Weihnachten

Wann stehe ich in der Messe auf? Eine Weihnachts-Kirchfibel

Kinderaugen strahlen im Weihnachtsgottesdienst. Die Jüngsten müssen noch nicht die Abläufe kennen, von Erwachsenen erwartet man es hingegen schon.

Foto: Michael May

Kinderaugen strahlen im Weihnachtsgottesdienst. Die Jüngsten müssen noch nicht die Abläufe kennen, von Erwachsenen erwartet man es hingegen schon. Foto: Michael May

  Manche Christen gehen nur einmal im Jahr zur Kirche, da kann man mal etwas vergessen. Hier ein paar nützliche Hinweise für den Gottesdienst.

Ihr Kinderlein kommet? Zumindest einmal im Jahr finden viele den Weg in die Kirche, natürlich ausgerechnet an Heiligabend. Aber im Laufe eines Jahres kann man schon mal unsicher werden. Deshalb hier ein paar nützliche Hinweise für jene, die nur einen einzigen Gottesdienst im Jahr besuchen.

1. Bin ich willkommen?

Der Herr liebt alle seine Kinder, nur schauen manche der eifrigeren Kirchgänger zur Weihnacht dennoch ein wenig argwöhnisch auf die umgangssprachlich „U-Boot-Christen“ getauften Gottesdienstbesucher, die nur einmal im Jahr auftauchen. Sind sie Protestant? Dann fallen Sie als Einmalgänger kaum auf, in Westdeutschland zählen gerade noch 7 Prozent der evangelischen Christen zu den Häufiggängern – und in der Masse der 93 Prozent sticht so ein Einmalgänger gewiss nicht besonders heraus. Grundsätzlich gilt: Wer einmal getauft ist und dazu auch noch Kirchensteuer zahlt, hat das Recht, dabei zu sein. Daran können auch empfindliche Stammgänger nicht rütteln.

2. Zu welchem Gottesdienst?

Für die meisten keine große Frage. Heiligabend ist für sie der Tag, die Frage ist nur: Geht man am späten Nachmittag, um die Bescherung zeitig zu schaffen? Oder mag man es besonders feierlich und besucht die Spät- oder gar Mitternachtsmesse? Letztere stellt Frühaufsteher auf die Probe, denn gerade an Heiligabend dauert die Messe ja meist ein bisschen länger. Selbst wer sie nur einmal im Jahr hört, kann einer gewissen Routine anheimfallen, denn es wird ja auf jeden Fall die Weihnachtsgeschichte (Lukas 2: „Es begab sich aber zu der Zeit...“) zum Vortrag kommen. Feingeister können immerhin die Ohren spitzen, ob sie nun die überarbeitete Übersetzung der Lutherbibel oder der katholischen Einheitsübersetzung zu Gehör bekommen, die beide erst seit dem Fest im vergangenen Jahr im Einsatz sind. Man erkennt sie am leichtesten an zwei außergewöhnlichen Wörtern: In der Lutherbibel taucht neuerdings das vermeintlich angestaubte „daselbst“ auf, in der katholischen ein „siehe“. Die besagten Stellen: „Und als sie daselbst waren, kam die Zeit…“ (Lk 2,6) und „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch“ (Lk 2,10). Wer nicht ganz so viel Wert auf Feierlichkeit legt, dafür aber seinen christlichen Pflichten (und Freuden) nachkommen will, kann auch gut am Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertags gehen.

3. Wo sitzen?

Eine Kirchenbank ist kein Liegestuhl am Pool auf Mallorca. Wer also schon eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes als Vorhut des Familienclans auftaucht, um mit Jacken, Schals und sonstigen Utensilien die besten Plätze zu reservieren, benimmt sich daneben. Wichtig zu bedenken: Die vorderen Sitze sind nicht automatisch die besten, denn bei katholischen Gottesdiensten wird in der Heiligen Nacht nicht gerade zimperlich mit Weihrauch umgegangen. Was manchem ungeübten Vornesitzer angesichts der dicken, wohlriechenden Schwaden die spontane Bleiche ins Antlitz getrieben hat…

4. Mitsingen oder nicht?

Jede Stimme zählt: Der Herrgott hört beim Singen nicht nur die schönen Stimmen gern, auch wenn man das meinen könnte. Und so finden sich in jedem Gottesdienst auch jene Christen, die statt zu singen nur wie die Karpfen den Mund öffnen und schließen.
Mehr zum Weihnachtssingen auf der Seite „Mittendrin“.

5. Aufstehen? Setzen? Knien?

Ein schwieriges Thema zumindest bei Katholiken und Protestanten, die eine fast schon komplizierte Choreografie für ihre Gottesdienste entworfen haben. Zu Weihnachten folgen die Katholiken derselben Logik wie an den meisten anderen Tagen des Jahres: Beim Zuhören sitzt man, bei symbolhaften Handlungen und Gebeten steht man und bei der Wandlung kniet man. Wer nun nicht weiß, wie der Gottesdienst-Ablauf ist, kann in den neuen Ausgaben des Gotteslobs die Nummer 582 nachschlagen. Ansonsten kann man es sich konfessionsabhängig ganz einfach machen, indem man der Schwarmintelligenz folgt, denn so sekundengenau reagiert keine Gemeinde, dass ein Nachahmer dabei unangenehm auffiele. Die evangelisch-reformierten Christen haben es am einfachsten, sie sitzen die ganze Zeit, bis auf den Segen.

6. Wie aufmerksam bleiben?

Das liegt weniger in der Hand der Gottesdienstbesucher als im Vermögen der Prediger. Es gibt, bei der Weihnachtspredigt, ja keine unendliche Interpretationsvielfalt, mit der man stets neue Aspekte der uralten Geschichte beleuchten kann. Dass Jesus der Sohn eines Flüchtlingspaares war, ist nicht erst 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle zum ersten Mal festgestellt worden. Und „Frieden auf Erden“ stand gewiss schon vor Jahrhunderten im Mittelpunkt von Predigten, auch wenn das Thema zeitlos ist. Hier haben jene einen Vorteil, die nur alle paar Jahre zu Weihnachten in die Kirche gehen: Sie haben wahrscheinlich noch nicht alle Variationen und Sichtweisen gehört – und lernen so etwas, das für routinierte Christen ein alter Hut ist.

7. Applaus beim Krippenspiel?

Das kommt auf die Gemeinde und den Pfarrer an. Der Impuls zu applaudieren ist natürlich da, wenn die Kinder Maria und Josef, Ochs und Esel hübsch dargestellt haben. Doch darf man das? Strenge Pfarrer sehen es nicht gern, weil es ja Teil des Gottesdienstes ist. Andere sehen es als Ermutigung der Kinder an – und lassen es gern zu.

8. Wann gehen?

Eigentlich trivial: Schluss ist, wenn Schluss ist. Was bei den Katholiken den in heutigen Ohren fürchterlich klingenden Titel „Entlassung“ trägt. Es wird der zugehörige Segen gesprochen. Priester: „Gehet hin in Frieden.“ Gemeinde: „Dank sei Gott dem Herrn.“ Oder: „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden“ (Num 6,24-27). Schwierig machen es die Ausreißer mit folgender Unsitte: Die besonders effizienten unter den Besuchern schleichen sich nach dem Abendmahl hinaus. Wobei man sich fragt: Wenn sie so lange ausgeharrt haben, warum werden sie zum Schluss dann hektisch? Denn wenn es eine Nacht des Jahres geben sollte, in der man ein wenig mehr Ruhe und Frieden finden sollte, ist es für Christen ja wohl die Heilige Nacht.

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