rund um die Gesundheit Glauben geschenkt wird? „Ich glaube, dass viele Leute es eben gerne einfach hätten. Das ist ja in diesen Mythen ganz viel drin: Mit wenig Input und Energie von Dir selbst kannst Du Deinen Körper ganz nach vorne bringen.“ Das sei natürlich sehr verlockend. Zudem stünden hinter vielen Gesundheitsversprechen eben auch finanzielle Interessen, die über ausgeklügelte Marketingstrategien beflügelt werden würden.

Praxis Doktor Google

Seit es das Internet gibt, konsultieren viele Menschen, bevor sie zum Arzt gehen, „Doktor Google“. Sprich: Es werden alle Symptome in die Internetsuchmaschine eingegeben und anhand der Ergebnisse eigene Schlüsse gezogen.

Glauben die Menschen seitdem an mehr Mythen oder sind sie aufgeklärter geworden? „Ich glaube, das verhält sich ausgeglichen“, erklärt Esser. An und für sich spräche ja auch nichts dagegen, sich vor dem Gang zum Arzt zu informieren. „Die Leute müssen heute als erstes lernen, mit ‚Doktor Google‘ umzugehen.“ Was bedeutet: Zu prüfen, dass zu jeder Behauptung auch Quellen angegeben werden. Und darüber hinaus im Impressum nachschauen, wer eigentlich der Herausgeber der Webseite sei. „Steht da ein Konzern, der Interesse daran hat, dass ich ein bestimmtes Produkt kaufe oder ist es einfach ein Expertenkreis, der möchte, dass eine bestimmte Information gestreut wird?“ Und am Ende gilt nach wie vor: „Ich würde im Zweifelsfall immer den Gang zum Arzt des Vertrauens wählen.“

>> AUTOR BERND HARDER ÜBER MYTHEN IM WANDEL DER ZEIT

Bernd Harder ist Pressesprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und Autor diverser Bücher über populäre Irrtümer. Kathrin Gemein sprach mit ihm über die Aktualität urbaner Mythen.

Herr Harder, wie lautet das Rezept für einen guten Großstadtmythos?

Eine packende Geschichte mit den immer aktuellen Motiven von Liebe, Angst und Grusel gehören dazu, und dann natürlich ein durchdachtes Setting und glaubhaft handelnde Personen. Wichtig ist es, eine Story zu entwickeln, welche die treibenden Emotionen der Leser oder Zuhörer erreicht. Je mehr Gefühl und je weniger Verstand, desto besser.

Wie haben sich urbane Mythen in den letzten Jahren verändert?

Ich denke, die sympathischen Geschichten von einst, von der Spinne in der Yucca-Palme oder dem Huhn mit dem Gipsbein, sind stark in den Hintergrund getreten. Mittlerweile dominieren neue Erzählformen, wie Fake News und Verschwörungstheorien, aber auch internetbasierte Mythen – wie etwa die tote Freundin, die aus dem Jenseits Nachrichten über Facebook verschickt, oder Horror-Kettenbriefe via WhatsApp, in denen angeblich echte Gruselgestalten Kinder und Jugendliche mit massiven Drohungen auffordern, den Blödsinn an 20 Freunde weiterzuschicken.

Wo liegt der Unterschied zwischen urbanen Mythen, Verschwörungstheorien und Fake News?

Moderne Sagen oder urbane Mythen hatten – trotz ihres moralisierenden Impetus – Unterhaltungscharakter. Und auch die Verbreiter wussten selbst nicht so recht, was sie eigentlich von den kuriosen Geschichten halten sollten. Fake News dagegen sind faktenverzerrende Falschnachrichten, die bewusst in die Welt gesetzt werden, um bestimmte Ziele damit zu erreichen – etwa die öffentliche Meinung zu beeinflussen, andere in Misskredit zu bringen oder zu schädigen. Verschwörungstheorien wiederum sind vergleichsweise komplexe Welterklärungsmodelle, bei denen es im Kern darum geht, sinistre Verursacher für alles zu finden, was einem Unbehagen bereitet und was man nicht mehr versteht.

Gibt es Beispiele für aktuelle urbane Mythen?

Es gehen tagtäglich zahllose Fake-Gewinnspiele, schlechte Scherze, Falschmeldungen, Fotomanipulationen, Pseudo-Petitionen, Halbwahrheiten, Clickbaits oder Kettenbriefe um – aber eben online, über die sozialen Medien. Dass mir jemand Face-to-Face eine Wandersage erzählt hat, die ich noch nicht kannte, daran kann ich mich kaum noch erinnern. Das muss wohl 2001 gewesen sein, nach den Anschlägen vom 11. September. Da hat jeder vom „dankbaren Araber“ gesprochen, der angeblich Leute, die ihm seine verlorene Geldbörse zurückgebracht hatten, davor warnte, in nächster Zeit bestimmte öffentliche Großveranstaltungen zu besuchen.

Hat sich das Tempo der Verbreitung noch mehr gesteigert?

Wenn man die sozialen Medien unmittelbar nach emotional aufwühlenden Ereignissen – wie zum Beispiel die Terroranschläge auf die Weihnachtsmärkte in Berlin oder Straßburg – verfolgt, dann dauert es heute nur noch wenige Minuten, bis die aberwitzigsten Spekulationen, Fake News und Verschwörungstheorien abgehen.

Gibt es einen urbanen Mythos, den Sie besonders faszinierend finden?

Von den aktuelleren Sachen den „Slender Man“. Das ist ein Internet-Meme und mittlerweile eine Horrorfilmgestalt, die für einen Online-Fotowettbewerb erfunden wurde und als „wahre Geschichte“ durchs Netz geistert. 2013 haben in den USA zwei junge Mädchen versucht, eine Mitschülerin zu töten, um dem „Slender Man“ ein Opfer zu bringen. Beide wurden zu langjährigen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten verurteilt. Es ist offensichtlich, dass die Mädchen erhebliche seelische Probleme hatten. Nichtsdestotrotz zeigt diese Episode, welche Eigendynamik moderne Mythen noch immer entwickeln können.

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