Zufall

Warum der Zufall unser Leben mehr beeinflusst als wir denken

Und wenn wir die Zahlen noch so sehr beschwören: Sobald die Würfel fallen, ist das Ergebnis reiner Zufall.

Foto: kiko_jimenez

Und wenn wir die Zahlen noch so sehr beschwören: Sobald die Würfel fallen, ist das Ergebnis reiner Zufall. Foto: kiko_jimenez

Essen.   Wir wollen daran glauben, dass unser Leben planbar ist. Doch damit klammern wir den Zufall aus. Er spielt öfter eine Rolle als wir denken.

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind einzigartig! Und allein die Tatsache ihrer Existenz ist so unglaublich unwahrscheinlich, dass Sie schon deshalb an den Zufall glauben müssten. Und dann halten Sie auch noch diesen Text in der Hand. Was für ein Zufall!

Dass ein Mensch so ist, wie er ist, kann man nur als Folge einer schwer fassbaren Zahl von Zufällen erklären: Allein bei der Zeugung eines Menschen machen sich 100 bis 150 Millionen Spermien auf den Weg zur Eizelle. Das heißt, die konkrete Kombination von Eigenschaften, die jeder von uns bei der Zeugung mit auf den Weg bekommen hat, tritt nur mit einer Wahrscheinlichkeit geringer als 1: 100 000 000 ein.

Und nun rechnen wir mal rund 2000 Jahre zurück, also etwa 60 Generationen, die ja auch alle eine solch geringe Chance der Existenz gehabt haben, was die Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines bestimmten Menschen schon ins beinahe Unermessliche sinken lässt. Vor allem, wenn man noch die Zufälligkeit einbezieht, mit der sich eben ausgerechnet jene Mütter und Väter der jeweiligen Generationen begegnet sind und sich verliebt haben – oder verheiratet wurden.

Wenn Zufälle sich falsch anfühlen

Dem Zufall verdanken wir unsere Existenz – und der Zufall beeinflusst unsere Existenz. Was in einer Welt, in der wir meinen, alles zu kontrollieren und mittels Computern planen und berechnen zu können, oftmals schwer zu akzeptieren ist. Auch weil wir mitunter eine etwas eigenwillige Wahrnehmung des Zufälligen in unserem Leben haben.

Man stelle sich vor: Man würfelt sechsmal hintereinander mit einem sechseitigen Würfel. Hier nun drei mögliche Ergebnisse:

6-6-6-6-6-6

1-2-3-4-5-6

4-2-4-1-6-3

Ist eine der drei Folgen wahrscheinlicher als die andere? Die meisten Menschen würden tippen, dass die beiden oberen Folgen unwahrscheinlicher sind als die untere. Tatsächlich aber sind alle drei gleich wahrscheinlich. Wenn wir jedoch ein Muster erkennen, glauben wir nicht so recht, dass es zufällig entstanden ist.

Das Phänomen der gefühlten Zufälligkeit

Das Phänomen der gefühlten Zufälligkeit machte auch Apple nach der Einführung ihres ersten iPods zu schaffen: Die Benutzer stellten auf Shuffle, also auf die zufällige Wiedergabe von Songs. Und plötzlich lief nach einem Song ein weiterer Titel desselben Interpreten oder gar derselbe Song nochmal – was für Proteste sorgte, weil jeder zunächst argwöhnte, dass dies doch nun wirklich kein Zufall sein könne. Dabei war es genau dies: der reine Zufall, der sich aber eben nicht so anfühlt.

Um ein besseres Gefühl der Zufälligkeit zu erzeugen, bauten die Programmierer ein paar Routinen ein, die verhinderten, dass Songs desselben Interpreten oder gar desselben Albums direkt hintereinander abgespielt wurden. Die Zufälligkeit war somit keine mehr – aber gefühlt war nun alles zufälliger als zuvor.

Wahrnehmung gegen Zahlen

Auch wie wir Gefahren in unserem Leben beurteilen, hängt stark von unserer Wahrnehmung ab. Eine der gefühlt größten Gefahren der vergangenen Jahre ist die durch islamistischen Terror. Bei allem Leid und Schrecken, der dadurch entstanden ist: Der nüchterne Blick auf die Zahlen spricht für sich. Im Jahr 2016 sind in Europa 135 Menschen durch islamistischen Terror getötet worden. Eine furchtbar Zahl.

Jedoch: Im selben Zeitraum sind in Deutschland rund 10 000 Menschen bei Unfällen im Haushalt ums Leben gekommen. Die Wahrscheinlichkeit, auf diese Weise zu sterben, ist also ungleich höher. Dennoch schauen wir uns beim Betreten der eigenen Wohnung nicht ängstlich um, während man an Bahnhöfen, Flughäfen und bei öffentlichen Veranstaltungen in den letzten Jahren oft misstrauisch um sich geblickt hat.

Vermeintliche Gesetzmäßigkeiten

Auch im Job würfelt der Zufall manchmal mit. Dass man sich acht Semester mit einem BWL-Studium abgemüht hat, um einen Einser-Abschluss zu machen, garantiert nicht, dass man fortan in die Riege der Spitzenmanager aufsteigt. Genauso gut kann die Karriere an der falschen Position ins Stocken geraten – oder durch eine Entlassungswelle beendet werden. Umgekehrt kann es vorkommen, dass ein Schulabbrecher mit einer zündenden Idee zum Millionär wird. Vermeintliche Gesetzmäßigkeiten (Studium – guter Job – Führungsposition) werden vom Hirn aber gern akzeptiert, weil man daraus Verhaltensweisen ableiten kann. Es sei denn, der Zufall pfuscht mit rein.

Ein weiteres Phänomen im Zusammenhang mit dem Zufall: Im Nachhinein lassen sich Kausalketten rekonstruieren, die zu einem Erfolg geführt haben. Aber sie konkret vorherzusagen, ist unmöglich.

Allerdings: Sich im Umkehrschluss ganz auf den Zufall zu verlassen, wäre wenig erfolgsversprechend. Erich Kästner formulierte: „Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika.“ Aber man muss schon Chancen erzeugen, damit etwas eintreten kann. Wer überhaupt nicht nach Indien losfährt, wird Amerika gewiss nicht entdecken.

Aus der Leistung (losfahren) und einen zwangsläufigen Erfolg (Entdeckung!) abzuleiten, wäre vermessen. Obwohl dieser Gedanke im Denken der westlichen Gesellschaften verankert ist. Das kann mitunter tückisch sein. „Wenn man die Bedeutung des Zufalls ignoriert und den Leuten einredet, dass nur die persönliche Leistung den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht, dann erschaffen wir eine Welt von deprimierten Gescheiterten, die sich für unwürdige Verlierer halten, und arroganten Erfolgreichen, die davon überzeugt sind, überlegene Auserwählte zu sein“, schreibt der Physiker und Wissenschaftsexperte Florian Aigner im gerade erschienen Buch „Der Zufall, das Universum und Du“. Wer scheitert, sollte nicht ausnahmslos den Fehler bei sich suchen, sonst landet er auf der Couch eines Therapeuten. Er sollte neue Chancen erzeugen, denn manchmal entscheidet nur der Zufall.

>> DER MANN, DEN DER BLITZ ACHTMAL TRAF

Der US-amerikanische Ranger Roy Sullivan hatte sich den Spitznamen „der Blitzableiter von Virginia“ mehr als redlich verdient: Acht Mal wurde er in seinem Leben vom Blitz getroffen, öfter als jeder Mensch zuvor.

Ein Guinness-Rekord, auf den er gern verzichtet hätte. Allerdings: Er hatte einen Job im gewitterträchtigen Shenadoah-Nationalpark in Virginia. Selbst ohne die Freiluft-Arbeit hätte es ihn außergewöhnlich oft erwischt: Als junger Mann fuhr der Blitz beim Weizenmähen in seine Sense, als Rentner traf er ihn beim Fischen auf einem See.

Zur Statistik: Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, beträgt in Deutschland pro Jahr 1 : 6 000 000. Sullivan hatte durch seinen Job an der frischen Luft sicherlich sein Risiko ein Stück weit erhöht. Trotzdem muss es ein extremer Zufall gewesen sein, dass er als lebender Leiter so oft den Blitz anzog. In früheren Zeiten hätten die Zeitgenossen solche Zufälle bestimmt als göttliche Fügung interpretiert. Er selbst aber meinte dazu: „Ich glaube nicht, dass Gott hinter mir her ist. Wenn er es wäre, hätte schon der erste Blitzschlag gereicht.“ Achtmal ein solch außerggewöhnliches Ereignis zu er- und dann auch noch zu überleben ist, eben nur eines: Zufall.

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